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Kolumne

Der verlorene Sohn 2.0

04.06.2024

Sie ist eine wahre Perle in Zeiten schlechter Nachrichten: Die Geschichte von Till Ramming, die vergangene Woche durch den Blätterwald rauschte. Am 16. September 2017 verschwand der 15-jährige Teenager aus Markt Bibart im deutschen Bundesland Bayern, offenbar, weil er zu Hause Probleme hatte. Unter dem Vorwand, eine Online-Bekanntschaft zu besuchen, stieg er in den Zug. Bei einem Jugendamt soll er erklärt haben, nicht mehr bei seinen Eltern wohnen zu wollen, weil er sich vor Mobbing in der Schule fürchtete. Er sei wegen seines Gewichts gehänselt worden. Mit einem Rückfahrschein steckten ihn die Beamten in den Zug nach Hause, wo er aber nie ankam. „Ich hatte Angst, nach Hause zu fahren. Aber noch mehr Angst hatte ich vor der Schule“, sagt Till rückblickend. Beim Umsteigen in Düsseldorf habe er entschieden, nicht zurückzukehren. Er landete auf der Strasse, lernte Obdachlose kennen und freundete sich mit ihnen an. Zu dritt hielten sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, zuerst in Düsseldorf, später in Berlin. Keiner von ihnen habe ein Handy besessen, schildert Till. Trotzdem bekam er Wind davon, dass im Juni 22 bei „Aktenzeichen XY“ nach ihm gesucht wurde. 

Es sei ihm wie ein Kopfgeld vorgekommen, vor allem, als sein Freund verprügelt wurde, weil er Tills Aufenthaltsort nicht preisgeben wollte. Nach sieben Jahren sei ihm plötzlich klar geworden, dass er zu seiner Familie nach Hause wolle. Mit einem geliehenen Handy schickte er am 21. April eine Nachricht an seinen Vater. Dieser äussert sich gegenüber RTL dankbar: „Es sind tolle Nachrichten, dass mein Sohn wieder da ist (...). Ihm geht es gut und wir sind überglücklich, dass er sich entschlossen hat, wieder nach Hause zu kommen. Seine Brüder haben ihn abgeholt.“ Die Familie empfing ihn ohne Groll, nur mit Freude. 

Die Geschichte von Till schlägt nicht nur hohe Wellen, sie ist auch gespickt mit Parallelen zum allseits bekannten Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der grösste Unterschied mag wohl darin liegen, dass es hier seine Brüder waren, die Till abgeholt haben und „an den Tisch“ des Vaters brachten. Ein Ansporn an unseren Auftrag als Christen, Gemeinden und Kirchen, Begegnungen und Orte zu schaffen, an denen es möglich ist, Christus kennenzulernen und eine Beziehung mit ihm aufzubauen. Denn nichts braucht unsere Gesellschaft dringender als die Heimkehr zum Vater.

Daniel Rehfeld, Chefredaktor

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