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Streiff, Gugger, Frauchiger
30. August 2019

Was ist ethisches Unternehmertum?

Gugger, Streiff, Frauchiger: Zuversicht vor den nationalen Wahlen. Fotos: EVP
Gugger, Streiff, Frauchiger: Zuversicht vor den nationalen Wahlen. Fotos: EVP

Marianne Streiff, Gratulation zum Hundertsten! Warum, glauben Sie, hat die EVP Zukunft?

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Streiff: Die EVP politisiert lösungs- und wert­orientiert. Sie hat das Wohl der Menschen und der Umwelt im Fokus und nicht Eigeninteressen. Das sind Gründe dafür, dass wir im Gegensatz zu anderen kleineren Parteien seit 100 Jahren konstant da sind und es uns auch weiterhin geben wird.

Der EVP-Slogan heisst "Damit Werte wieder zählen". Haben wir ein Werteproblem in der Schweiz?

Streiff: Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der Eigeninteressen, Macht und Halbwahrheiten zur Tagesordnung gehören. Dem können wir mit unseren Werten wie Gerechtigkeit, Solidarität, Nächstenliebe, Glaubwürdigkeit, Vergebung, Vertrauen, Hoffnung, Verantwortung, Transparenz und Respekt etwas entgegensetzen. Denn diese Werte, die auf dem Evangelium basieren, sind unerlässlich für ein faires Zusammenleben.

Nik Gugger, was gefällt Ihnen am Leben als Parlamentarier in Bern?

Gugger: Sich zusammensetzen, sich auseinandersetzen und nicht gleich wieder auseinander sitzen, sondern zu bleiben, hinhören, Antworten geben, Fragen stellen, ungemütlich nachfragen, standhalten, Stellung beziehen, mal lauter, mal leiser und immer wieder einen Ausgleich finden, dafür schlägt mein Herz! Die Pflege der politischen Zusammenarbeit ist für mich sehr erfüllend.

Sie fordern den Umbau der Wirtschaft - von der gewinnorientierten zu einer ethischen Marktwirtschaft. Wie soll die Wirtschaft ethischer werden?

Gugger: Eine ethische und soziale Wirtschaft versucht den Schwächsten in der freien Marktwirtschaft zu integrieren. Gängige Massstäbe für die Rechtfertigung sind soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Ich wünsche mir, dass die Politik Handlungsanweisungen der Wirtschaftsethik mehr in ihre Überlegungen integriert und Firmen fördert, die diese Massstäbe beachten.

Roland Frauchiger, Sie sind Interimsmanager, Wirt und Kirchen­synodaler. Warum kandidieren Sie für den National- und Ständerat?

Frauchiger: Ich bin bereit, in unserer Gesellschaft eine Mitverantwortung zu tragen, und stelle mich mit meinen Fähigkeiten gerne für ein Amt oder ein Gremium zur Verfügung. Als Gemeindepräsident, Grossrat und Synodenmitglied sowie langjähriger Kirchenpflegepräsident habe ich zusammengezählt über 50 Jahre Erfahrung in Behörden und Parlamenten. Als Ingenieur und Manager konnte ich mir im unternehmerischen Umfeld in fast allen Bereichen vertiefte Erfahrungen aneignen. Unser politisches Milizsystem lebt von solch breit abgestützten Kenntnissen. So bin ich hoch motiviert, den Aargau und seine Einwohner in Bundesbern zu vertreten.

Ihnen liegt die Wirtschaft am Herzen. Was meinen Sie mit "ethischem Unternehmertum"?

Frauchiger: Mein Motto lautet: "Prüfe deine Motive". Und das gilt auch bei Unternehmen. Sie sollen nicht eine Gewinnmaximierung anstreben, sondern gesellschaftsrelevant sein, die Mitarbeiter als Menschen achten, verantwortlich mit Ressourcen umgehen und nachhaltig agieren. Eigeninitiative und Kreativität sind wichtige Treiber, die zu fördern sind. Die Wirtschaft soll der Gesellschaft dienen und nicht umgekehrt.

Marianne Streiff, in welchen konkreten Bereichen will Ihre Partei wertorientierte Akzente setzen?

Streiff: Die EVP setzt sich ein für ein ethisches Unternehmertum. Die soziale und ökologische Verantwortung muss in allen Firmen und Konzernen wahrgenommen werden. Das gilt auch für solche mit Niederlassungen im Ausland oder solche, die aus dem Ausland für den Schweizer Markt produzieren. Wir bekämpfen Menschenhandel und Ausbeutung. Sei es in der privaten Pflege, in der Gastronomie, auf dem Bau oder im Sexgewerbe. Menschenhandel ist ein brutales Verbrechen gegen die Menschenwürde und muss mit höchster Priorität geahndet werden.
Ein weiterer Bereich, in dem wir uns speziell engagieren, ist der respektvolle Umgang der Religionen und Kulturen, um den religiösen und sozialen Frieden in unserem Land zu sichern und zu stärken. Zum sozialen Frieden gehört auch eine gerechte, menschenwürdige Generationenpolitik.
Die EVP setzt sich überdies seit jeher ein für einen sorgsamen Umgang mit der Schöpfung. Wir nehmen den Klimawandel ernst, fordern Reduktion des Energieverbrauchs und Förderung erneuerbarer Energien sowie Massnahmen zum Erhalt der Biodiversität.

