Grüezi

Grüezi

Aktion statt Manipulation

Von: Thomas Feuz

Nichts spricht gegen Gottesdienste, Evangelisationen oder aktuelle Vorträge. Eine individualistische, zunehmend vereinsamende Gesellschaft braucht Kirchen und Gemeinden, die auf ihre Angebote, auf das Angebot von Jesus Christus aufmerksam machen. Und damit Alternativen aufzeigen. Aber ist das genug - und effizient genug?

Es spricht alles dafür, hinzuschauen, effektive Bedürfnisse zu erkennen und die eigenen Aktionen danach auszurichten. Hand aufs Herz: Tun wir uns nicht schwer damit? Sind wir nicht oft gefangen in Terminen und Programmen, in starren Verpflichtungen und einem Kräfte zehrenden Aktivismus? In Traditionen, die wir als gut erachten, da sie auch früher nicht hinterfragt worden sind? Und: Erreichen wir unser Zielpublikum? Haben wir überhaupt ein Zielpublikum definiert? Drehen wir uns bei vielen geliebten und schönen Aktivitäten nicht letztlich im Kreis um uns selbst, statt dass unser Glaube Kreise zieht?

In der «Vision Chur» haben sich Freikirchen und christliche Organisationen zusammengeschlossen. Sie reden von der Liebe Gottes und leben sie auch konkret. Wenn Christen ihre Arbeitskraft, Zeit und Begabungen in den Dienst von Mitmenschen stellen, geben sie damit bewusst Liebe weiter: gelebte Liebe in Aktion. Ein ermutigender Anfang wurde letztes Jahr gemacht. Die Reaktionen waren «brutal positiv», fasst der Koordinator Andreas «Boppi» Boppart die Erfahrungen kernig zusammen. Mehr dazu im Artikel «Gratishilfe gibt dem Glauben Hand und Fuss».

Szenenwechsel. Wir befinden uns im idyllisch gelegenen Spiez. In der Gemeinschaft «Life changing ministry» rund um Gabriel Dominik Müller spielen sich bedenkliche Vorkommnisse ab. Betroffene sprechen von totalitären Tendenzen, von finanzieller und sexueller Ausbeutung. Was mit der Sehnsucht nach einer «reinen», Christus-zentrierten Gemeinde begonnen hat, endete für viele Mitglieder in einer totalitären Gesinnungsdiktatur. «Spektrum» hat recherchiert. Das Ergebnis stimmt nachdenklich, macht traurig. Und unweigerlich taucht die Frage auf, wann die Grenze vom gesunden Gemeindeleben zum ungesunden, sektenhaften Verhalten überschritten wird. Siehe den Artikel «Er predigte Reinheit und missbrauchte Ehefrauen».

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist die Hoffnung, dass Christ sein mitten im ganz «normalen» Leben, in einem bewussten täglichen Miteinander sichtbar wird. Vorwärts heisst die Devise, nicht Rückzug! Ein Rückzug ins vermeintliche Guru-Paradies ist nicht Programm. «In der Welt, aber nicht von der Welt» sind und bleiben Christen gefordert. In der letzten Zeit werden viele «Christusse» aufstehen (Matthäus 24,24). Wir sollten kritisch hinschauen. Aber wir dürfen es darob nicht verpassen, unseren Mitmenschen die tätige Liebe vorzuleben. «Chur» zeigt einen Weg auf, wie das möglich ist. Vor «Aposteln» und Entwicklungen wie jenen in Spiez hingegen kann nur gewarnt werden.

