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Kolumne

Gottesbilder

11.07.2023

Daniel Rehfeld
Daniel Rehfeld

Es war nur eine kleine Randnotiz in der Zeitung, eine kurze Mitteilung der Polizei. Aber sie lässt erahnen, was für ein Drama sich zum Sommerbeginn in Guttannen, im hintersten Winkel des Berner Oberlandes, abspielte. Am Morgen des 22. Juni wurde ein lebloser Mann auf­gefunden. Der 78-jährige Ziegenhirt hatte wohl eines seiner Tiere bergen wollen, das sich an einer Felsspalte verletzt hatte. Dabei wurde er selbst in der Spalte eingeklemmt und verstarb. Bedauerlich, dass diese Rettungstat auch für die Ziege keine positiven Auswirkungen hatte. Aufgrund ihrer schweren Verletzungen musste sie erlöst werden, heisst es im Polizeibericht. So weit, so tragisch.

Normalerweise überfliege ich in der Fülle der Nachrichten solch kurze Meldungen. Diesmal wurde ich aber plötzlich an ein wohlbekanntes Bild aus der Bibel erinnert. Es handelt zwar nicht von Ziegen, sondern von Schafen. „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“, sagt Jesus in Johannes 10,11. Es ist eines von verschiedenen Bildern, mit denen er sich und sein Wesen vergleicht. Wohlbekannt ist auch das Gleichnis vom guten Hirten, der seine 99 Schafe zurücklässt, um das verlorene Schaf wiederzufinden.

In der Bibel finden sich unzählige Eigenschaften, die Gottes Wesen beschreiben. Er ist persönlich, einmalig, ewig, unsichtbar, gerecht, unabhängig, heilig, souverän, allwissend, barmherzig, werbend. Er offenbart sich mal in einer Wolkensäule, mal in einem brennenden Dornbusch oder sogar in einer sprechenden Eselin. Er zeigt sich als Schöpfer, als Vater, als Retter, aber auch als Richter. Gott hat viele Gesichter, passt in kein Schema. Und je nachdem, wie unsere Vorstellung über ihn geprägt ist, wirkt sich dies auf unsere Beziehung zu ihm und auf unser Handeln aus. Wer in ihm nur den Richter sieht, verkennt die Gnade; wer nur den Vater sieht, läuft Gefahr, seinen eigenen Träumen nachzuhängen. Und dann gibt es noch die ganz andere Seite Gottes. Diejenige, die Gewalt gutheisst, Eroberungskriege anordnet und unschuldige Opfer in Kauf nimmt. Ein gefundenes Fressen für jeden Religionskritiker.
Wie verträgt sich der Retter der Welt mit dem gewalttätigen Gott? Dieser Herausforderung stellt sich ein erklärter Friedenstheologe in dieser Ausgabe. 

Daniel Rehfeld, Chefredaktor

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