Mittwoch • 19. September
Editorial
14. September 2018

Heilige Vertuscher?

Es geht hier um Bill Hybels, katholische Priester, Paul Stettler und König David. Um Menschen, die viel bewegen, Ausserordentliches wirken, faszinierend leiten – und an bestimmten Punkten scheitern. Bis zur Widerlegung gilt die Unschuldsvermutung.

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Die Megachurch Willow Creek bei Chicago inspiriert mit ihrer besucherzentrierten Ausrichtung unzählige Gemeinden. Damit verknüpft ist der Name Hybels. An Leiterkonferenzen war er es, der immer wieder die persönliche Integrität unterstrich. Bill galt von aussen betrachtet als grosses Vorbild. In den letzten Monaten traten Frauen an die Öffentlichkeit, die manches infrage stellen. Sie sprechen von unterschwelliger Anmache, überlangen Umarmungen, Einladungen in Hotelzimmer und dergleichen mehr. Hybels bestreitet die Vorwürfe.

In der katholischen Kirche im US-Bundesstaat Pennsylvania haben 300 Priester in den letzten 70 Jahren über 1000 Kinder belästigt, missbraucht, vergewaltigt, gedemütigt. Die Justiz hat einen 848 Seiten starken, detaillierten Bericht vorgelegt. Die Kirche übt sich in Schadensbegrenzung. Und in der Schweiz stockten die Bischöfe aktuell den Genugtuungsfonds für verjährte Missbrauchsfälle auf, weil die vorhandenen 500.000 Franken sehr rasch aufgebraucht waren.

In der Wohngemeinschaft El Rafa im Bernbiet haben Dutzende von schwer Drogenabhängigen den Ausstieg geschafft. Sie sind dafür dankbar bis in alle Ewigkeit. Gründer und Leiter Paul Stettler lehnt QS-Zertifizierungen ab. „Mit christlicher Nächstenliebe schwache Menschen zu begleiten, ist für uns weit wichtiger und erfolgversprechender als die professionelle Umsetzung von menschlichen Konzepten“, schreibt El Rafa. Jetzt liegen Anschuldigungen gegen den Leiter auf dem Tisch: Fehlverhalten im Umgang mit Hausbewohnern, unangemessene Nähe. Der Stiftungsratspräsident ist zurückgetreten. Paul Stettler sieht keine Schuld.

Soziologen sagen, je geschlossener, intransparenter und hierarchischer ein System ist, desto anfälliger ist es für alle Arten von Machtmissbrauch. Das gilt für Vereine, Sportklubs, Institutionen und Kirchen. Geld, Sex und Macht sind Minenfelder. Grösse fasziniert und ist gefährlich. Selbst König David ist ihr erlegen und entwickelte kriminelle Energie. Die Bibel nennt im Jobprofil für Führungskräfte übrigens keine besondere Begabung, sondern Integrität und Charakter (z. B. Titus 1,6 bis 9). Wir sind heilige Sünder; keine heiligen Vertuscher!

Rolf Höneisen, Chefredaktor ideaSpektrum und ideaschweiz.ch

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