Grüezi

Grüezi

Frau Blochers Zivilcourage

Von: Andrea Vonlanthen

Er ist der gleichermassen umjubelte wie umstrittene Stratege der grössten Partei des Landes. Christoph Blocher sieht seine Mission für eine freie und unabhängige Schweiz noch längst nicht erfüllt. Sie hält ihm herzhaft den Rücken frei und kümmert sich um praktische Fragen des Alltags. Silvia Blocher hat aber auch ihre eigene Mission entdeckt: das Engagement für eine gesunde Erziehung und eine gesunde Bildung unserer Kinder. Ihre Hauptsorgen sind die Zerstörung der Familie, die Verstaatlichung der Erziehung und eine Schulbildung «nach sozialistischen Maximen». Ihre Sorge gilt aber auch einer Gesellschaft, die Gott nicht mehr kennt. Offen spricht sie in unserm Interview darüber (Artikel «Die biblischen Geschichten sind alle interessant»).

Natürlich hat Silvia Blocher gut reden. Materielle Sorgen sind ihr fremd. An der Seite eines interessanten Mannes erlebt sie ein erfülltes Dasein. Mit vier Kindern und sieben Enkeln führt sie ein glückliches Familienleben. Sie könnte auf all die gesellschaftlichen Miseren pfeifen, so wie es Tausende von andern Zeitgenossen auch tun. Doch sie nimmt ihre Verantwortung als Staatsbürgerin und Pädagogin wahr. Sie benennt die Missstände deutsch und deutlich. Ein Beispiel von Zivilcourage. Die gesellschaftliche Entwicklung ist bedenklich. Die traditionelle Familie wird Schritt für Schritt demontiert. Die Erziehung wird mehr und mehr in staatliche Obhut gelegt. Die Schule wird pausenlos reformiert und innoviert, obwohl sich die realen Probleme nur vergrössern. Fromme Lehrer gelten als manipulative Gefahr. Biblische Unterweisung gilt als unhaltbare Beeinflussung. Der «Fortschritt» einer Gesellschaft, die sich von Gott und dem biblischen Menschenbild losgesagt hat.

In dieser unheilvollen Situation brauchen wir mutige Stimmen wie die von Silvia Blocher. Wir brauchen deutliche politische Signale wie die laufende Familien-Initiative. Sie fordert gleiche Steuerabzüge für Eltern, die ihre Kinder selber betreuen. Wir brauchen neue kirchliche Anstrengungen für die biblische Unterweisung der Kinder. Die evangelische Kirchgemeinde Frauenfeld macht es mit ihrem Projekt «Schatzkiste» exemplarisch vor (Artikel «Kinder sollen zu Hause glauben lernen»). Oder eine Anregung von Silvia Blocher: Christliche Familien sollten ihre Häuser vermehrt öffnen und andere Eltern ein positives Familienleben und eine konsequente Erziehung erleben lassen.

Da wäre auch an einen andern Kinderfreund zu erinnern. Die Eltern in Judäa bringen ihre kleinen Kinder zu Jesus. Die Jünger protestieren gegen diese Anmassung. Doch Jesus weist sie zurecht: «Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.» (Lukas 18,16) Wer Kinder wirklich ernst nimmt, bringt sie zu Jesus. Heute erst recht. Er will sie segnen und beschenken mit seiner Liebe. Eine Liebe, die das Leben prägt. Gefragt ist keine ideologische Kuschelpädagogik. Kinder brauchen eine christliche Liebespädagogik. Diese Reform wäre dringlich.

Biblisch

Biblisch

Ein Lieblingsbibelwort

Von: Demetri Betts

«Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere verurteilt, werdet auch ihr verurteilt werden.» (Matthäus 7,1?2)

«Es passiert so oft, dass wir über andere urteilen und sie an unserem Glauben, unseren Ansichten und unseren Vorstellungen messen. Dabei ist das nicht korrekt. Wir sollten diese Zeit besser nutzen, um an uns selbst zu arbeiten. Als ich Jesus kennenlernte, bin ich zu Beginn die ganze Zeit auf dem ?Richterstuhl? gesessen. Und es war harte Arbeit. Denn dieser Stuhl war schwach und musste selbst repariert werden. Bitte Gott heute, dass er dein Herz öffnet und dass du diejenigen segnest, die du normalerweise verurteilst! Sei heute Gottes gutes Beispiel von Vergebung und Liebe. Hör auf, mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern deute mit deinem Finger zum Himmel. Lobe Gott heute, denn er ist es würdig, gelobt zu werden.»