Biblisch

Biblisch

Ein Lieblingsbibelvers

Von: Claudia Kündig

«Der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!» (Psalm 90,17)

«Ich habe mir vor vielen Jahren eine coole Bibel gekauft, in welcher der Text in der Mitte steht und rundherum viel Platz ist für Anmerkungen. Da ich gerne meine Gedanken zum Text nicht in Worte, sondern in Bildern und Skizzen festhalte, ist mit der Zeit meine ganz persönliche Bilderskizzen-Bibel entstanden. So habe ich auch neben diesem Vers einen Staubsauger, einen Kochlöffel und eine Hand voll Pinsel und Farbbüchsen hingezeichnet und den Vers dick unterstrichen. In all meinen Tätigkeiten als Hausfrau, Mutter oder wenn ich am Zeichnen bin, möchte ich mir bewusst machen, dass es Gott ist, der mir ermöglicht, zu arbeiten und zu wirken. Ich bin froh, dass ich alles mit Jesus anpacken darf, und er es ist, der mich fördert und ermutigt.»

Claudia Kündig ist freischaffende Illustratorin für Computergrafiken und Bühnenbilder, Leiterin einer Mal- und Kreativschule und wohnt in Bichelsee TG.

Wörtlich

Wörtlich

 

«Kein Tag gleicht dem anderen, aber alle beginnen frühmorgens um sechs Uhr. Dann sind meine Batterien frisch geladen. Ich springe unter die Dusche. Dann folgt das Wichtigste des Tages: Ich gehe online, stelle die Verbindung her, finde das Zwiegespräch mit ihm: Gott.»

Ernst Heller, als erster katholischer Zirkus-, Markthändler- und Schaustellerseelsorger auch «Clown Gottes» genannt, in «Das Magazin», der Samstagbeilage des «Tages-Anzeigers» und anderer Blätter.

Äxgüsi

Äxgüsi

Zug der Zukunft

Von: Dorothea Gebauer

«Wir können uns Pessimismus nicht mehr leisten», sagt er lächelnd in die Kamera. Dabei mimt Hubert Lepka nicht etwa den tumben Zweckoptimisten, sondern belegt mit seinem Handeln konsequent, dass er hofft. «Jetzt kommt es wie nie auf jeden Einzelnen an», doppelt er nach. Während der «Ars electronica» hat er in Linz mit Physikern und einem Künstlernetzwerk den «Zug der Zukunft» vorgestellt. Er trägt den Namen «Baby jet» (nicht etwa «easy jet».) Letzteres absorbiert jede Menge Kerosin, «Baby jet» dagegen ist ein Magnetzug, in dem sich in einem Vakuumtunnel in kurzer Zeit ganz Europa mit Überschallgeschwindigkeit erreichen lässt.

Warum fasziniert mich diese Meldung? Hier gehen Kunst und Naturwissenschaft zusammen und entwickeln Lösungen. Man versucht, eine lethargische Öffentlichkeit zu begeistern. Man packt sie an ihrer Würde und an ihrer Selbstverantwortung. Sind auch unsere christlichen Gemeinden «future labs», also «Werkstätten der Zukunft»?

Ich unterhalte mich darüber während des Mittagessens mit einem Studenten des Theologischen Seminars St. Chrischona. Umringt sind wir von den Gründern und Pionieren der Pilgermission. Ihre Porträts hängen an der Wand. «Chrischona war immer in der Mitte, wir sind so mittig geworden», jammern wir und gönnen uns bei Schnitzel und Pommes etwas Kulturkritik. Beim Kaffee angekommen, beschliessen wir, dass wir als Einzelne einen Beitrag leisten wollen. Wir können uns Pessimismus nicht leisten. Und wer weiss: Vielleicht lassen sich unter der nächsten Generation von Chrischona-Absolventen Erfinder finden. Ihre Gemeinden sollen Werkstätten der Zukunft sein, ihre Züge umweltfreundlich in die Zukunft fahren.

Dorothea Gebauer ist Leiterin Kommunikation und Medien der Pilgermission St. Chrischona in Bettingen BS.

