Freitag • 17. August
Editorial
19. Juli 2018

Auch Christen sind Doppelbürger

Frankreich ist Fussball-Weltmeister; die Schweiz im Achtelfinale ausgeschieden. Beides wird uns nicht mehr lange beschäftigen. Was uns nachgeht, sind die WM-Vögel: tieffliegende und endlos rollende Schwalben und hochfliegende stolze Adler!

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Den Freudentaumel der Fussballschweiz störten irritierende Fragen. „Doppeladler, Doppelbürger, Doppelmoral?“, so wurde in der SRF-Sendung „Club“ gefragt. Zeitungskommentatoren wurden zu Seelenforschern. Wie sieht es in den Herzen von Nationalspielern aus, die nach einem Tor für die Schweiz als Jubelgeste zuerst den albanischen Doppeladler zeigen und erst danach aufs Schweizerkreuz klopfen? Migration, Einwanderung, Integration, Nationalität, Dankbarkeit und andere komplexe Themen wurden teils empört diskutiert und politisch instrumentalisiert. Ein Handzeichen hatte genügt und die Politik stand auf dem Rasen.

Warum nervten die Doppeladler? Markus Freitag, Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern, sagt: „Im Kern geht es um das Spannungsfeld zwischen dem Ich und dem Wir (…) Was weite Kreise der Schweizer Fangemeinde demnach wohl griesgrämig macht, ist der unbedachte Umgang der beiden Torschützen mit diesem wundervollen Wir-Gefühl, das auf dem Altar der Eigeninteressen geopfert wurde. Der kollektive Freudentaumel der Fussballschweiz wurde in einem sehr emotionalen Moment durch ausscherende Solo­läufe empfindlich gestört. Der Identifikationsparty wurde für einen Moment der Stecker gezogen, der gemeinsamen Sache wurden die Flügel gestutzt.“ Da ist was Wahres dran.

Doppelbürger sind eine gesellschaftliche Realität. Ihre innere Zerrissenheit sollte niemanden überraschen. In den besten Mannschaften der Welt kicken Spieler, die sich aus nicht privilegierten Verhältnissen hochgearbeitet, ihre Wurzeln aber in einem anderen Land haben. Und noch etwas: Unser Land ist weltmeisterlich im Abwerben von Profis wie Informatikern, Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzten im Ausland. Es gibt Spitäler, die ohne ausländische Hilfe den Betrieb einstellen müssten.

Doppelbürger? Christen kennen das Leben in zwei Welten, auch die Zerrissenheit, den Kampf zwischen „Fleisch und Geist“. Sie sind Doppelbürger; sie haben einen roten Pass und sind gleichzeitig Staatsbürger des Himmels (siehe Philipperbrief Kapitel 3, Vers 20). Im Tor­jubel für die Schweizer Nati vergessen sie das regelmässig.

Rolf Höneisen, Chefredaktor ideaSpektrum und ideaschweiz.ch.

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