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Dr. Manuel Schmid und der "Offene Theismus"
25. Januar 2018

„Gott hat keinen Plan für dein Leben!“

Manuel Schmid: „Jedes
theologische System ist
mit Kosten verbunden.“ Foto: Pexels; zvg
Manuel Schmid: „Jedes theologische System ist mit Kosten verbunden.“ Foto: Pexels; zvg

Manuel Schmid, Sie sprechen am IGW-Inspirationstag über das Thema: "Das Abenteuer der Schöpfung." Hier geht es um die alte theologische Frage von Vorherbestimmung und freiem Willen des Menschen, richtig?

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Der Vortrag bezieht sich auf den "Offenen Theismus" (siehe Hintergrund weiter unten, -red.), eine theologische Richtung, über die ich meine Dissertation geschrieben habe. Die Frage nach dem freien Willen ist eine wichtige Fragestellung im OT, der versucht, die Geschichte Gottes mit den Menschen als ein ergebnisoffenes Abenteuer zu begreifen. Er legt dabei viel Wert auf eine biblisch-theologische Begründung seiner Behauptungen. Besonders stark stützt er sich auf alttestamentliche Überlieferungen, die von einem Gott sprechen, der die Fähigkeit und Bereitschaft hat, seine Meinung zu ändern, seine Pläne umzustürzen und seine Handlungen an die Reaktionen von Menschen anzupassen. Der OT sagt: "Wir müssen diese Stellen wirklich ernst nehmen und sollten den biblischen Texten nicht unterstellen, dass sie zwar so reden, als ob Gott in eine echte Geschichte mit den Menschen einträte, in Wirklichkeit aber ausserhalb der Zeit steht, und längst weiss, wie die Geschichte ausgeht."

Bezeichnen Sie sich selbst als "Offenen Theisten"?

Ich halte den Offenen Theismus für einen faszinierenden und attraktiven theologischen Versuch und denke in wesentlichen Fragen auf denselben Linien. In meiner Dissertation mache ich auch auf die verschiedenen Probleme dieses Entwurfs aufmerksam. Ich bin überzeugt, dass jede theologische Konzeption oder Systematisierung mit Kosten verbunden ist. Auch der OT hat Nachteile und Erklärungslücken, die man in Kauf nehmen muss. Das gilt genauso für den Calvinismus oder andere Konzepte. Die Gewinne eines offen-theistischen Gottesverständnisses wiegen meines Erachtens aber die Nachteile auf.

Um die Frage des freien Willens streiten sich die Theologen schon seit Jahrtausenden. Was ist daran neu?

Der OT versucht die Freiheit der Schöpfung sehr konsequent ernst zu nehmen und landet zum Beispiel bei der Behauptung, dass Gott die Zukunft nicht als definitiven Ereignisverlauf, sondern als einen "Raum der Möglichkeiten" kennt. Er besitzt vollkommene Kenntnis der Vergangenheit und der Gegenwart und hat daher auch alle möglichen Verläufe der Zukunft im Blick, weiss aber noch nicht - vor allem dort, wo es von menschlichen Freiheitsentscheidungen abhängt - welche Version der Zukunft tatsächlich Realität wird. Das hat in der evangelikalen Szene viele Leute verunsichert und regelrecht für Aufruhr gesorgt. Man warf den Offenen Theisten vor, dass sie behaupten würden, Gott wäre nicht allwissend und würde von der Zukunft unvorbereitet "erwischt".

Kommen wir zu den biblischen Grundlagen. Was überzeugt Sie am OT-Konzept aufgrund der Bibel?

Ich glaube, dass der OT auf weiten Strecken eine unverkrampftere Bibellektüre erlaubt. Nehmen wir zum Beispiel die Berufungsgeschichte des Mose. Gott gibt Mose den Auftrag, zum Pharao zu gehen, und spricht mit ihm verschiedene Szenarien durch, die bei der Begegnung passieren könnten. Sinngemäss sagt Gott: "Geh zum Pharao, und wenn er nicht auf dich hört, dann tue ein Wunder, wenn er dann immer noch nicht hört, versuche etwas anderes." Das macht nicht viel Sinn, wenn Gott von vornherein klar war, wie der Pharao reagieren würde. Zu Samuel sagt Gott: "Ich will dem Volk keinen König geben." Das Volk wollte aber einen König, also lenkt Gott auf dieses Szenario ein und verspricht Saul, dass er dessen Königtum auf ewig festigen werde, wenn Saul gehorsam sei. Saul erweist sich aber als ungehorsam, weshalb Gott daraufhin David zum König salben lässt. Man muss dem Fluss solcher Geschichten unheimlich Gewalt antun, wenn man Gott unterstellt, dass ihm von Anfang an völlig klar war, wie sich die Dinge entwickeln würden.

Es gibt aber im Alten Testament, etwa bei Jesaja, auch viele theologische Aussagen über Gott als den, der alles wirkt, Heil oder sogar Unheil.

