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Sabrina Müller über die Situation Hinterbliebener
08. Februar 2019

„Suizid darf kein Tabuthema bleiben!“

Sabrina Müller:
„In mir wuchs der Wunsch,
selbst tot zu sein.“ Foto: zvg
Sabrina Müller: „In mir wuchs der Wunsch, selbst tot zu sein.“ Foto: zvg
Nach dem Suizid ihrer besten Freundin hat Pfarrerin Dr. Sabrina Müller aus Bubikon ZH ein Buch geschrieben. Sie verbindet darin ihre Trauererfahrungen mit Erkenntnissen aus Forschung und Praxis. Vom Buch können Betroffene, Trauernde und Menschen in helfenden Berufen profitieren. 

Bubikon (idea) - Vor zwölf Jahren hatte Sabrina Müller ihre Freundin Angelika gebeten, ihre Trauzeugin zu sein. Dann der Schock. "Auf der Hochzeitsreise erfuhr ich, dass Angelika tot ist. Ich konnte es nicht fassen!" Kurz vor der Abreise hatte Sabrina mit Angelika eine Vereinbarung getroffen. Die beiden Freundinnen hatten festgehalten, wie sich Angelika den Suizidgedanken entziehen kann, und sie hatte Sabrina versprochen, sich nichts anzutun. Eine Freundin sollte zudem ein Auge auf Angelika haben. Das Unvorstellbare geschah trotzdem: Angelika nahm sich das Leben und Sabrina war in den USA, Tausende Kilometer weit weg.

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Wo haben Sie Angelika kennen gelernt? 
Wir studierten beide an der Theologischen Fakultät in Zürich. Vor 15 Jahren fragte ich die sensible Frau mit der freundlichen Ausstrahlung, ob wir zusammen eine Lerngruppe bilden wollten. Angelika war überrascht, doch aus dem ersten Kontakt entstand eine tiefe Freundschaft, und mit der Zeit waren wir ein eingespieltes Team mit gemeinsamen Zukunftsplänen.

Was für ein Mensch war Ihre Freundin?
Äusserlich schien sie oft fröhlich, war gerne in der Natur unterwegs, wir joggten zusammen, sie bestieg den Kilimandscharo, hatte grosses Durchhaltevermögen und engagierte sich in Kirche und Cevi. Sie war hilfsbereit und mitfühlend. Aber ich sah auch die Narben der Selbstverletzungen an ihren Armen und Beinen und erlebte ihren Selbsthass. Angelika litt unter Depressionen und hatte schon einmal versucht, sich zu suizidieren. Das war, bevor wir uns kennen gelernt haben.

Hat Angelika als Kind oder Jugendliche Schwieriges erlebt?
Ja, sie war die ganze Schulzeit über ein Mobbingopfer. Niemand griff ein; sie war oft allein, lernte zu schweigen, wenn sie gequält wurde. Offenbar haben weder Eltern noch Lehrer das Ausmass des Mobbings erkannt.

Sie konnten über alles miteinander reden. Holte sich Angelika auch ärztliche Hilfe?
Ja, sie besuchte regelmässig eine Psychotherapeutin und nahm auch Medikamente. Mir fiel auf, dass Angelika zusätzlich zu den Psychopharmaka auch Schlaftabletten bekam. Das machte mir Angst, und ich hatte mehrmals den Impuls, mit Angelikas Einverständnis mit der Ärztin darüber zu reden. Leider habe ich es nie getan. Heute würde ich anders reagieren, ich würde es ansprechen.

Hat sie die Psychopharmaka gut verkraftet?
Leider war eine Nebenwirkung davon, dass Angelika massiv an Gewicht zulegte. Deshalb hat sie die Tabletten wieder abgesetzt. Zur Zeit des Suizids nahm sie offenbar keine mehr.

Was hat Sie veranlasst, Ihr Erleben mit Angelika in einem Blog zu veröffentlichen?
Vor etwa zwei Jahren stand ich in Liverpool plötzlich vor einem Street-Art-Bild. Es zeigte eine verzweifelte junge Frau. Dieses Bild ist jetzt auch auf dem Cover meines Buchs zu finden. Das Sujet erinnerte mich daran, wie ich mich nach Angelikas Suizid gefühlt hatte.

Die Trauer, die Wut und die Fragen, die mich beschäftigten, waren darin zu sehen. Das Bild weckte in mir das Bedürfnis, Worte zu finden für das, was mich so lange sprachlos gemacht hatte. Zunächst begann ich meinen Trauerprozess für mich zu skizzieren. Es kostete mich grosse Überwindung, den ersten Text in Form eines Blogs öffentlich zu machen.

Wie waren die Reaktionen auf den Blog?
Die vielen positiven Reaktionen überraschten und bestärkten mich, weiterzuschreiben. Es meldeten sich andere Suizidhinterbliebene und trauernde Menschen. Sie dankten mir dafür, dass ich versuche, Worte für etwas zu finden, das nur schwer auszusprechen ist. Ähnlich wie ich trafen auch diese Betroffenen oft auf eine Mauer des Schweigens, wenn sie über ihre Trauer sprechen wollten. Ich bekam aber auch Reaktionen von Pfarrpersonen und Menschen in helfenden Berufen, die dankbar waren für die Einblicke in die Gedanken und Gefühle einer Betroffenen.

