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Kolumne

Jahresziele setzen ist sinnlos!

03.02.2024

Wilf Gasser, Pastor und Gemeindeberater aus Neftenbach ZH. Foto: zvg
Wilf Gasser, Pastor und Gemeindeberater aus Neftenbach ZH. Foto: zvg

Als Pastor habe ich für meine persönliche Entwicklung mehrmals zum Jahres­beginn Ziele definiert. Für die Kirche musste ich eine Zeit lang meinen Vorgesetzten Ziele für den Gemeindebau vorlegen. Diese sollten möglichst SMART (spezifisch, messbar, ausführbar, realistisch, terminiert) sein. Im Rückblick stelle ich fest: Es hat nur bedingt funktioniert. Meist waren die Jahresziele nach einem Vierteljahr bereits vergessen.

Wo es mit Zielen funktioniert – und wo nicht

In einem Geschäft braucht es Budgetziele, Verkaufsziele, Marketingziele und ähnliche mehr. Diese sollten möglichst klar – eben SMART sein. Sonst nützt es nicht viel. Nach der Zieldefinition kommt aber ein wichtiger weiterer Schritt dazu. Man muss eine Strategie definieren. Es braucht ein klar definiertes Vorgehen, um die Ziele zu erreichen. Im Gemeindebau und im Pastoren­dienstleben ist es hingegen nicht ganz so einfach. Für die gemeindliche und persönliche geistliche Entwicklung lassen sich kaum vernünftige SMART-Ziele setzen.

Persönliche geistliche Entwicklung

Inzwischen arbeite ich an meiner persönlichen geistlichen Entwicklung mit der Definition von Rollen und jeweils ein bis zwei Schwerpunkten als Strategie. Als Erstes definiere ich Rollen für jeden Bereich meines Berufes sowie für mein privates Leben. Zum Beispiel „Seelsorger“, „Prediger“, „Gemeindeleiter“, „Teenieclub-Leiterteam-Coach“ respektive „Ehemann“, „Vater“, „Sohn“, „Freund“ – weder zu detailliert noch zu all­gemein.

Als Zweites überlege ich mir zu jeder Rolle, in welcher Richtung ich mich ungefähr entwickeln möchte. Bei der Rolle „Seelsorger“ könnte ein Zielzustand sein: weniger reden, mehr zuhören und hilfreiche Fragen stellen.

Als Drittes überlege ich mir, mit welchen Schritten – höchstens zwei pro Rolle! – ich dahin kommen könnte. Bei der Rolle „Seelsorger“ könnten die Schritte so aus­sehen: Ich zeichne (natürlich mit Einverständnis der ratsuchenden Person!) ein Gespräch auf Video auf und analysiere nachher, wie lange meine Sprech- und Hör­zeiten gedauert haben und welche Fragen ich mit welcher Wirkung gestellt habe. Zudem erstelle ich eine Liste von guten Fragen, welche ich in jedem Gespräch in Griffnähe habe.

Wenn ich das so im Überblick vor mir habe, bete ich darüber und streiche noch ein paar Schritte, da ich mir meist zu viel vornehme. Jetzt kommen die Schritte auf die nächsten Wochen und Monate verteilt in die Agenda. Ich würde mir also an einem Wochentag zwei Stunden reservieren, um eine Liste von guten Fragen zu erstellen. 

Gemeinde-Entwicklung

Im Bereich der Gemeinde-Entwicklung nehmen wir uns als Leitungsteam einmal im Jahr ausführlich Zeit, um von der Vision ausgehend – welche ebenfalls eher allgemein formuliert ist – über mögliche Schwerpunkte nachzudenken. Wir fragen Gott und überlegen aufgrund der aktuellen Herausforderungen, welche drei bis fünf Schwerpunkte zu setzen sind. Jeder Schwerpunkt hat jeweils ein bis drei Massnahmen oder Schritte bezüglich Umsetzung. Am Ende des Jahres nehmen wir meistens einen bis zwei Schwerpunkte mit ins nächstes Jahr, da gewisse Entwicklungen länger dauern.

Die geplanten Schritte müssen überprüft werden

Sei es im persönlichen Leben oder auch in der Kirche: Es nützt nichts, wenn die erkannten nötigen Schwerpunkte und Schritte nur auf dem Papier beschrieben bleiben. Sie müssen in den Wochen- und Monatsplan und in der Kirche in die Programme, welche veröffentlicht werden. Zudem ist es wichtig, periodisch zu prüfen, ob es gelingt und wie es sich auswirkt.

Damit Leitungspersonen in der Kirche wie auch im persönlichen Leben sinnvolle Schwerpunkte und Schritte definieren können, benötigen sie eine gute Selbstleitung. Es lohnt sich, bei sich selbst mit der geistlichen und fachlichen Entwicklung zu beginnen.

Wilf Gasser (61) ist Pastor der Mosaik-Kirche Neftenbach ZH und leitet das ifge, das Weiterbildungsinstitut des Theologischen Seminars St. Chrischona tsc im Bereich Leiterschafts- und Gemeinde-Entwicklung. Ein ausführlicherer Text erschien im ifge-Newsletter.
ifge.academy

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