Demetri Betts, Sänger und Evangelist aus D-Bretten, ist demnächst mit Ehefrau und Autorin Damaris Kofmehl auf Schweizer Tournee.

Wörtlich

Wörtlich

 

«Warum eigentlich werden bei Bewerbungen auf Professorenstellen über 45-Jährige ausgeschieden? Schwingerkönige können von mir aus zwanzig sein, aber Philosophenkönige! Die Erfahrung des dritten Lebensabschnittes kann die fehlende Schnelligkeit und Energie der nachkommenden Generation kompensieren. Neue Besen kehren gut, alte wissen, wo der Dreck liegt.»

Peter Gross, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen, im «St. Galler Tagblatt».

Äxgüsi

Äxgüsi

Stolzer Walliser

Von: Christoph Gysel

«Stolz, Walliser zu sein!» Vielleicht haben Sie den Kleber auch schon gesehen. Zum Beispiel an der Heckscheibe eines Autos mit Walliser Kennzeichen: «Stolz, Walliser zu sein!» Sie haben vielleicht gedacht: Darauf kann man doch wirklich nicht stolz sein! Diese Walliser, diese eigensinnigen Bergler aus dem Fendantland. Korrupt, verfilzt, stur. Diese Leute nach dem Schlag des Hanfbauern Bernhard Rappaz, der selbst die Justiz an der Nase herumführt.

«Stolz, Walliser zu sein!» Eigentlich unverständlich. Und doch. Ich bin es auch. Stolz darauf, Walliser zu sein. Zwar kein waschechter. Nur ein zugewanderter. Trotzdem fühle ich mich als Walliser. In diesen Bergen bin ich zu Hause. Mit den Menschen hier mitsamt ihren Eigenarten bin ich verbunden. Ich nehme meine Landsleute in Schutz, wenn oben genannte Vorurteile in den Raum gestellt werden. Ich liebe das Wallis, mitsamt den nicht immer einfachen Bewohnern. Zugegeben, ich bin immer noch pünktlich. Andere Werte wie Ausdauer, Bodenständigkeit und Verlässlichkeit habe ich aber übernommen. Dass ich sogar Besitzer einer Milchkuh auf der Triftalp bin, die mir schon 50 Kilo Alpkäse beschert hat, zeigt, dass ich doch wirklich ein Walliser bin...

«Stolz, Walliser zu sein!» Das bin ich. Noch mehr allerdings bin ich glücklich, ein Gotteskind zu sein. Ich wünschte mir, dass wir Christen auch so ein Selbstverständnis entwickeln würden wie die Walliser. Dankbar, mit aufrechtem Gang, voll Freude: Ich bin ein Gotteskind! Jesus sei Dank! Ich bin ein Gotteskind. Grossartig! Und wir halten zusammen. Stehen füreinander ein. Nicht bloss wie die Walliser. Aber wie Gotteskinder...

Christoph Gysel ist Pastor und Tourismus-Fachmann in Saas Grund.

Synergie

Synergie

Worte haben wirklich Macht

Von: Marc Beck

Sicher haben Sie auch schon gute Predigten und Inputs über das Thema gehört, dass ausgesprochene Worte eine gewisse Wirkung zeigen. Gott hat die Welt geschaffen, indem er einfach sprach: «Es werde...» Abgeleitet davon wissen wir ja genau, dass unsere Zunge zu Vielem fähig ist. Zum Guten wie auch zum weniger Guten.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, welche Langzeitwirkung unser Reden zu Hause am Esstisch haben kann. In einigen Gesprächen rund um die Nachfolgeregelung ist deutlich geworden, dass sich die nächste Generation oft vor der Verantwortung und den damit zusammenhängenden Problemen scheut. Das Geschäft ginge ja gut, und die Leidenschaft für den Beruf wäre auch da, aber die Jungen wollen einfach nicht so recht. Wie kommt das? Direkt angesprochen, wird die Ursache langsam klar. Zu Hause am Esstisch haben die Kinder viele negative Aussagen über Kunden und Mitarbeiter gehört. «Wenn nur dieser Mitarbeiter X endlich gehen würde...», «Die Kunden zahlen aber auch nie pünktlich, und wir sitzen jetzt in der Klemme...». Diese und andere Aussagen liegen uns oft nahe.