Wurden Sie damals als Hinterbliebene wahrgenommen?
Nein, und das ist genau eine der Schwierigkeiten als Suizidhinterbliebene. Bei einem Suizid sind auch Menschen ausserhalb der Familie stark betroffen. Das wird von Pfarrpersonen und dem Umfeld aber kaum realisiert und liess mich immer mehr verstummen. Ich konnte mit kaum jemandem reden, ausser mit meinem Mann und unserer WG-Mitbewohnerin. Ich gestand mir lange nicht zu, so heftig um Angelika zu trauern, weil ich ja nicht zur Familie gehöre. Aber ich habe gemerkt, dass es um die Nähe der Beziehung und nicht den Verwandtschaftsgrad geht, ob jemand zu den Hinterbliebenen gehört. Im Buch sind zehn Jahre meines Trauerprozesses beschrieben, es war ein langer Weg.

Man weiss, dass für die einem Suizid-Opfer Nahestehenden ein hohes Risiko besteht, sich ebenfalls das Leben zu nehmen. Waren Sie auch gefährdet?
Ja, mit meiner Sehnsucht nach Angelika wuchs auch mein Wunsch, selbst tot zu sein. Zudem machten mich meine Schuldgefühle aggressiv gegenüber mir selbst. Ich habe gelernt, dass es auch bei eigenen Suizidgedanken wichtig ist, darüber zu reden. Ich möchte dazu beitragen, dass Leute ihre Geschichte erzählen dürfen und darüber reden können, wie es ihnen wirklich geht in ihrer Trauer, wie sie mit Suizidgedanken und Schuldgefühlen umgehen. Wenn man unsicher ist, ob jemand suizidgefährdet ist, sollte man ganz konkret nachfragen und das Thema ansprechen.

Wo haben Sie in Ihrer Trauer Hilfe bekommen?
Ich war in der Kirche und Jugendarbeit engagiert, hatte viele Freunde. Doch nach Angelikas Suizid war niemand aus diesem Umfeld für mich da. Ich kämpfte gegen eine Wand des Schweigens; die Menschen waren mit dem Thema überfordert und ich erlebte dadurch eine grosse Enttäuschung. Mein Mann, eine Freundin und mein langjähriger Coach waren da, unaufdringlich, beharrlich, auch hilflos. Später habe ich mich an meinen Mentor gewandt, einen Notfallseelsorger. Er war der Erste, bei dem ich den Eindruck hatte, dass er wirklich verstand, wie ich mich fühlte.

Wie erleben Sie es heute? Bieten Kirchen Hilfe an?
Hinterbliebene erleben leider häufig wenig Unterstützung. Die Überlebenden eines Suizides werden eher wahrgenommen und betreut. Die Kirche hätte ein grosses Potenzial, ein Netzwerk für Trauernde und Hinterbliebene aufzubauen und ihnen auf Wunsch Trauerbegleiterinnen und -begleiter zur Seite zu stellen. Leider wird die gute Arbeit, welche Jörg Weisshaupt mit den Vereinen "Nebelmeer" und "Trauernetz" aufgebaut hat, nicht mehr von der reformierten Kirche finanziert.

Ihr persönlicher Glaube wurde schwer erschüttert, Sie waren von Gott und Menschen enttäuscht. Trotzdem haben Sie Ihr Studium später wieder aufgenommen und lehren heute Praktische Theologie an der Universität Zürich. Wie kam es dazu?
Mein persönlicher Glaube blieb mir bei aller Wut, den Zweifeln und Anschuldigungen Gott gegenüber erhalten. Mein Glaube ist jetzt anders als früher. Irgendetwas in mir hielt stur an der Hoffnung auf Hoffnung fest. Ich lernte, dass Glaube häufig Suchen, Fragen, Nichtwissen und Ringen ist; ein Hoffen auf etwas, das man nicht wissen und doch irgendwie erahnen kann. In einem jahrelangen, facettenreichen Weg mit zweifeln, wieder glauben, hinterfragen, Vertrauen wagen, wurde mein Glaube neugestaltet. Vom vermeintlichen Besitz des richtigen Glaubens zu einem fragenden Suchen und Hoffen.

Lang galt Suizid als Sünde. Damit wurden auch die Hinterbliebenen stigmatisiert. Wie erleben Sie das?
Die Stigmatisierung, die viele Hinterbliebene auch heute noch fürchten und häufig erleben, gründet in einer über tausend Jahre alten Tradition. Für lange Zeit galt Suizid als grosse Sünde. Die verstorbenen Personen wurden nicht auf dem Friedhof bestattet, und es durfte offiziell nicht um sie getrauert werden. Auch die Angehörigen und Hinterbliebenen wurden dadurch Ächtung und Stigmatisierung ausgesetzt. Dies, obwohl Selbsttötungen schon immer zur Menschheitsgeschichte gehörten.