Die Offenen Theisten setzen sich mit diesen Stellen auseinander, manches bleibt natürlich spannungsvoll. Jesaja zum Beispiel legt sehr viel Wert darauf, das Wesen Gottes gerade daran festzumachen, dass er Kenntnis von allem hat, was kommen wird (vgl. Jesaja 40- 48). Die Offenen Theisten zeigen hier nachvollziehbar auf, dass Jesaja von der Handlungsvollmacht Gottes in der Zukunft spricht. An den Schlüsselstellen sagt Gott sinngemäss: "Ich weiss, was geschehen wird, weil ich es tun werde. Ich weiss, was kommt, weil meine Pläne feststehen" (etwa Jes. 46, 10-11). Gott kann sich ja vornehmen, in zwei, zehn oder hundert Jahren etwas zu tun - und deshalb weiss er auch, dass es passieren wird.

Gott ist also allmächtig, aber nicht allwissend?

Die Offenen Theisten halten vehement daran fest, dass Gott sowohl allwissend als auch allmächtig ist, aber sie bestimmen diese Eigenschaften nicht im klassischen Sinne. Gottes Allwissenheit heisst für die Offenen Theisten, dass Gott alles weiss, was es zu wissen gibt - die Zukunft gibt es aber noch nicht definitiv zu wissen. Gott kennt sie gewissermassen als einen weit verästelten Baum an Möglichkeiten, und er kann sich auf diese verschiedenen Ereignisverläufe durchaus einstellen. Gottes Allmacht wiederum wird im OT nicht als eine alles kontrollierende Allmacht gedacht, sondern als die Allmacht der Liebe Gottes. Gott hat eine Welt erschaffen, in der sich eine echte Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch entfalten kann. Die Menschen besitzen darum auch ein bestimmtes Mass an Freiheit. Sie können Ereignisse verursachen, die Gott nicht gewollt hat, die aber trotzdem eintreffen, weil Menschen ihre Freiheit entgegen dem Willen Gottes realisieren.

Die Frage nach dem Leid und warum Gott es zulässt, spielt hier wohl auch eine Rolle ...

Ja, viele Offene Theisten haben ihr System auf der Suche nach Antworten zur Frage des Leides entwickelt. Wenn etwa der amerikanische Theologe John Piper konsequent deterministisch sagt, dass Gott auch alle leidvollen Ereignisse dieser Welt gewollt hat und sogar bewusst herbeiführt, dann rollen sich den Offenen Theisten die Fussnägel hoch. Sie fragen: Was soll das für ein Gott sein, dessen Wille hinter allen Gräueltaten und Katastrophen dieser Welt steht? Offene Theisten wollen Gott dagegen konsequent als Liebe denken. Menschen können die Liebe Gottes erwidern, oder sie zurückweisen. Wenn sie sie zurückweisen, schaffen sie Leid für sich selbst und ihre Nächsten. Das wird als Antwort auf die Leidfrage verstanden, auch wenn damit natürlich längst nicht alle Probleme gelöst sind.

Die meisten Christen sagen, dass Gott das Leid zulässt.

Die Rede von der Zulassung ist weit verbreitet, aber auch hochproblematisch, weil man ja immer fragen kann: Hätte ein liebender Gott nicht die Verpflichtung, Leid zu verhindern, wenn er dazu imstande ist? Unterlassene Hilfeleistung ist ein Straftatbestand. Die OT sagen, dass Gott viele leidvolle Ereignisse eben nicht verhindern konnte, weil sie auf den Missbrauch menschlicher Freiheit zurückgehen. Es gehört zur Liebe Gottes, dass er die Freiheit des Menschen respektiert.

Kommen wir zu den seelsorgerlichen Konsequenzen. Oft wird ja gesagt: "Gott hat einen Plan für dein Leben." Damit haben Sie nun wohl ein Problem?

Ja, ich habe auch schon provokativ gesagt: "Gott hat keinen Plan für dein Leben." Das würde ich zumindest behaupten, wenn Leute unter einem "Plan" einen festen Fahrplan verstehen, nach dem das Leben verlaufen soll. Einen vorgefassten Weg, eine Spur, die ich treffen muss. Ich bin mit diesem Gedenken aufgewachsen. Daraus entsteht viel Kopfzerbrechen. Dann muss ich bei jeder Weggabelung meines Lebens die richtige Entscheidung treffen, sonst falle ich aus dem Plan Gottes heraus. Ich glaube, dass Gott eine sehr viel dynamischere und ergebnisoffenere Geschichte mit uns schreibt. Ganz sicher hat Gott gute Absichten mit mir und jedem Menschen. Ich frage Gott auch um seine Führung in meinem Leben, verstehe ihn dabei aber als den unendlich weisen Ratgeber und Begleiter meines Lebens, der besser weiss, was gut für mich ist, als ich selbst.

Viele Christen finden aber gerade in Stellen wie Psalm 139, wo ja klar steht, dass alle meine Tage in sein Buch geschrieben sind, grossen Trost. Da ist ein Gott, der mein Leben in der Hand hat, der die Lage in Kontrolle hat, bei dem ich sicher bin.

