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Kolumne

Glaubwürdig leben

19.09.2023

Daniel Rehfeld
Daniel Rehfeld

Es kommt selten vor, dass es ein biblischer Text auf die Frontseite einer grossen Tageszeitung schafft, es sei denn, es handle sich um eine Werbeanzeige. Letzten Mittwoch dann die Ausnahme. Der Blick druckte in fetten Buchstaben die Zehn Gebote aus dem 2. Mosebuch auf die Front – vollständig und unmissverständlich. Die Gesetzestafeln für einmal nicht in Stein gemeisselt, sondern als Aufmacher des Schweizer Boulevardblattes. Wäre der Anlass nicht so traurig, man könnte sich darüber freuen, dass Gottes Gebote von unerwarteter Seite solch öffentlichen Support erhalten. Erst recht kurz vor dem Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Aber die Bibelzitate waren natürlich als deutliche Erinnerung an die römisch-katholische Kirche gerichtet, die laut Blick „ihre eigenen Gebote verhöhnt“. Tags zuvor präsentierte das Historische Seminar der Universität Zürich den Bericht zum „Pilotprojekt zur Geschichte sexuellen Missbrauchs im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts“. Nun liegen die Fakten auf dem Tisch: 1002 Fälle von sexuellem Missbrauch, 510 Beschuldigte und 921 Opfer. Das erschreckende Ausmass lässt sich nur erahnen, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Der Schaden ist immens, das Vertrauen verschwunden, die Glaubwürdigkeit verspielt. Das tut weh.

Bei aller Tragik, dem unermesslichen Leid und der beispiellosen Systematik dieser Verbrechen scheint mir diese Studie trotz allem so etwas wie ein heilsamer Schock zu sein. Vor ein paar Wochen stand ein Klima­aktivist am Pranger, weil er sich selbst nicht an die Forderungen hielt, die er an die Gesellschaft stellte. Vorwurf: So einer ist nicht glaubwürdig. Nun trifft es die katholische Kirche in einem weit erschreckenderen Ausmass. Es ist schwer zu verstehen und noch schwerer zu ertragen, dass ausgerechnet jene, die um die Gebote Gottes wissen, diese mit Füssen treten. Oder zumindest tatenlos zusehen. Gleichzeitig bietet die Stunde null die Möglichkeit zur Umkehr. Der Busstag, von dem wir her­kommen, erinnert uns daran, reinen Tisch machen zu können. Egal, wie gross die Verfehlung ist. (Ich gebe zu, in diesem Kontext geht mir der Satz schwer über die Lippen.) Aber es ist nun mal so: Die Glaubwürdigkeit eines Christen manifestiert sich nicht in seiner Fehlerlosigkeit, sondern in Gottes Barmherzigkeit. Auch wenn er die Konsequenzen seiner Verfehlungen tragen muss.

Daniel Rehfeld, Chefredaktor

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