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Es war Feuer im Dach

04.05.2024

Ittinger Sturm: Miniatur von Heinrich Thomann (um 1605). Foto: Ittinger Museum
Ittinger Sturm: Miniatur von Heinrich Thomann (um 1605). Foto: Ittinger Museum

Von Burg bei Stein am Rhein Richtung Frauenfeld zog vor knapp 500 Jahren, am 18. Juli 1524, eine wütende, bewaffnete Menschenmenge. Es waren rund 3000 Männer. Sie plünderten schliesslich das Kloster – die Kartause – im thurgauischen Ittingen. In der Nacht wurde das Kloster abgebrannt, von wem, weiss man nicht. 

Jetzt, seit dem 1. Mai, lässt sich dieser Weg friedlich nachvollziehen, mit einem Stationenweg. An den entscheidenden sieben Stationen informieren Tafeln mit QR-Codes zu weiterführenden Informationen über das damalige Geschehen. Mit Fragen zum Nachdenken schaffen sie auch die Brücke zur Gegenwart.

Gewitterwolken vor dem Sturm

Der Sturm des Klosters Ittingen kam nicht aus dem Nichts. Religiöse und soziale Spannungen innerhalb der Eidgenossenschaft gärten vieler­orts. Manche Prediger, wie zum Beispiel Ulrich Zwingli in Zürich, stellten mit der Bibel in der Hand die bisher allein dominierende katholische Lehre, die damit verbundene Glaubens­praxis sowie die gleichzeitige Unmoral vieler Kirchenvertreter infrage. Auf vielen Bevölkerungsteilen lasteten aber auch die hohen Abgaben, die oft an kirchliche Institutionen abzugeben waren. Die Bevölkerung von Stammheim, südlich von Stein am Rhein, ersetzte im Mai 1524 den vom Kloster St. Gallen ernannten Pfarrer durch zwei reformatorisch gesinnte. Am 24. Juni wurden Bilder und Kreuze zerstört. Der Prior des Klosters Ittingen drohte damit, dass bald die Häuser in Stammheim niederbrennen würden.

Die explosive Macht-Mischung

Stammheim wie auch Burg bei Stein am Rhein war verschiedenen politisch-religiösen Herrschaftsbereichen ausgesetzt, der Thurgau war ein gemeines Herrschafts­gebiet der eidgenössischen Stände. Die Kirche von Burg gehörte dem Kloster Einsiedeln, der Landvogt in Frauenfeld war vom Kanton Schwyz abgesandt und Katholik, Zürich war Schutzmacht von Stein am Rhein. Hans Öchsli, Pfarrer in Burg, kannte Zwingli noch aus dessen Einsiedler Zeit und war sein Freund. Öchsli predigte auch entsprechend – mit vielen Zuhörern. Wie Zwingli wollte er behutsam vorgehen. In der Kirche in Burg wurden die Bilder nicht wie in Stammheim verbrannt, nur im Estrich eingelagert.

Rache am Nordufer der Thur

Trotzdem liess der Landvogt ausgerechnet Öchsli verhaften und nach Frauenfeld bringen, um seinen Einfluss einzudämmen. Dieser konnte in Burg aber noch um Hilfe rufen. Die Landsknechte waren jedoch schneller als die schnell aufgebrachte Meute aus Stein und Burg. Öchsli wurde in Frauenfeld in einen Turm gesperrt. Die 3000 Männer blieben mangels Brücke und weil die Fähre verschwunden war am Nordufer der Thur kurz vor Frauenfeld. Nun rächten sie sich da am Kloster Ittingen. Die meisten „Stürmer“ kamen ungeschoren davon, nur wenige wurden später stellvertretend hingerichtet.

Die Kartause heute

Das Kloster wurde später erneut auf­gebaut. Mönche zogen wieder ein, bis 1848. Heute bestehen in der Kartause mehrere Institutionen: das Thurgauer Kunstmuseum, ein Kultur- und Seminarzentrum sowie das tecum – Zentrum für Spiritualität, Bildung und Gemeindebau der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau. Die Gedenkanlässe zum Ittinger Sturm werden durch die katholischen wie evangelischen Kirchen, öffentliche Gelder und andere Unterstützer finanziert. (dg)
tecum.evang-tg.ch/ittinger-sturm | kartause.ch

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