Mittwoch • 14. November
Editorial
04. November 2018

Wolkenbruch und der Unschuldige

Mit "Wolkenbruch" und "Der Unschuldige" laufen zurzeit zwei Schweizer Spielfilme im Kino. Sie sind thematisch verwandt, aber komplett unterschiedlich. Beide spielen in einem religiösen Milieu. Und beide lassen Entscheidendes vermissen.

ANZEIGE

Michael Steiners Komödie "Wolkenbruch" beschreibt augenzwinkernd den Alltag orthodoxer Zürcher Juden. Mordechai, genannt Motti, beginnt sich den Regeln der Gemeinschaft zu entziehen, als die Mutter ständig Treffen arrangiert, um ihn mit jüdischen Mädchen zu verkuppeln. Denn Motti hat nur Augen für Mitstudentin Laura. Aber die ist "eine Schickse", eine Ungläubige. Schrittweise entzieht sich Motti der elterlichen Umklammerung. Seine Emanzipation beschleunigt er mit Alkohol, Yoga und Sex. Regisseur Steiner zeigt die jüdische Gemeinschaft als koschere Parallelwelt. Er parodiert, übertreibt, sorgt für Lacher und lässt damit gleichzeitig den Tiefgang vermissen. Der Film plätschert auf der Oberfläche der jüdisch-orthodoxen Tradition dahin. Dass es in diesem Umfeld auch um Gottesfurcht, um Gott gehen könnte, witzelt die umjubelte Komödie vom Bildschirm weg. Welchen Weg Motti letztlich einschlägt, bleibt dann aber offen. Gut so.

Der Film "Der Unschuldige" spielt im Umfeld einer freikirchlichen Gemeinde und beobachtet die Tierärztin Ruth, ihren Mann und ihre beiden Töchter. Die Figuren wirken innerlich zerrissen. Ruth arbeitet in der medizinischen Forschung, hilft bei Tierversuchen. Das Schicksal eines Rhesusaffen lässt sie nicht mehr schlafen; sie betet für das Tier. Unverhofft trifft sie dann auf ihre Jugendliebe. Dieser Mann hatte zwanzig Jahre wegen Mordes im Gefängnis gesessen. Skrupellos drängt er sich in Ruths Leben; sie lässt es zu. Auch eine der Töchter führt ein Doppelleben. Bei Ruth gipfelt die Seelsorge des Pastors im verzweifelten Versuch, Dämonen auszutreiben. Einmal wird sie in einem Raum "eingesperrt", während für sie gebetet wird. Surreale Szenen in einem Puff mit Pool bringen die Story endgültig zum Absturz. Die von Anfang bis zum Ende des Films wie weggetreten wirkende Ruth hat sich längst entschieden, ihrer Familie und ihrem Glauben den Rücken zu kehren.

Regisseur Simon Jaquemet nähert sich einem Thema an, das sich ihm nicht erschliesst. Am Ende lässt er Ruth mit ihrer alten Liebe vereint Richtung Meer fahren und den Laboraffen vom Tod auferstehen. Dass es authentischen Glauben gibt, das verdeckt dieser konfuse, das Sektenimage für Freikirchen bedienende Film, völlig.

Dass wollte ich Ihnen noch mitteilen, bevor Sie Ihren Nachbarn zum einen oder anderen Film ins Kino einladen. 

Rolf Höneisen, idea-Chefredaktor 

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.