Dienstag • 11. Dezember
Männertag
13. November 2015

„Ich bin bereit zu herrschen, wie kann ich dienen?“

Männer unter sich, Referent Thomas Härry provozierte und hinterfragte Klischees. Fotos: Rolf Frey
Männer unter sich, Referent Thomas Härry provozierte und hinterfragte Klischees. Fotos: Rolf Frey
Lag es am provokanten Titel, dass es sich am letzten Samstag 500 Männer nicht nehmen liessen, nach Aarau zu reisen? Referent Thomas Härry sprach zum Thema „Wir sind fast wie Gott“.

Thomas Humbel und Thomas Volkart vom Männerforum moderierten das Treffen in den Räumen der Freien Christengemeinde Aarau, Stephan Pestalozzi führte mit guter Musik durch die Anbetungszeit.

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„Früher waren Männer Krieger, stark, unnachahmlich; jetzt tragen sie Anzug, arbeiten in Büros und überlassen den Frauen das Terrain! Die klassische Rollenverteilung wurde aufgehoben, die Werbung schuf das neue Männerbild: feine Haut, haarlose Brust und Muskeln. Harry Hasler is out!“ So etwa lässt sich der Einstieg von Thomas Härry, Bücherautor und Fachdozent am TDS Aarau, zusammenfassen. Folge davon seien Verunsicherung und Sehnsucht nach männlichen Lebensgefühlen.

„Waren Männer früher zu Hause präsent und Vorbilder für ihre Söhne, sind sie heute abends gerade noch 30 Minuten für die Familie erlebbar“, beschrieb Härry bewusst überspitzt. Genau deshalb sei es Zeit für Männer, ihre eigene Identität neu zu entdecken. Dafür brauche es kein Studium, ein Blick in die Anfänge der Bibel genüge.

„Gottes Schöpferstolz“

„Gemäss der Bibel, 1. Mose 1,27, hat Gott uns als Männer und Frauen geschaffen, wir sind sein Fingerabdruck, sein Schöpferstolz!“, strahlte Thomas Härry. Wir seien gesegnet – gemäss Härry „stark mit Kraft verkoppelt“ – und schliesslich auch geliebt. Der Vater dreier Töchter empfahl, sich dieses Geschaffensein immer wieder bewusst zu machen und einander zu ermutigen, gerade von Mann zu Mann. Dietrich Bonhoeffer habe die Aussage „der Christus im Herzen des Bruders ist stärker als derjenige im eigenen Herzen“ geprägt. „Lasst uns den Weg der Reife wirklich gehen und falsche Bilder abstreifen!“, forderte Härry auf. In den letzten Jahrzehnten sei wohl zu stark eine sündenbezogene Theologie mit dem Menschen als „sündhaftes Wesen“ gepredigt worden. Dies sei zwar nicht falsch, der Mensch sei aber zuerst und ohne Abstriche von Gott geliebt und gewollt.

Wir sollen herrschen

„Gott schuf und segnete im Himmel, wir sollen herrschen auf Erden! Er stellt keine Abbilder von sich auf die Erde, nur um angebetet zu werden, sondern überträgt uns die Verantwortung, zu bebauen, bewahren und benennen“, so Härry. Gott lasse uns kreativ und verantwortlich agieren. Welche herrlichen Errungenschaften gebe es doch etwa in Medizin oder Technik. Bebauen könne auch persönlich gemeint sein, etwa sich zu entschuldigen, Hilfe zu suchen. Bewahren könne meinen, die Familie zu beschützen. Zum Benennen gehöre das Ordnen, Entscheiden und klar zu kommunizieren. „Wir können nicht für andere herrschen, das müssen sie selber tun!“ sagte Härry in Bezug auf die Tendenz, anderer Leute Probleme zu den eigenen zu machen. „Ich bin bereit zu herrschen – wie kann ich dienen?“ dies sei die angemessene Haltung.

Appell an Männer

Nach dem feinen Mittagessen redete Thomas Härry den Anwesenden ins Gewissen. Gemäss Umfragen falle es vielen Männern schwer, über Persönliches zu reden. Sexuelle Phantasien seien ein weiteres stilles Männerthema. Und es komme auch in guten Ehebeziehungen vor, dass ein Mann sich in eine andere Frau „vergucke“, was aber „unter Christen gar nicht sein dürfte“. Hier forderte Thomas Härry auf, diese Dinge zu enttabuisieren und den Mut zu haben, darüber zu reden, denn nur so könne Heilung geschehen. Auch gebe es das erstaunliche Phänomen, dass beruflich und gesellschaftlich gestandene Männer privat seltsam passiv seien und der Frau alle Arbeit und selbst einfachste Entscheidungen einfach überliessen. Man dürfe auch am religiös überhöhten „kleinbürgerlichen Idealbild von Familie rütteln“, schliesslich seien Mann und Frau nicht auf ewig vereint. (rf)

www.maennerforum.ch

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