Das ist eine Stelle, mit der die OT ringen. Viele erklären, dass es sich um einen poetischen Text handelt, den man theologisch nicht überstrapazieren sollte, und weisen auf alternative Übersetzungen hin. Allerdings kenne ich auch Leute, die nach eigener Aussage bestimmte Tragödien in ihrem Leben nur durchstehen konnten, weil sie überzeugt waren, dass es Gott genau so gewollt hat. Dahinter steht der Wunsch, einen Gott zu haben, der alles unter Kontrolle hat. Ich kann das nachvollziehen, mir ist aber ein Gott lieber, der nicht alles unter Kontrolle hat, dafür aber nicht für alles verantwortlich gemacht werden muss. Die Überzeugung, dass alles, was passiert, auch das Böse, genau so gewollt und herbeigeführt wurde, führt meines Erachtens zu einem Gottesbild, das sich zur Fratze verzerrt.

Sie geben Aussagen wie "Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand" auf?

Die OT legen grossen Wert darauf, dass Gott sehr wohl das gute Ende der Geschichte sicherstellen kann. Gottes Liebe ist machtvoll genug, um diese Welt und das Leben von Menschen zu einem guten Ende zu führen. Das muss man natürlich auch über den Tod hinausdenken. Interview: Christof Bauernfeind

Lesen Sie das ganze Interview in "ideaSpektrum" Nr. 4-2018. 

Zur Person: Manuel Schmid

Manuel Schmid (41) ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Schmid ist seit 13 Jahren Pastor im ICF Basel. Seit zwei Jahren Theologiebeauftragter für das ICF Move­ment, und daneben Dozent für Homiletik und Kulturhermeneutik am Theologischen Seminar St. Chrischona und am IGW. 2017 schloss er an der Universität Basel seine Dissertation über den Offenen Theismus ab: "Der Offene Theismus. Historische Entwicklung und systematische Weichenstellungen einer neuzeitlichen theologischen Bewegung." Offiziell promoviert wird er im Februar 2018. Am 27. Januar hat Manuel Schmid am IGW-Inspirationstag in der Vineyard Aarau die theologische Denkrichtung des "Offenen Theismus" ausführlich dargelegt.

 

Stichwort: "Offener Theismus": Vorherbestimmung versus freier Wille

Der "Offene Theismus" (open theism) ist eine theologische Bewegung, die im nordamerikanischen Evangelikalismus verwurzelt ist. Dort ist sie vor dem Hintergrund der klassischen Auseinandersetzung zwischen der Vorherbestimmungslehre (Prädestination) des Calvinismus und dem Arminianismus (gesteht dem Menschen einen freien Willen zu) zu verstehen. Ihre Hauptvertreter sind Clark H. Pinnock, John Sanders, Richard Rice, William Hasker, David Basinger und Gregory A. Boyd. Die fünf Erstgenannten veröffentlichten 1994 den Band "The Openness of God" ("Die Offenheit Gottes"). Die Autoren verteidigen darin ihr Modell vor allem gegen den im ausgehenden 20. Jahrhundert erstarkenden nordamerikanischen (Neo-) Calvinismus.

Der Offene Theismus betont, dass der Mensch in seinen Entscheidungen wirklich frei ist. Kernanliegen ist die verletzliche und erwidernde Liebe Gottes gegenüber dem Menschen. Postuliert werden die beiden Grundsätze "Liebe erfordert Freiheit" und "Freiheit beinhaltet Risiko". "Weil Gott die liebende Gemeinschaft mit dem Menschen sucht, sie aber nicht einseitig sicherstellen kann, lässt er sich auf eine abenteuerliche Geschichte ein, welche auch für Gott selbst ein Moment der Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit beinhaltet", erklärt der Theologe Manuel Schmid. Die Unvorhersehbarkeit rührt daher, dass Gott nicht im Voraus weiss, was der Mensch mit seinem freien Willen tun wird. Wenn er es wüsste, wäre der Wille nicht wirklich frei, wird argumentiert. Gott steht also nicht über der Zeit. In diesem Punkt geht der OT über den Arminianismus hinaus.

Der Offene Theismus hat im nordamerikanischen Evangelikalismus um die Jahr­tausendwende zu erbitterten Debatten und grossen innerkirchlichen Spannungen geführt. Zahlreiche Denominationen und Ausbildungsstätten wurden in Aufruhr versetzt. Es kam zu Häresievorwürfen und Dienstenthebungsverfahren gegen die Verfechter.

Die Kritiker wie Bruce A. Ware, Tom Schreiner, John Piper, Millard Erickson oder Norman Geisler sehen im Offenen Theismus eine postevangelikale Lehre, welche die Souveränität Gottes und die klassische Gnadenlehre ("sola gratia") leugnet sowie die Rolle des Menschen überbetont. Die Errettung werde von der persönlichen Leistung des Menschen abhängig gemacht, so der Vorwurf. Der Offene Theismus wird von den Kritikern letztlich als ein weiterer Versuch des endlichen Menschen gewertet, einen unendlichen Gott zu verstehen. Im deutschsprachigen Raum wird der Offene Theismus erst seit etwa 2010 wahrgenommen und diskutiert. 

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