Worte haben Macht - zum Aufbauen und zum Zerstören. Wundern wir uns wirklich, wenn die nächste Generation sich nicht für verantwortungsvolle Aufgaben begeistern lässt? Die Langzeitwirkung unserer Familiengespräche ist mir neu bewusst geworden. Vermehrt benutze ich darum den Heimweg zum «Deponieren» meines Frusts, damit ich zu Hause positiv von einem erfüllten Tag erzählen kann. Schwierigkeiten gehören da selbstverständlich auch dazu. Diese sollen jedoch von Hoffnung und Vertrauen auf das Eingreifen meines grossen «Chefs» im Himmel zeugen. Mit diesem «Gewürz» schmeckt das Essen erst noch besser. Langzeitwirkung garantiert!

Marc Beck ist Unternehmensberater bei vita perspektiv ag in Biel (www.vitaperspektiv.ch).

Podium

Podium

Schon wieder?

Von: Brigitte Häberli

Unsere Bundesrätinnen und Bundesräte werden von der Bundesversammlung zu Beginn der Legislatur und somit nach den eidgenössischen Wahlen jeweils für vier Jahre gewählt. In den letzten Jahren sind vorzeitige Rücktritte von Mitgliedern der Landesregierung häufiger geworden. Wo liegen die Gründe? Sind es die sehr intensive Arbeitsbelastung, der grosse Erwartungsdruck, die mangelnde Kollegialität? Sind es persönliche Enttäuschungen?

Tatsache ist, dass Bundesratsersatzwahlen die Fraktionen und das Parlament sehr stark beanspruchen. Wichtige Sachgeschäfte müssen deshalb verschoben werden. In den Medien werden wochenlang zahlreiche mögliche Kandidatinnen und Kandidaten vorgestellt, wird über Zu- und Absagen ausführlich berichtet. Manchmal hat man auch den Eindruck, dass Bundesratswahlen als Bühne für mediale Aufmerksamkeit missbraucht werden. Es ist aber in erster Linie wichtig, dass die am besten geeigneten Personen in die Landesregierung gewählt werden und eine möglichst grosse Kontinuität und Stabilität erreicht werden kann. Ich bin deshalb der Ansicht, dass Bundesrätinnen und Bundesräte nicht ohne absolut zwingende Gründe, zum Beispiel eine schwere Krankheit, frühzeitig zurücktreten sollten und sich für eine vierjährige Amtsdauer verpflichten müssten. Taktische oder parteipolitische Überlegungen sollten nicht mehr zu Rücktritten während einer laufenden Legislatur führen können.

Die gewählten Bundesrätinnen und Bundesräte legen jeweils einen Eid auf unsere Verfassung ab. Sie beginnt mit den Worten «Im Namen Gottes des Allmächtigen». Ein ganz zentraler Satz, der leider oft in Vergessenheit gerät. Dieser Eid sollte wieder vermehrt im Zentrum stehen. Das täte allen gut.

Brigitte Häberli ist Nationalrätin und stellvertretende Fraktionspräsidentin der CVP in Bern. Sie wohnt in Bichelsee TG.

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Politik & Gesellschaft, Nahostkonflikt
23.12.09

«Zuletzt wird es Frieden geben im Nahen Osten»

Israel-Kenner Hanspeter Obrist über die trügerische Ruhe im Nahen Osten und den Messias

Hanspeter Obrist

Hoffnung für Israel: Hanspeter Obrist im Büro der Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel in Reinach BL.

«Frieden auf Erden» kündigten die Hirten vor 2000 Jahren an. Gilt das heute auch für Israel? Israel komme dem wahren Frieden jeden Tag näher, meint Hanspeter Obrist, Leiter der Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel (Amzi). Ein Adventsgespräch zur Friedenssehnsucht unserer Tage und das Warten auf den Messias.