Synergie

Synergie

Nach dem Tunnel ist manches anders

Von: Mario Brühlmann

Richtige Unternehmer sehen nicht nur, was vor Augen ist. Sie blicken weit in die Zukunft. Sie denken in Möglichkeiten. Sie malen sich aus, was auf einer grünen Wiese entstehen könnte. Oder wohin sich Menschen entwickeln könnten. Sie betrachten Probleme als Herausforderungen und suchen stets nach Lösungen, nach Weiterentwicklung des Bestehenden, nach Veränderung. Dazu gehört ein gewisses Mass an Risikobereitschaft genauso wie die kindliche Lust am Entdecken und Entwickeln. Das ist ein teilweise lernbares Erfolgsrezept.

Die Resultate dieser Erfolgsgeschichten werden schnell publik. Sie bewirken bei vielen Bewunderung und manchmal auch Neid. Die Bewunderer freuen sich an den Vorteilen dieser Entwicklung, geniessen diese und versuchen vielleicht, diese nachzuahmen oder Ähnliches zu realisieren. Einige schaffen es sogar. Das ist gut so. Die Neider suchen krampfhaft nach Elementen in den Erfolgsgeschichten, die sie kritisieren können. Damit wollen sie meist nichts anderes, als von ihrem eigenen Unvermögen ablenken. Das ist für alle schädlich.

Es gibt noch eine andere Seite dieser Erfolgsgeschichten. Diese bleibt meist verborgen. Niemand spricht darüber. Es sind die Zeiten der dunklen Tunnels. Die meisten erfolgreichen Unternehmer haben solche erlebt. Sie wissen, was es heisst, wenn ein Plan nicht funktioniert. Wenn das Geld ausgeht. Wenn wichtige Beziehungen abbrechen. Wenn man sogar von den Freunden verlassen wird. Wenn schwere Krankheiten wuchern. Wenn der Boden unter den Füssen zu wanken beginnt. In solchen Momenten sind auch die erfolgreichsten (und gläubigen) Unternehmer mit der Frage konfrontiert: «Wo ist Gott?» Eben haben sie noch zeugnishaft von ihm berichtet. Nun sehen sie ihn nicht mehr. Zweifel steigen auf. Ein Tunnel ist dann am dunkelsten, wenn die Gegenwart Gottes fehlt oder zu fehlen scheint. Dann wird klar, was es heisst, auf sich selbst gestellt zu sein. Was es heisst, von Menschen abhängig zu sein, die enttäuschen.

Mehrere mir bekannte Erfolgs-Unternehmer haben solche Tunnels durchschritten. Und alle kommen zur gleichen Erkenntnis: Nach dem Tunnel ist nicht vor dem Tunnel. Die Zeit im Tunnel hat sie verändert. Sie haben gewonnen. An Tiefe. An Belastbarkeit. An Grossmut. An Geduld. An Nächstenliebe. An Menschenkenntnis und Gotteserkenntnis. Ihr Glaube an Gott wurde zwar geprüft, aber er ging nicht verloren. Im Gegenteil. Er wurde tiefer, differenzierter. Die Tunnel-Geschichten der Erfolgs-Unternehmer wären es wert, publik zu werden. Sie würden die Bewunderer stärken und die Neider zum Schweigen bringen.

Mario Brühlmann, dipl. Betriebsökonom FH/Executive MBA, ist Gründer von Swiss Create, dem Nonprofit-Bereich der Swiss Consulting Group SCG AG, Orpund. www.swisscg.ch

Podium

Podium

Das Beten hilft

Von: Andeas Brönnimann

In der Schweiz wird immer noch sehr viel gebetet. Landauf, landab wird mir wiederholt mitgeteilt, dass in Gebetskreisen und Gebetsstunden für unser Land und die Regierung gebetet werde. Diese Gebete werden von Gott ganz sicher erhört und haben entsprechend Auswirkungen auf Land und Leute.

