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Porträt

Hans Küng – Freigeist, Weltbürger, Christ. Sein ambivalentes Erbe

07.04.2021

Hans Küng in der Synagoge in Hechingen am 2. März 2009. Bild: Wikipedia (ohne Angabe des Fotografen; GNU-Lizenz für freie Dokumentation)
Hans Küng in der Synagoge in Hechingen am 2. März 2009. Bild: Wikipedia (ohne Angabe des Fotografen; GNU-Lizenz für freie Dokumentation)

Am 6. April 2021 starb der katholische Theologe Hans Küng friedlich in seinem Haus in Tübingen. Küng, der 1928 in Sursee im Kanton Luzern geboren wurde, wurde nach Studienjahren an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom 1954 zum Priester geweiht. 1957 legte er seine vielbeachtete Dissertation „Rechtfertigung“ vor, in der er Karl Barths Rechtfertigungstheologie aus der Perspektive einer „katholischen Besinnung“ würdigte. In jungen Jahren wurde Küng 1960 auf den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an der Katholischen Fakultät der Universität Tübingen berufen. Küng gehörte zu den „Teenager“-Theologen des Zweiten Vatikanischen Konzils, ähnlich wie der um ein Jahr ältere Joseph Ratzinger. Er holte Ratzinger auf den benachbarten Lehrstuhl in Tübingen. In der Debatte um Tradition, Moderne und in den politischen Auseinandersetzungen nach 1968 wurde die Differenz zwischen beiden tiefer, und erwies sich letztlich als unüberbrückbar.

Küng schrieb seit den sechziger Jahren vielbeachtete und in viele Sprachen übersetzte Bücher über die Kirche, die Existenz und das Wesen Gottes. Seine Auffassungen lösten sich in helvetischer Freisinnigkeit immer weiter von Rom. Das aus dem Ersten Vatikanischen Konzil stammende Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes griff Küng frontal an. Der Entzug der Kirchlichen Lehrerlaubnis 1979 war die Folge. Die Universität Tübingen ermöglichte ihm einen Lehrstuhl außerhalb der Fakultät und Küng begann eine weltweite Wirksamkeit.
Ins Zentrum rückte nun die Arbeit an einem „Weltethos der Religionen“, ausgehend von der Grundauffassung, dass die ethische Essenz der Goldenen Regel in allen Weltreligionen präsent sei. Küngs Maxime war, dass es keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden geben kann. Früh, noch in der Zeit der Ost-West-Konfrontation, erkannte Hans Küng, dass Religion die Kulturen bestimmt und die Menschheit dauerhaft prägt.

Bedeutend ist auch seine Auseinandersetzung mit moderner Naturwissenschaft: Küng konnte überzeugender Apologet sein.

Sein Blick auf die Weltreligionen betonte das Verbindende der Ethik, das Unterscheidende in der Gottesfrage trat eher in den Hintergrund. Allzu sehr war die Lessingsche Ring-Parabel als Zeugnis der Toleranz der Dreh- und Angelpunkt von Küngs Theologie der Religionen.
Seine „Christologie von unten“ wirkte stark auf die Befreiungstheologie. Die Souveränität des allmächtigen Gottes, die Andersheit der christlichen Botschaft gegenüber dieser Welt akzentuierte Küng eher wenig. Politische und kirchliche Fragen schoben sich immer wieder vor Wahrheitsfragen. Die Moderne war für Küng, anders als für seinen großen Kontrahenten Ratzinger, ein durchgehend positiv besetzter Begriff.

Küng hatte früh die historisch-kritische Methode als essentiell in seine Theologie aufgenommen. Es ist eine gewisse Tragik, dass er, der die katholische Theologie maßgeblich auf das Wort Gottes öffnet, zugleich eine Methode zugrunde legt, die die Gültigkeit und Autorität dieses Wortes wiederum relativiert.

So ist sein Erbe ambivalent: Ein Humanist und Menschenfreund, ohne Zweifel, der aber vieles lehrte, was auch ein kluger Humanismus lehren kann. In seiner dreibändigen Autobiographie legte er spannend, aber auch sehr selbstbewusst, Zeugnis seines Weges in die „Erkämpfte Freiheit“ ab. Ratzinger war immer das Gegenüber, an dem er sich maß – und den Wettkampf nach eigener Auffassung gewann. Küng verfügte über außerordentliche Begabungen, eine Erstaunen erregende Produktivität und rhetorische Überzeugungskraft. Seine Bemühung richtete sich auf eine Modernisierung von Theologie und Kirche, wobei die Gefahr bestand, das von kirchlicher Macht unabhängige Fundament preiszugeben.

Allerdings konnte man auch einen anderen Hans Küng kennenlernen. Dies macht seinen Rang gegenüber so vielen Kirchenkritikern und Modernisten aus: Er schrieb ein tiefes Jesus-Buch und legte auch in Gespräch und Rede immer wieder Zeugnis von einem starken persönlichen Glauben an Jesus Christus ab. Dort, wo Hans Küng zu dieser Demut fand, konnte er wirkliche Größe gewinnen: die des Zeugen des Evangeliums.

Der Autor Harald Seubert ist Professor an der universitären theologischen Hochschule STH Basel.

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