Von: Andrea Vonlanthen

«Spektrum»: Was hat sich in Bethlehem in den letzten 2000 Jahren wesentlich verändert?
Hanspeter Obrist: Heute gibt es in Bethlehem keine jüdische Bevölkerung mehr. Und der Anteil der christlichen Bevölkerung hat innerhalb der letzten 40, 50 Jahre rapid abgenommen. Die Christen sind meist ausgewandert. Durch den Chrischona-Bruder Johann Ludwig Schneller sind nach 1860 die Schneller-Schulen entstanden. Daher sind dort die Christen gut ausgebildete Leute. Viele von ihnen konnten sich in andern Ländern eine wirtschaftliche Existenz aufbauen. Vor 100 Jahren war die Bevölkerung von Bethlehem noch mehrheitlich christlich. Heute nimmt ihr Anteil ständig ab.

Wie weit ist Israel heute vom Frieden entfernt?
Israel kommt dem Frieden jeden Tag einen Tag näher! Die Bibel spricht ja davon, dass es noch einen grossen Konflikt geben wird und Jerusalem zum Ärgernis für alle Völker wird. Zuletzt aber wird es Frieden geben im Nahen Osten.

Im Moment scheint die politische Lage im Nahen Osten doch etwas friedlicher zu sein.
Zurzeit ist es etwas ruhiger, das trifft zu. Doch die innere Distanz zwischen der jüdischen und der palästinensischen Bevölkerung wird grösser. Immer mehr spitzt sich der ganze Konflikt auf Jerusalem zu, vor allem auf die Altstadt und den Tempelplatz. Alles andere wäre verhandelbar. Doch für Israel sind hier keine Kompromisse möglich, weil sich Gott nach jüdischem Glauben auf dem Tempelberg offenbaren wird und weil sein Friedensreich von hier ausgehen wird. Der israelischen Regierung wäre es am liebsten, wenn man dieses Thema umgehen könnte.

Ist eine politische Lösung für den Tempelplatz denkbar?
Es gibt in Israel schon Pläne für einen geteilten Tempelplatz, ohne dass ein Abriss des Felsendoms nötig würde. Immer mehr Israelis träumen von einem friedlichen Nebeneinander der beiden Religionen auf dem Tempelplatz.

Entspricht es denn Gottes Plan, dass Israel auch 2000 Jahre nach der Friedensankündigung noch nicht im Frieden lebt?
Gottes Plan ist es, dass das jüdische Volk in eine Beziehung zu ihm tritt. Die Bibel zeigt, dass Israel immer in Konflikten mit seinen Nachbarn leben wird, wenn es nicht in enger Beziehung mit Gott lebt.

Vieles erinnert auch die Juden an die Person Jesus. Warum können sie ihn nach wie vor nicht als den von Gott gesandten Friedensfürsten erkennen?
Jesus ist nicht so gekommen, wie sie ihn erwartet hatten. Die Juden erwarten einen Messias, der politischen Frieden bringt. Selbst Johannes der Täufer hat ja gefragt: «Sollen wir auf einen andern warten?» Auch die Jünger von Emmaus hatten ursprünglich eine andere Erwartung. Es braucht eine göttliche Offenbarung, um zu erkennen, dass der Messias ein leidender Mensch war, der als verherrlichter Messias zurückkommen wird. Nach jüdisch-rabbinischer Vorstellung kann Jesus nicht der Messias sein.

So erlebt Israel momentan eine trügerische Ruhe?
Ja, es könnte eine Ruhe vor dem Sturm sein. Es «köchelt» schon. Es gibt heute zum Beispiel viel weniger freundschaftliche Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern. Man separiert sich viel mehr und dämonisiert die andere Seite. Es werden ständig neue Feindbilder aufgebaut.

Was verspricht sich Israel davon, dass US-Präsident Barack Obama gerade den Friedensnobelpreis bekommen hat?
Nichts. Obama wird in Israel kritisch betrachtet, weil er sich für die Moslems einsetzt. Interessant ist ja, dass es in Israel jeweils relativ ruhig ist, wenn eine rechte Regierung im Amt ist, die sich relativ radikal äussert. Wenn die Linke am Ruder ist und Frieden schliessen will, kommt es jedes Mal vermehrt zu Unruhen und Krieg. Ein kompromissloses Auftreten hat offensichtlich abschreckende Wirkung.