In der Bevölkerung spürt man, dass die christlichen Werte in der letzten Zeit wieder etwas aktueller werden und an Bedeutung gewinnen. Sicher hat dies auch einen Zusammenhang mit der gerade durchlebten weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. Erfahrungsgemäss sucht der Mensch in Krisenzeiten vermehrt die Nähe Gottes. Es ist erstaunlich, wie die Schweiz als Finanzplatz mit ihren vielen und weltweit tätigen Banken die Finanzkrise gut überstanden hat. Mit dem stabilen und starken Schweizer Franken kann man sogar sagen, dass die Schweiz gestärkt aus der Krise herausgekommen ist. Der Schweizer Franken gehört weltweit zu den begehrtesten und sichersten Währungen. Diese Entwicklung ist sicher nicht einfach Zufall oder den guten Leistungen unserer Banken zuzuschreiben. Im Gegenteil, unsere Banken haben leichtgläubig und erfolgsgewohnt auch viele Fehler gemacht. Hier hat bestimmt Gott eingegriffen. Er ist auf die vielen Gebete der Menschen eingegangen.

Wir dürfen dankbar sein, dass Gott unser kleines Land in dieser stürmischen Welt immer noch dermassen segnet. Gedankenlos und ohne Ernsthaftigkeit wird oftmals gesagt «Da hilft nur noch beten». Viele Menschen, die das sagen, wissen gar nicht, wie recht sie eigentlich haben! Das Gebet ist das beste Rezept in diesen turbulenten Zeiten. An Gottes Segen ist stets alles gelegen. Halten wir uns zu Gott, so wird er sich weiterhin zu uns halten.

Andreas Brönnimann ist Nationalrat der EDU und Unternehmer. Er wohnt in Belp BE.

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Politik & Gesellschaft
03.02.10

«Ich bin stolz, dass wir uns zum «C» bekennen»

CVP-Präsident Christophe Darbellay über christliche Politik und seinen Glauben an Gott

Christoph Darbellay

Bittet um Gottes Hilfe: CVP-Präsident Christophe Darbellay.

Die CVP hat Fehler gemacht, indem sie zu wenig zum «C» im Parteinamen gestanden ist. Das stellt Parteipräsident Christophe Darbellay fest. Ein christliches Fundament sei zentral für seine Partei. Aber auch für seinen kleinen Sohn Alex.

Von: Andrea Vonlanthen

«Spektrum»: Warum ist Ihr Sohn ein privilegiertes Kind?

Christophe Darbellay: Unser neun Monate alter Alex ist privilegiert, weil er eine Familie mit Vater und Mutter hat. Liebe und ein stabiles familiäres Umfeld sind viel wichtiger als alle materiellen Güter. Alex hat das Glück, dass er auch Grosseltern beiderseits haben darf. Wenn meine Frau zu 50 Prozent als selbständige Anwältin arbeitet, ist die familiäre Betreuung gewährleistet. Auch ich will mir Zeit nehmen für die Familie. Ich habe mir den Mittwoch konsequent freigeschaufelt für Alex. Und am Wochenende bin ich mindestens einen Tag für die Familie da.

Wie können Sie Klein-Alex helfen, dass er ein glücklicher Mensch wird?

Das kann ich nur erreichen, indem ich ihm gute Werte vermittle. Für mich sind das christliche Werte. Am 21. Juni 2008 haben wir zivil geheiratet, und genau ein Jahr später haben wir Alex in der Kirche taufen lassen. Ein christliches Fundament ist zentral im Leben. Wir wollen Alex christlich erziehen.

Die CVP nennt in einem Positionspapier «7 Gebote für einen zukunftsträchtigen Finanzplatz Schweiz». Welche Gebote sind entscheidend für die Menschen in der Schweiz?

Nach wie vor bekennen sich 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung zum christlichen Glauben und zu christlichen Werten. Christen sollten sich nicht schämen, öffentlich zu bekennen, dass sie an Gott glauben. Das ist entscheidend für unser Land. Die Angst vor Andersgläubigen rührt auch daher, dass viele Schweizer nicht mehr wissen, was sie selber glauben. Das ist das grösste Problem in der Schweiz.