Auch in der Bibel werden Suizidgedanken geäussert, und es wird von vollendeten Selbsttötungen berichtet. Biblisch gesehen wird das zwar erzählt, aber nicht gewertet oder als Sünde dargestellt. Eine Selbsttötung mit dogmatischen Kategorien werten zu wollen, ist meines Erachtens weder angemessen noch für Suizidhinterbliebene oder Überlebende eines Suizidversuchs hilfreich. Die biblische Haltung führt hier eher weiter: Denn biblisch gesehen werden weder der Suizid an sich noch Suizidvorstellungen verurteilt, sondern sie werden als Lebensrealität anerkannt und ernst genommen.

Im Zentrum steht der leidende Mensch, den gemäss Römer 8, Vers 38 und 39, nichts und niemand von Gottes Liebe trennen kann. (Interview: Mirjam Fisch-Köhler)

Sabrina Müller

Pfarrerin Dr. Sabrina Müller ist Lehrbeauftragte für Praktische Theologie an der Universität Zürich. Sie hat einen Blog geschrieben zu ihrem Erleben nach dem Suizid ihrer besten Freundin. Daraus ist das Buch "Totsächlich" entstanden, das sowohl Hinterbliebenen wie auch Pfarrpersonen und in der Seelsorge Tätigen wichtige Fakten und Möglichkeiten zur Hilfestellung aufzeigt. Gleichzeitig beschreibt es den individuellen Trauerprozess der Autorin. Das Buch heisst "Totsächlich, Trauern und Begleiten nach einem Suizid" und ist im TVZ Verlag erschienen.

 

"Nachfragen, was den Trauernden hilft"

Was Angehörige VON SUIZIDOPFERN sagen

Vor 21 Jahren verloren I. und F. R. aus G. ihren damals 32-jährigen Sohn A. durch Suizid. Er hatte an einer schweren Neurose gelitten. Über Jahre mussten sie befürchten, dass er seinem Leben ein Ende setzen könnte. Sie verpflichteten sich vor Zeugen, sich selber nichts anzutun, egal wie dunkel ein Lebensabschnitt einmal werden sollte. Einmal zog sich die Mutter eine Woche lang in die Berge zurück, um ihre Gedanken und Gefühle in Zwiesprache mit Gott zu ordnen. Sie erkannte, dass es nicht ihre Verantwortung war, sondern jene von A., wie er mit seinem Leben und seiner Krankheit umging. Auch der Vater F. brachte den Sohn im Gebet immer wieder vor Gott.

Beide hätten sich nach dem Tod von A. gewünscht, angesprochen zu werden, um darüber reden zu können. F. erinnert sich, wie einmal zwei Frauen bekümmert vor der Tür standen und meinten, sie wüssten gar nicht, was sie sagen sollten. Er habe ihnen geantwortet, dass es im Moment fast unmöglich sei, Worte zu finden, "aber eure Anteilnahme tut uns wohl!". Eine andere Person stellte eine Sonnenblume vor die Tür. Solche Zeichen hätten gutgetan. Wichtig sei es, sich zu erlauben, das ganze Spektrum der Gefühle (Wut, Unverständnis, Ohnmacht, Hadern) zuzulassen und auszuhalten. Weiter helfe es, Tagebuch zu schreiben und mit Bibelversen, Liedstrophen oder tröstenden Bildern zu leben, sich viel Zeit zum Trauern zu lassen. Auch gemeinsames Schweigen helfe, ein liebevoller Blick oder eine Berührung. "Man kann ja fragen, was dem Trauernden hilft." Trauernde hätten oft nicht die Kraft, auf andere zuzugehen.

Der Vater von W. R. aus H. hatte eine schwere Jugend. Später wurde er immer wieder ausgenutzt. "Er war ein sehr hilfsbereiter Mensch, aber auch ein verschlossener", erinnert sich W. Eines Tages verkraftete sein Vater das Leben nicht mehr. Er liess sich von einem Zug überrollen. Sohn W. war damals 42 Jahre alt. Als Rettungssanitäter hatte er sich schon lange mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Zudem las er in der Bibel über das Weiterleben nach dem Tod, über eine gute Zukunft bei Gott. Daran und an Gottes Liebe, die bleibt, glaubt W.

Bei der Abdankung sagte der Priester: "Er wollte seinen Frieden finden, lasst ihn ihm nun." Das habe er so annehmen können, erzählt W. Er ist überzeugt, dass sein Vater bei Gott Frieden gefunden habe und sie sich dort wieder begegnen werden. Er habe getrauert, sei aber nicht verzweifelt deswegen.

Sein Beruf lehrt W., dass niemand davor gefeit ist, plötzlich zu sterben. Sich dessen bewusst zu sein, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen und sich darauf vorzubereiten, empfindet er als grosse Hilfe. Man müsse den Tatsachen ins Auge sehen und wahrnehmen, wenn jemand gestorben sei, betont W. Denn dann könne man auch darüber reden. Auch Kinder sollten erfahren, wenn ein Angehöriger Suizid begangen habe. Es sei wichtig, bei der Wahrheit zu bleiben und nichts zu verdrängen, sagt W. Die Würde des Menschen bleibe bestehen, unabhängig von der Art, wie sein Leben ende.

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