Wird Jerusalem in zehn Jahren eine geteilte Stadt sein?
Ich glaube eher, dass es dem Antichristen irgendwann gelingen wird, beide Seiten für eine Kompromisslösung zu gewinnen, ohne klare Teilung.

Und wer wird dieser Antichrist sein?
Es wird ein falscher Messias sein, wörtlich ein Gegenmessias, ein politischer Messias. Das jüdische Volk wartet auf eine solche Figur. Wer Israel Frieden bringt, wird als Messias anerkannt werden.

Wonach sehnt sich das jüdische Volk wirklich: nach politischem Frieden, wirtschaftlicher Blüte, dem Kommen des Messias?
Es sehnt sich einfach nach einem friedlichen Leben, einem Leben ohne Angst. Es ist sehr beunruhigend, wenn man in Sedrot oder an der Grenze zum Libanon nie weiss, wann die nächste Rakete kommt. Auch durch die ständigen Drohungen aus dem Iran gibt es einen enormen psychischen Stress. Er führt letztlich in die Lethargie. Die Leute sagen sich: «Ich lebe heute, was interessiert mich schon das Morgen?»

Wie könnte der Teufelskreis von Gewalt, Gegengewalt und Resignation denn durchbrochen werden?
Jesus sagt, dass das Reich Gottes von veränderten Menschen ausgeht. Was nützt ein «Heiliges Land» ohne heilige Menschen? Man kann die Menschen nicht von aussen verändern. Das muss von innen kommen und bewusst gewollt werden.

Wie kann es zu diesem Veränderungswillen kommen?
Dazu braucht es die eigene Kapitulation und die Erkenntnis, dass man es aus eigener Kraft nicht schafft. Veränderung kann nur mit Gottes Hilfe geschehen.

Wie weit ist das jüdische Volk von einer solchen Kapitulation entfernt?
Durch den Libanon-Krieg und den Gaza-Krieg ist das Bewusstsein gewachsen, dass militärische Überlegenheit allein nicht zum Ziel führt. Darum wächst in Israel auch das Interesse für religiöse Fragen - aber in alle Richtungen.

Sind messianische Juden weiterhin besonderen Schikanen ausgesetzt?
Sie haben noch zugenommen. Juden, die sich zu Jesus bekennen, werden heute aktiver bekämpft. Da werden Autos oder Wohnungen angezündet, Paketbomben überreicht, Neue Testamente verbrannt. Die Bereitschaft zur Gewalt ist gewachsen. Die traditionellen Juden fühlen sich bedroht, wenn Juden an Jesus als Messias glauben. Christen stehen für alles Negative: für die Kreuzzüge, die spanische Inquisition, russische Pogrome, den Holocaust. Wenn Christen Hilfeleistungen erbringen, unterstellen ihnen einige Juden, sie beabsichtigten einen Holocaust mit anderen Mitteln. Man sagt, sie wollten das Judentum auflösen, damit der christliche Messias kommen kann.

Wie gross ist die Messias-Erwartungen unter messianischen Juden?
Unterschiedlich, wie im Christentum auch. Die einen hegen sehr hohe Naherwartungen, während die andern zuerst mit sehr vielen Bekehrungen rechnen, damit der Messias von vielen Menschen empfangen werden kann.

Wer ist Jesus für die orthodoxen Juden?
Im besten Fall ist er der Messias für die Nichtjuden. Im schlechteren Fall ist er ein Zauberer mit ägyptischen Zauberkräften. Man spricht Jesus die Wundertaten nicht ab, doch man bestreitet, dass er sie im Namen Gottes getan hat.

Wie wird in Israel Weihnachten gefeiert?
Nur die arabischen Christen feiern Weihnachten mit Kerzen und dem Weihnachtsmann wie in Amerika. Die Juden feiern Chanukka. Es fand wieder vom 11. bis 18. Dezember statt. Chanukka ist das Tempelweihfest nach Johannes 10,22 und erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels 164 Jahre vor Christi Geburt. Mit der Einweihung verbunden war das Wunder, dass das geweihte Öl nicht einen, sondern acht Tage lang gebrannt hat.

