Mittwoch • 14. November
Ruth Mauz und der Verein CARA
01. November 2018

Rituelle Gewalt öffentlich machen

Pfarrerin Ruth Mauz: „Rituelle Gewalt gibt es auch in der Schweiz.“ Foto: Mirjam Fisch-Köhler
Pfarrerin Ruth Mauz: „Rituelle Gewalt gibt es auch in der Schweiz.“ Foto: Mirjam Fisch-Köhler
An der Vernissage des Buches "Das Schweigen brechen" gaben Fachleute Einblick in ihr Wissen. Die Beiträge von Betroffenen berührten.

Winterthur (idea) - Rituelle Gewalt soll nicht länger ein Tabu sein. Dafür setzt sich die Theologin Ruth Mauz ein. Die Präsidentin des Vereins CARA (care about ritual abuse) gratulierte den 250 Teilnehmenden der Vernissage zum Mut, sich dem erschütternden Thema zu stellen. Noch mehr Mut brauchten vermutlich die fünf Überlebenden von rituellem Missbrauch, deren Beiträge die Anwesenden besonders berührten. "Diese Dinge finden statt, auch in der Schweiz", so Mauz. Damit meinte sie, dass Menschen - auch Kinder - nachts entführt, gequält, vergewaltigt und zu Straftaten gezwungen werden.

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"Menschliche Abgründe"

Der Psychiater Werner Tschan hielt fest, dass Fachleute oft nichts davon wissen. "Wir müssen durch Zuhören dazulernen", forderte er auf. "Menschliche Abgründe werden nicht gerne gesehen oder gehört", stellte der Psychotherapeut und Pastor Michael Grossklaus fest. "Wir verschliessen unsere Augen nicht und geben denen eine Stimme, deren Erlebnisse nicht gehört werden wollen, aber gehört werden sollen." Der pensionierte Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus plädiert dafür, dass Mitarbeitende in Institutionen und Berufsfeldern, die mit ritueller Gewalt in Kontakt kommen können, aufmerksam sind und sich miteinander vernetzen. Das Leben der Opfer werde für Jahre und Jahrzehnte zerstört. Deshalb betreut die Journalistin Claudia Fischer seit 17 Jahren das Info­portal "Rituelle Gewalt" und thematisiert der Politologe und Berner Grossrat Samuel Kullmann das Thema Menschenhandel in politischen Gremien. "Ich muss da etwas machen und ich kann auch", sagte Kullmann.

Betroffene erzählen

Mut brauchten vier Frauen und ein Mann, welche die unvorstellbaren Qualen psychischer und sexueller Gewalt überlebt haben, denen sie von klein auf ausgeliefert waren. Sie gaben in kurzen Statements Einblick in ihr Erleben und forderten dazu auf, es zu glauben, wenn andere Betroffene davon erzählten. Nur dann könne Heilung geschehen. Oft sei die Reaktion auf ihre Berichte: "Das kann doch nicht wahr sein!" Doch eine Frau stellte klar: "Wir sind keine Psychos oder Lügner."

"Wer redet, zahlt einen hohen Preis"

Eine andere Frau erzählte, dass sie wegen Suizidversuchen von einer psychiatrischen Klinik in die andere eingewiesen wurde. Doch erst als sie seelsorgerliche Hilfe bekommen hat, begann ihre Heilung: "Heute kann ich wieder leben, nicht nur überleben". Der Mann sagte: "Darüber zu reden heisst, sich zu outen." Betroffenen würde dies strikt verboten. Wer trotzdem rede, zahle einen hohen Preis, erklärte die dritte Frau. Aber mit Hilfe von aussen sei es möglich, den Weg der Heilung zu gehen. Pfarrer Paul Veraguth hielt fest: "Diese Menschen kennen die Macht der Finsternis und die Macht Gottes. Deshalb lohnt sich jede Investition in sie!" 

Das Buch "Das Schweigen brechen. Rituelle Gewalt mitten in unserer Gesellschaft" von Ruth Mauz ist via Webseite des Vereins CARA erhältlich. (Autorin: Mirjam Fisch-Köhler, ideaSpektrum)

http://www.verein-cara.ch/buchprojekt

 

 

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