Welche Rolle spielt für die CVP das «C» im Parteinamen denn
noch?

Bis 1970 waren wir eine katholisch ausgerichtete Partei. Jetzt sind wir eine traditionelle christliche Volkspartei, wie es sie auch in Deutschland oder den Niederlanden gibt. Ich betrachte das «C» nicht einfach als historisches Element. Wir haben uns dieser Frage auch im Zusammenhang mit dem neuen Parteiprogramm intensiv gestellt. Wir kamen zum Schluss: Das «C» gehört dazu. Wir sind eine christliche Wertepartei.

Wird diese Diskussion weitergeführt?

Was heisst christliche Politik? Eine Kommission beschäftigt sich momentan mit dieser Frage. Dazu wird es eine Vernehmlassung geben, und noch in diesem Jahr wollen wir an zwei Delegiertenversammlungen darauf eingehen. Mich überrascht, dass wir das «C» im 21. Jahrhundert dauernd begründen müssen. Wer sich als liberal oder als sozialdemokratisch versteht, muss das nicht immer begründen.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht haben wir es zu wenig gut geschafft, das «C» mit Inhalten zu füllen. Auf der andern Seite sehen offenbar viele Leute eine Gefahr darin, dass Staat und Religion vermischt werden könnten. Wir müssen vermehrt deutlich machen, dass wir keine religiöse Partei sind. Doch wir wollen eine Partei sein, die auf christlichen Werten aufbaut.

Was würde der CVP fehlen ohne das «C»?

Von den christlichen Werten leiten wir den Respekt für die Schöpfung oder den Solidaritätsgedanken ab, überhaupt die Kraft zum lösungsorientierten Handeln. Ich bin stolz darauf, dass wir uns dazu bekennen. Zu 80 oder 90 Prozent haben wir die gleichen Positionen wie die FDP. Doch wir unterscheiden uns sozialpolitisch, umweltpolitisch, klimapolitisch und vor allem auch familienpolitisch. Und das hat alles mit christlichen Werten zu tun.

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten mit den andern christlichen Parteien EVP und EDU?

Wir sind eine C-Partei, aber keine religiöse Partei. Letzteres gilt vor allem für die EDU, etwas weniger auch für die EVP. Doch wir haben mit der EVP viele Gemeinsamkeiten. Die gemeinsame Fraktion in Bern und in einzelnen Kantonen funktioniert recht gut. In der Waadt arbeitet die CVP auch mit der EDU zusammen.

Warum soll ein bekennender Christ CVP wählen?

Wir sind eine breite, lösungsorientierte Volkspartei und haben Gewicht in der Entscheidungsfindung. Wir betrachten uns als Vermittler zwischen den politischen Polen, zwischen den sozialen Schichten, auch zwischen Religionsgemeinschaften. Wir fragen, was für die Schweiz wichtig ist und bauen auf den Kompromiss. Nur das bringt die Schweiz weiter.

Kann die CVP mit betont christlichen Werten im katholisch-konservativen Milieu Wähler zurückgewinnen?

Wir haben vor allem Wähler an die SVP verloren. In konservativen katholischen Kreisen wird immer wieder gesagt, die CVP sei für die Fristenlösung gewesen. Wir waren gegen die Fristenlösung und haben ein sogenanntes Schutzmodell befürwortet. Wenn man uns diesen Punkt immer wieder vor die Nase hält, stört mich das. Wir werden mit unserer christlichen Politik konservative Wähler zurückgewinnen. Wir haben sicher Fehler gemacht, indem wir zu wenig zum «C» gestanden sind. Doch die Wähler kommen wieder, wenn sie sich unsere Politik im Detail anschauen.

Offiziell werden in der Schweiz jährlich 11'000 Kinder abgetrieben. Das akzeptiert die CVP einfach?

