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Gemeinschaftsgärten
22. Juli 2018

Treffpunkt Garten

Eric Lienhard Foto: idea/Helena Gysin
Eric Lienhard Foto: idea/Helena Gysin
Früher zeichnete ein prächtiger Gemüsegarten eine tüchtige Hausfrau aus. In der Zwischenzeit sind die Vorgärten der Einfamilienhäuser auf ein Minimum geschrumpft; viel Gartenwissen ist verloren gegangen.
Nun wächst eine neue Idee: Gemeinschaftsgärten – auch unter christlichen Vorzeichen.

Die alte Sehnsucht nach Nähe zur Natur, nach Gemüse aus dem eigenen Garten kehrt zurück in die Köpfe verschiedenster Menschen. Nicht nur auf dem Land, auch in der Stadt. Dort boomt seit einiger Zeit „Urban Gardening“. In deutschen Städten nehmen Ökofreaks ganze Landstreifen in Beschlag. Ist Gärtnern der Kontrapunkt zu unserem atemberaubend schnellen Leben? Der Gegenpol zu Digitalisierung und ständiger Erreichbarkeit? Die ehemalige Geschäftsführerin der Insel Mainau, Gräfin Sonja Bernadotte, formulierte, was vermutlich diesem neu entdeckten Bedürfnis zugrunde liegt: „Die Beschäftigung in der Natur, besonders im Garten, wird als Ausgleich zu den schnellen Kommunikationstechniken immer wichtiger; sie führt zur Entdeckung der Langsamkeit, zur Ruhe, Besinnung und Erholung; sie schafft Oasen in einer rasanten Welt.“ Genau das sagen und erleben die verschiedenen Menschen in Liestal BL, Interlaken BE und Rorbas-Freienstein ZH, die der neuen Lust des gemeinsamen Gärtnerns frönen.

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Ein Garten als Integrationsprojekt

In Liestal hat die Gartentherapeutin Ashleen Wartenweiler (38) ein Pilotprojekt mit dem Namen „Gartenwerk“ gestartet. Der Garten soll zu einem Brückenschlag werden zwischen Schweizern und Fremden, es ist ein Integrationsprojekt. Von Anfang an suchte Wartenweiler die Kooperation mit der Stadt Liestal. „Ich rannte mit dem vorgelegten Konzept offene Türen ein“, erzählt sie. Ashleen Wartenweiler ist Mitglied der Vineyard Liestal. Diese Freikirche trägt das Projekt mit, indem sie es der Initiantin ermöglicht, einen Teil ihrer Arbeitszeit ins „Gartenwerk“ zu investieren. In unmittelbarer Nähe des Fraumatt-Quartiers, wo teilweise Menschen aus sozial schwächeren Schichten und Immigranten wohnen, stellte die Stadt dem Verein ein 100 m² grosses Grundstück zur Verfügung. Stadträtin Regula Nebiker war von der Idee so begeistert, dass sie sich als Patin des Pilotprojekts anerbot. Ziel des „Gartenwerks“ ist die Förderung sozialer Integration durch Begegnung, Beschäftigung und Bildung, so steht es auf der Homepage.

Im April 2017 erfolgte mit einem Frühlingsfest der Startschuss in die erste Gartensaison. Damals liess das Wiesenbord einen zukünftigen Garten noch kaum erahnen. Seither wird zusammen gearbeitet, gepflanzt und geerntet. Die Teilnehmenden werden dabei auch gefördert und gefordert, die deutsche Sprache zu üben. Die sogenannten Gartenzeiten sind mittwochs und freitags von 9 bis 11 Uhr. Meistens besuchen zwischen sechs und zehn Personen den Garten, rund zwei Drittel sind Schweizer, das andere Drittel Menschen mit Migrationshintergrund.

Der Garten wird nach den Grundsätzen der Permakultur (siehe Kasten) bewirtschaftet. Der Verein ist zudem Mitglied bei ProSpecieRara. So finden schon fast vergessene Pflanzen und Gemüse einen Platz im Gemeinschafts­garten von Liestal. Aber auch die Teilnehmenden selber bringen Setzlinge mit, zu denen sie eine gewisse Beziehung oder für die sie eine Vorliebe haben.