Was steht für die messianischen Juden an Chanukka im Zentrum?
Für sie ist Chanukka das Lichterfest. Nach Jesaja 49,6 betonen sie an Chanukka, dass Jesus das Licht der Welt ist. Hier liegt die grösste Differenz zwischen unserer westlichen Festkultur und der messianisch-jüdischen Kultur: Bei uns wird Weihnachten betont, für sie ist Pessach - der Auszug aus Ägypten mit Jesus als Passahlamm - das wichtigste Fest.

Wie wichtig ist Weihnachten für den israelischen Tourismus?
Bedeutend ist er nur für Jerusalem und Bethlehem, weil dann viele katholische Pilger kommen, die hier die Mitternachtsmesse feiern wollen. An Weihnachten ist auch die Grenze während der ganzen Nacht offen. Paradox ist, dass viele Israelis doch irgendwie Weihnachten erleben wollen, indem sie Weihnachtskonzerte besuchen.

Wie gehts den Christen im Gazastreifen?
Ein grösserer Teil ist in die Westbank ausgewandert. Von etwa 120 evangelischen Christen sind vielleicht 30 geblieben. Doch in der Zwischenzeit sind hier etliche Muslime zum Glauben an Jesus gekommen. Genaue Angaben macht niemand, denn man will nicht noch mehr unter Druck kommen. Die Bibelgesellschaft, mit der wir zusammenarbeiten, muss heute jedenfalls vom Untergrund aus operieren.

Wie entwickeln sich die christlich-messianischen Gemeinden in Israel?
Sie sind kontinuierlich am Wachsen. Unterdessen gibt es etwa 120 messianische Gemeinden mit 8000 Besuchern. Da es verschiedene theologische Strömungen gibt, nehmen aber auch die theologischen Differenzen zu. Die grössten Differenzen gibt es in zwei Punkten. Eine kleine Gruppe brachte die Frage nach der Identität von Jesus auf. Ist er eins mit Gott oder ist er nur göttlicher Gesandter? Und dann gibt auch der Stellenwert der rabbinischen Traditionen vermehrt zu reden.

Wie weit ist Israel von einer Erweckung entfernt?
Eine Erweckung folgt auf den persönlichen Zerbruch. Wir bringen unser Leben mit Gott meist erst dann in Ordnung, wenn es nicht mehr anders geht. Das ergeht dem Volk Israel genauso.

Was macht Ihnen Hoffnung für die Zukunft von Israel?
Mich lässt hoffen, dass Jesus nach wie vor um das jüdische Volk wirbt. Er steht zu seinen Verheissungen. Und nach wie vor erleben es Menschen, dass sie durch Jesus Hoffnung und Frieden auf Erden bekommen können.

Was sollen Schweizer Christen dem Volk Israel wünschen?
Der grösste Wunsch ist der, dass Israel und Jerusalem Frieden erleben werden. Und zwar einen Frieden, der mehr ist als ein politischer Frieden.

«amzi focus israel»

Die Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel (Amzi Schweiz und Amzi Deutschland) unterstützt seit über 40 Jahren jüdisch-messianische und arabisch-christliche Gemeinden und Institutionen in Israel und den palästinensischen Gebieten. Sie fördert die Versöhnungsarbeit und das Zeugnis vom jüdischen Messias und informiert über die messianische Bewegung und über die Situation im Nahen Osten. «amzi focus israel» verfügt über vier vollzeitliche und viele ehrenamtliche Mitarbeiter und hat seinen Sitz in Reinach BL und Lörrach.
Auf YouTube unter amzi-org kann man Weihnachts- und Chanukka-Stimmung miterleben. http://www.youtube.com/watch?v=e0XNVsNItDU

Zur Person

Hanspeter Obrist, 1965 in Winterthur geboren, verheiratet, wohnt in Arlesheim BL. Studierte vier Jahre am Theologischen Seminar St. Chrischona und wurde 1993 zum geistlichen Dienst ordiniert. Seit 2001 Leiter des Hilfswerks «Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel» (Amzi). Chefredaktor der Zeitschrift «focus Israel» und Autor mehrerer Bücher. Besucht mehrmals jährlich verschiedene Werke und Gemeinden in Israel. Er gilt als gründlicher Kenner der messianischen und der arabisch-christlichen Bewegung in Israel.

Dieser Artikel erschien in Heft 2009-52