Die CVP akzeptiert nicht einfach, dass abgetrieben wird! Wir haben immer dafür gekämpft, dass der Schwangerschaftsabbruch nicht banalisiert wird. Die CVP war bei der Volksabstimmung gegen die Fristenlösung. Als CVP setzen wir uns dafür ein, dass es immer weniger Schwangerschaftsabbrüche gibt. Dies setzt eine umfassende Präventions- und Informationskampagne voraus. Mit einer aktiven Familienpolitik stehen wir Familien zur Seite. Verurteilen bringt nichts, helfen ist wichtig.


Warum wurde bei der Minarett-Abstimmung auch die CVP so auf dem falschen Fuss erwischt?

Wir wurden gar nicht auf dem falschen Fuss erwischt! Wir waren 2006 die erste Partei, welche die Religionsfreiheit und die Integration am Beispiel der Muslime thematisiert hat. Doch wir haben zu wenig daraus gemacht. Ich stehe dazu, dass wir da Fehler gemacht haben. Hier ging es um eine Sammelabstimmung zu verschiedenen Problemen, von der Libanon-Geschichte über die Gewalt bis zur Behandlung der Frauen.

Welchen Beitrag kann die CVP zur Integration der Muslime leisten?

Personen aus allen Religionen müssen gewillt sein, sich zu integrieren. Dazu gehört in erster Linie der Respekt vor unserem Rechtsstaat. Zentral für die Integration ist die Sprache. Wir müssen voraussetzen können, dass die Leute unsere Sprache kennen oder erlernen wollen. Hier müssen wir die Latte höher ansetzen. Von Muslimen müssen wir auch die Gleichstellung von Mann und Frau einfordern. Und gerade ihnen müssen wir klarmachen, dass wir nie verschiedene Rechtssysteme akzeptieren werden.

Ist die Scharia eine reale Gefahr für unsern Rechtsstaat?

Fundamentalistische Kreise wollen sie weltweit durchsetzen. Ich erwarte auch von Schweizer Muslimen, dass sie sich klar davon distanzieren. Zum Teil macht sich die Scharia heute schon in Europa bemerkbar. In Süddeutschland brachte ein Muslim seine Frau um, weil sie fremdging. Das Gericht beurteilte es als strafmildernd, dass der Mann von der islamischen Kultur geprägt sei. Das ist doch schockierend!

Verstehen Sie die Angst vor der Islamisierung in der Bevölkerung?

Vor der Islamisierung darf und muss man Angst haben! Doch deswegen muss man nicht alle Muslime bekämpfen. Wir müssen mit gemässigten Muslimen kooperieren, aber alle destruktiven Kreise klar bekämpfen und auch Zeichen setzen.

Die EVP möchte das Christentum als Leitkultur in der Verfassung verankern. Eine gute Idee?

Unser Land hat ein christlich-abendländisches Fundament. Und unsere Bundesverfassung beginnt «im Namen Gottes des Allmächtigen». Die Präambel ist das Wichtigste, was wir in unserem Rechtsstaat haben. Sie ist die Grundlage für die Qualität unseres Zusammenlebens und das politische Engagement. Ich habe den ausformulierten Text unserer Freunde von der EVP noch nicht gesehen. Doch ich frage mich, ob ein solcher Passus in der Verfassung nicht schwierige Diskussionen zur Religionsfreiheit und den Menschenrechten auslösen könnte.

Ihre Vision als Christ und Politiker für die Schweiz?

Ein Land, in dem sich jeder wohlfühlt, mit Vollbeschäftigung, mit gelebter Solidarität, in dem vor allem auch die Familien und die Kinder glücklich sind. Wir dürfen es nicht akzeptieren, dass es immer weniger Kinder gibt. Die Familie ist das Herz für unsern Staat. Hier werden in erster Linie auch die guten Werte vermittelt.

Was hilft Ihnen der Glaube an Gott persönlich?