Ob die Idee des „Gartenwerks“ eine Erfolgsgeschichte wird, lässt sich noch nicht sagen. Es zeigt sich, dass es nicht ganz einfach ist, die Zielgruppe der Fremden und Flüchtlinge in den Garten zu bringen. Vermutlich scheitert es auf der einen Seite am fehlenden persönlichen Kontakt und Flyer-Aktionen bringen auch nicht das gewünschte Resultat, weil Immigranten oft sehr bescheidene Deutschkenntnisse haben.

„Wir suchen immer wieder nach neuen Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen“, sagt Deborah Hauri, die sich im Vorstand des Vereins engagiert. Als Höhepunkt bezeichnet sie die Geschichte einer älteren IV-Rentnerin, die voller Begeisterung von der Verbesserung ihrer Gesundheit berichtete, weil sie sich bewegt und von der Garten­gemeinschaft getragen fühlt. Erfreulich: Swisslos hat das „Gartenwerk“ mit einer Spende unterstützt.

Ein Garten zur Selbstversorgung

Dass Gartenarbeit einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen hat, davon ist auch Claudius Zumbrunn aus Interlaken überzeugt. Bei ihm entstand die Idee des Gartenprojekts während einer persönlichen Gebetszeit. Er suchte nach Land und erlitt dabei auch Rückschläge. Land in einer Zone zu finden, die für ein solches Projekt genutzt werden darf, scheint im Kanton Bern nicht einfach zu sein. Im Juni 2017 konnten die „Garten Freunde GoldEy“ aber ein 220 m² grosses Grundstück übernehmen. Gras und Unkraut standen damals kniehoch. Die beiden Familien mit insgesamt vier Kindern und Singlefrau Silvia Teuscher, die sich den Garten teilen, machten sich an die Arbeit.

Teuscher ist extrem begeistert vom Gartenprojekt. „Alleine hätte ich so etwas nie angepackt, aber gemeinsam macht es so viel Spass“, schwärmt sie. Dem 48-jährigen Zumbrunn, der als selbständiger Gärtner und Hauswart tätig ist, sind nebst dem schöpfungsnahen Gärtnern auch eine gewisse Effizienz und Wirtschaftlichkeit wichtig. Im Garten wachsen Beeren, Gemüse, Kräuter und Blumen. Am Rand stehen sechs Holzrugel. Dort sollten, wenn alles klappt, bald einmal Pilze wachsen. Etwas wehmütig bemerkt Zumbrunn: „Der Garten ist zu klein, um als Selbstversorger auf einen grünen Zweig zu kommen.“ Claudius Zumbrunn träumt von einem grösseren Grundstück und von einem Netzwerk von christlichen Gemeinschaftsgärten. Er wünscht sich eine Plattform zum gegenseitigen Austausch von Fachwissen, Erfahrungen und neuen ­Ideen. Momentan profitiert er selber vom Wissen eines ETH-Agronomen, der Erfahrungen aus dem asiatischen und afrikanischen Raum mitbringt.

Ein Garten als Naturwerkstatt

Eric Lienhard (25) aus dem zürcherischen Rorbas-Freien­stein ist ein weiterer Gemeinschaftsgarten-Pionier. Er lernte Landschaftsgärtner, studierte am TDS in Aarau Sozialdiakonie und arbeitet momentan in einem Sozialprojekt der Stadt Bülach. Zusammen mit drei anderen jungen Männern aus seiner Kleingruppe entwickelte er die Idee eines eigenen Gartens. Enthusiastisch machten sich die vier Männer vor fünf Jahren an die Gartenarbeit. Die Eltern eines Kollegen stellten ihnen Land – ungefähr 250 m² – zur Verfügung. Das Grundstück liegt am Hang, auf der einen Seite grenzt es an einen Rebberg, auf der anderen Seite beginnt der Wald. Ein ruhiger Ort, mit traumhafter Sicht in die Berge. Lienhard bezeichnet den Garten als Experiment, als Lernfeld. Zwar brachten zwei Männer grünes Vorwissen mit und ein dritter ist Landwirt und studiert momentan Agrar-Wissenschaft. „Von Gemüseanbau hatten wir aber keine Ahnung“, gesteht er. Die Startphase beschreibt er so: „Wir säten, wir düngten, wir kämpften gegen Unkraut und Schädlinge. Wir beobachteten unseren Garten, sammelten Informationen und zogen Schlüsse.“ Von Anfang an war das Thema „Bewahren der Schöpfung“ wichtig; doch was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet, erlebten sie erst in der Praxis so richtig.

