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29. November 2019

Der schwarze Freitag

Die Geschäfter locken mit hohen Rabatten, immer mehr sogar während vier Tagen.
Die Geschäfter locken mit hohen Rabatten, immer mehr sogar während vier Tagen.
In den USA folgt der "Black Friday" auf den "Thanksgiving Day". Es ist ein Brückentag, an dem die ersten Weihnachtseinkäufe getätigt werden und die Läden mit Sonderangeboten locken. Von Rolf Höneisen

In Übersee ist der vierte Donnerstag im November "Thanksgiving Day". Dieser staatliche Feiertag wird mit Familie und Truthahn gefeiert. Den Freitag danach nutzen die Amis als Brückentag, an dem die ersten Weihnachtseinkäufe getätigt werden. Viele Läden locken mit Sonderangeboten. Das ist der "Black Friday". In den USA ist er eingebettet in ein langes Wochenende.

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Lincoln führte Thanksgiving ein

"Thanksgiving" als landesweiten Feiertag eingeführt hat Abraham Lincoln. Er rief die Bevölkerung dazu auf, an Gott zu denken, der Amerika trotz anhaltenden Kriegs an seine Barmherzigkeit erinnere und mit fruchtbaren Feldern segne. Der Präsident pochte darauf, dass das Volk neben dem Danken auch die eigene Verbohrtheit bekennen sollte, die zum Bürgerkrieg geführt hatte. Und er forderte auf, den vom Krieg Betroffenen zu helfen, sowie für ein rasches Ende des Konflikts und die Wiederherstellung der Nation zu beten. Der "Thanks­giving Day" Marke Lincoln war ein nationaler Dank-, Buss- und Bettag.

Im Kaufrausch

Die Beobachtung, wie die Menschen sich heute an "Thanksgiving" bzw. am "Black Friday" verhalten, ist entlarvend. Geschichte, Familie, Glaube und Solidarität sind gemäss Umfragen zwar beliebte Werte. Was aber Menschen mitten in der Nacht aufstehen und vor den Ladentüren Schlange stehen lässt, ist nicht das Bedürfnis, Gott zu danken, sondern es sind die verheissenen 40 Prozent Rabatt auf den Flachbildschirm. Der Kaufrausch übt derart Macht aus, dass Menschen sich vor den Regalen prügeln und andere rücksichtslos über den Haufen rennen. Die Geschäfte öffnen immer früher. Zuerst um sechs Uhr, dann um fünf, um vier; inzwischen tun es viele bereits um Mitternacht. Es war die Warenhauskette Manor, die den "Black Friday" 2015 in der Schweiz testete. Andere zogen nach. Inzwischen kommt kaum ein Geschäft mehr daran vorbei. Auf allen Kanälen hagelte es Angebote.

Ausgehöhlte Feiertage

Die US-Amerikaner als Kommerzjunkies abzukanzeln, lenkt allerdings ab vom Umstand, dass auch unsere mit Gott verlinkten Feiertage vom Geldrausch ausgehöhlt werden. Dass einige Unentwegte ausgerechnet am Samstag nach dem "Black Friday" zum "Chauf-nüt-Tag" aufgerufen haben, gehört zur Ironie der Geschichte. Als ich am Morgen des "Black Friday" die Bibel aufschlug, las ich im Lukasevangelium, Kapitel 19, den Vers 45: "Dann ging Jesus in den Tempel und fing an, die Händler hinauszujagen." Dieser Satz wurde ungemein lebendig, als ich "den Tempel" mit "mein Herz" ersetzte.