Ich pflege meinen Glauben, indem ich regelmässig in die Kirche gehe und bete. Ich bete vor allem in der Natur. Sie ist für mich die schönste Kathedrale. In der Natur wird mir klar, dass es Gott gibt. Man darf ja in der Politik nie zugeben, dass man keine Lösung hat. Doch als Christ darf ich in jeder Situation um Gottes Hilfe bitten. Gott hilft mir und gibt mir Kraft. Gott schenkt mir im Glauben eine viel positivere Haltung und Vertrauen.

Angenommen, Sie dürfen an Ostern im Berner Münster predigen. Worüber?

(schmunzelt) Ich predige über Respekt und gemeinsame Werte in Gesellschaft und Politik. Wir können das Strafgesetzbuch x-fach verschärfen und Tausende von Polizisten anstellen ? wenn wir gegenseitig nicht mehr Respekt zeigen, nützt das alles nichts.

Von welcher biblischen Geschichte würden Sie ausgehen?

Vielleicht von der Speisung der 5000. Die Leute gingen offensichtlich respektvoll miteinander um, obwohl sie Hunger hatten. Und Jesus zeigte Respekt vor den Hungrigen, indem er nicht nur predigte, sondern auch ein grosses Wunder vollbrachte und sie verpflegte.

Warum braucht es im Bundeshaus drei akkreditierte Beter?

Es tut gut, wenn ein paar Lobbyisten Gott vertreten. Ich habe mit allen drei Betern gute Kontakte. Sie befinden sich einfach in den Wandelhallen und sind nicht anhänglich wie andere Lobbyisten. Ich habe sie schon ein paar Mal gebeten, sie sollten für eine politische Sache oder auch für eine persönliche Situation beten. Kürzlich hatte mich der welsche Beter Jean-Claude Chabloz zu einer «Soiree Louange» im Wallis eingeladen. Viele junge Menschen haben dort gesungen und gebetet ? es war sehr, sehr schön. Doch worüber sollte ich 30 Minuten lang reden? «Wir lassen uns einfach leiten», sagte Chabloz. Und wir kamen wirklich zum Ziel.

Wird in der CVP auch gebetet?

Ich habe es an Versammlungen der CVP Schweiz noch nie erlebt, ehrlich gesagt. Ich weiss nicht, ob es in einzelnen Kantonen gemacht wird. Ich selber bete für unsere politischen Ziele. Es wäre aber sicher notwendig, dass auch in der Partei und für die Partei noch mehr gebetet wird. In der heutigen Situation besonders, wo alles so hypernervös ist.

 

Zur Person

Christophe Darbellay, 39, verheiratet, ein Kind, dipl. Ing. Agr. ETH,  wohnt in Martigny-Croix. Sozial-ökonomische Maturität in Sion, Diplom in Agrarwissenschaften (ETHZ), Zulassung Höheres Lehramt. 2000-2004 Vizedirektor des Bundesamtes für Landwirtschaft, 2004-2008 Geschäftsführer der Gesellschaft Schweizerischer Tierärzte. Seit 2003 Nationalrat, seit 2006 Präsident der CVP Schweiz. Präsident des Instituts für Kinderrechte, Präsident des Verwaltungsrats der Robert Gilliard AG Weine.

Gläubige Lehrer

An den Pädagogischen Hochschulen von Zürich und Bern werden fromme Studenten als Problem bezeichnet. Sind gläubige Lehrer eine Gefahr für ihre Schüler?
Christophe Darbellay: Selbst in unserm tief katholischen Wallis hatte ich nie das Gefühl, Schüler würden von gläubigen Lehrern indoktriniert. Der Lehrer muss die Glaubensfreiheit aller Schüler respektieren und vor allem Grundwerte wie Solidarität und Respekt vermitteln. Aber er darf doch nach der Bibel leben, wenn er sie nicht über unsere Gesetze stellt. Ich hoffe, dass es in unserm Land noch viel mehr gläubige Lehrer gibt. Wer an Gott glaubt und christliche Werte lebt, hat ganz klar positive Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Dieser Artikel erschien in Heft 2010-05