„Ich versuchte immer mehr aus der Natur, aus der Schöpfung abzuleiten, was auch in unserem Garten angewendet werden könnte“, erklärt Eric Lienhard. Was hier in den letzten fünf Jahren entstand, ist kein klassischer Gemüsegarten. Zwar wachsen an der höchsten Stelle 18 verschiedene Tomatensorten, aber sonst sieht es hier nach einem wilden Durcheinander aus: Im Kräutergarten flattern unzählige Schmetterlinge, im Miniteich hüpfen Frösche, in einem ausgehöhlten Baumstamm hat sich ein Schwarm Wildbienen niedergelassen, Gemüse wächst zwischen Blumen, an einer anderen Stelle steht ein Aprikosenbaum. Auch wenn die jungen Männer – Frauen sind bisher noch keine dazugestossen – es nicht gross auf ihre Fahne schreiben, so wird hier Permakultur in Reinform angewendet. Lienhard ist ein Tüftler. Sein neuestes Projekt dreht sich um die Madenzucht, eine Idee aus Indonesien. Die Maden zersetzen Speisereste, wandern über eine Rampe nach oben und fallen zu Boden. „Wenn die Kiste zum Beispiel in einem Hühnerhof platziert ist, kommen so die Hühner zu kleinen delikaten Snacks“, beschreibt er mit einem breiten Grinsen.

Ein Garten ist „männertauglich“

Aus einer mutigen, vielleicht auch ein bisschen verrückten Idee entstand im Zürcher Unterland der Verein
„Chruut & Rüebli“, mit 15 Aktivmitgliedern und rund 50 Gönnern – nicht alle sind Christen. Manche Freundschaften gehen zurück auf die gemeinsame Schulzeit. „Gewisse Beziehungen würden wohl nicht mehr bestehen, gäbe es das gemeinsame Projekt nicht“, resümiert der junge Mann. Der Garten ist zu einem wichtigen Treffpunkt geworden. Eric Lienhard ist zwei bis drei Mal pro Woche im Garten, andere etwas seltener. Der Samstag ist der eigentliche Gartentag des Vereins. Einer nimmt dann den stündigen Weg von Zürich nach Rorbas-Freienstein mit dem Velo unter die Räder. Man arbeitet im Garten, grilliert zusammen, bäckt im selbstgebauten Ofen Pizza, organisiert im Frühjahr und Herbst ein Fest, das offen ist für alle Interessierten aus dem Dorf. Dort stossen die jungen Leute mit „Chruut & Rüebli“ auf viel Goodwill. Ihr Engagement im Dorf wird geschätzt. Sie organisieren einen Setzlingsmarkt und haben die Initiative für die Renaturierung einer Fläche ergriffen.

Ein weiterer Aspekt ist für Lienhard die „Männertauglichkeit“ des Projekts: „Der Garten ist perfekt, um mit Männern ins Gespräch zu kommen.“ Man sitzt sich nicht steif in einem Raum gegenüber, sondern ist gemeinsam aktiv. Dabei öffnen sich Männerherzen und lösen sich schweigsame Zungen; Seelsorge geschieht, ohne dass man(n) es merkt. Ein anderes Beispiel ist jener junge Mann, der sich zuerst für den Garten interessierte, später für die Kleingruppe und heute ist er ein Jesus-Nachfolger. Doch Eric Lienhard und seine Kollegen träumen noch weiter und noch grösser: Sie möchten gerne einen Bauernhof pachten. Das Haus könnten zwei bis drei Familien und vielleicht auch ein paar Leute, die sozial benachteiligt sind, bewohnen. „Wir möchten Landwirtschaft betreiben und einen Garten anlegen, der gross genug ist, damit es für die Selbstversorgung reicht“, sagt er. Und spätestens dann sind auch ein paar Frauen mit im Boot, respektive im Garten.

(Helena Gysin)

www.urbanagriculturebasel.ch/project/gartenwerk-liestal/

www.claudiuszumbrunn.com/gartenfreunde-goldey

www.chruutundruebli.com

„Dem Schöpfer näher“

Claudius Zumbrunn, Interlaken

Warum braucht es christliche Gemeinschaftsgärten?

Zum einen, weil das unsere urmenschlichste Bestimmung ist: Gott beauftragte uns, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Ein Garten führt Menschen zurück in die bewusste Abhängigkeit Gottes, in die Nähe des Schöpfers. Zum anderen beobachte ich, wie viel Wissen über die Zusammenhänge bei der Garten­arbeit in den letzten Jahren verloren ging. Dem möchte ich entgegensteuern. Ein anderer Aspekt ist es, dass man in einem Gemeinschaftsgarten das Leben miteinander teilt: Da entstehen wertvolle Beziehungen, ja Freundschaften – etwas, das in unserer Gesellschaft zu kurz kommt.

Was begeistert Sie am Bebauen eines Gartens?

Menschen spüren bei der Gartenarbeit wie kaum sonst, wer sie sind. Die Natur ist so faszinierend. Man sagt zum Beispiel, dass Rosen dann geschnitten werden dürfen, wenn die Forsythien blühen – diese Regel kann überall angewendet werden, ob im Tessin oder in Grindelwald. Der „Phänologische Kalender“ zählt viele solcher Zusammenhänge auf und ist eine sichere Anleitung auch für Anfänger.

Was unterscheidet einen Gemeinschaftsgarten von einem klassischen Schrebergarten?

Die Gemeinschaft! Man muss sich zusammen arrangieren, Kompromisse finden oder auch einmal Ideen eines anderen mit­tragen, die einen selber nicht zu 100 Prozent überzeugen. Wenn das funktioniert, dann ist es ein geniales Beispiel – auch gegen aussen.

Ist Ihr Anliegen für Gemeinschaftsgärten von Endzeitängsten getrieben?

Nein – obschon ich vor einigen Jahren schon den Gedanken hatte: Mach dich unabhängig von weltlichen Finanzströmen. Ängste spielen keine Rolle, wir pflanzen aus Hoffnung, aus Freude am Gärtnern. Bei „Garten Freunde GoldEy“ sind ja auch zwei Familien mit im Boot. Die vier Jungs lernen eins zu eins, dass das Gemüse nicht aus der Migros kommt. Wir erleben es, dass
Spaziergänger bei unserem Garten stehen bleiben, beim Fachsimpeln nehmen sie dann den einen oder anderen Impuls mit. Wir glauben, dass unser Garten eine Ausstrahlung hat.

Sie scheinen ein Pionier zu sein – wovon träumen Sie noch?

Nebst dem Aufbau eines Netzwerks von christlichen Gemeinschaftsgärtnern und -gärtnerinnen könnte ich mir auch ein Projekt vorstellen, das Kinder ins Gärtnern einführt. Vielleicht so etwas wie eine „Garten-Jungschar“.

(Interview: Helena Gysin)

Permakultur

Der Begriff Permakultur leitet sich ab von „permanent agriculture“, also permanente Landwirtschaft. Diese Art zu gärtnern hat zum Ziel, die Lebensgrundlagen der Menschen dauerhaft zu sichern: ökologisch, sozial, ökonomisch. Permakultur ist ein Gestaltungssystem, das, egal ob in einem Garten oder in der Landwirtschaft, die Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt der Natur (Biodiversität) erhalten oder sogar erhöhen will. Bei der Planung dienen die natürlichen, schöpfungsbedingten Ökosysteme als Vorbild. Pflanzen und Tiere sollen durch bewusst gewählte Mischkultur im Gleichgewicht leben. Dabei sollen zum Beispiel die im klassischen Sinne als Schädlinge bezeichneten Gartenbewohner durch natürliche Feinde in Schach gehalten werden. Auf chemische Zusätze wird ganz verzichtet. Wer seinen Garten auf Grundlage der Permakultur gestaltet, sieht sich häufig als Teil eines weltweiten Systems und legt Wert auf ethische Massstäbe. Das höchste Ziel ist nicht Effizienz, sondern Harmonie. Permakultur als Gestaltungssystem ist an sich wertneutral und legt den Fokus auf eine lokale, nachhaltige Entwicklung. Diese Grundsätze ziehen besonders Menschen an, die offen sind für spirituelle Inhalte aller Art. Darum ist Permakultur unter Christen nicht unumstritten.

 

 

 

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