Man hört wenig davon: Ist die EVP in Sachen Umweltschutz wirklich aktiv?

Streiff: Wie schon erwähnt, war und ist die EVP in der Umweltpolitik von jeher aktiv. Bereits 1944 kam der Initialanstoss für den heutigen Gewässerschutz in der Schweiz aus EVP-Reihen. Im Rating der Umweltallianz erreichen wir immer Plätze in den vordersten Rängen. So erhielt ich auch letztes Jahr für mein Abstimmungsverhalten im Rat das Prädikat "100 Prozent umweltfreundlich". Die EVP unterstützt die Gletscherinitiative, organisierte letztes Jahr das KMU-Forum zum Thema "CO₂-Gesetz und Klimawahl" und ist mit verschiedenen Vorstössen zur Biodiversität aktiv.

Roland Frauchiger, was tut ein Ex-AMAG-Manager in Sachen CO₂-Reduktion?

Frauchiger: Der sorgfältige Umgang mit Ressourcen ist mir schon immer wichtig gewesen. CO₂ ist für mich nicht das dringendste Problem, denn ich bin überzeugt, dass die Natur dieses besser absorbieren kann, als es die Klimatheoretiker für möglich halten. Viel wichtiger finde ich, dass mit den Rohölvorräten haushälterisch umgegangen wird und wir die Plastik- respektive die Abfallproblematik weltweit in den Griff kriegen. Weiter benötigen wir bald eine Lösung zur Speicherung der sommerlichen Solarenergie für den Winter. Ich bin zuversichtlich, dass sich in den nächsten Jahren Angebot und Nachfrage in die richtige Richtung verändern werden.

Für grosse Debatten sorgt in Bern das Rahmenabkommen mit der EU. Wo stehen Sie in dieser Frage, Nik Gugger?

Gugger: Aktuell geht es der Schweiz wirtschaftlich sehr gut. Das war nicht immer so. Unseren heutigen Wohlstand verdanken wir nicht nur der Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, sondern auch dem Umstand, dass wir als exportorientiertes Land dank den bilateralen Abkommen am EU-Binnenmarkt teilnehmen können. Der Warenaustausch mit den EU-Mitgliedstaaten beträgt mindestens 1 Milliarde Franken - pro Tag! 1,5 Millionen Arbeitsplätze in der Schweiz hängen von Exporten in die EU ab. Sieben Regionen der Schweiz befinden sich unter den Top Ten der europäischen Regionen, darunter die Region Zürich mit einem viermal so hohen Einkommensgewinn wie im EU-Durchschnitt. Trotz dieser positiven Bilanz war die EU bei uns nie hoch im Kurs. Verantwortlich dafür ist vor allem die Angst vor einem Kontrollverlust durch das Volk. So wie bisher geht es aber nicht mehr weiter.

Wie kann es weitergehen?

Gugger: Die EU will den für unseren Wohlstand entscheidenden bilateralen Weg nur weiterführen, wenn die institutionellen Fragen geklärt werden. Dafür braucht es das Rahmenabkommen, das InstA. Dieses soll eine einheitlichere und effizientere Anwendung bestehender und zukünftiger Marktzugangsabkommen gewährleisten. Ohne InstA wäre der bilaterale Weg bald Geschichte. Schweizer Firmen könnten dann mit der Konkurrenz aus den EU-Staaten nicht mehr mithalten. Zu klären sind allerdings noch wichtige Einzelfragen. Dazu gehört der Schutz des Schweizer Lohnniveaus sowie Präzisierungen zur Unionsbürgerrichtlinie und zu staatlichen Beihilfen. Als Mitglied der Aussenpolitischen Kommission (APK) setze ich mich dafür ein, dass die Bundesversammlung bald eine Vorlage bekommt, zu der sie Ja sagen kann. Ohne Rahmenabkommen geht es aus meiner Sicht langfristig nicht.

Sie sind Mitglied der Aussenpolitischen Kommission. Wie sehen Sie Ihre Rolle in diesem Gremium?

Gugger: Durch meinen internationalen Hintergrund gelingt es mir, den Dialog zwischen den anderen Mitgliedern der Kommission, ob links oder rechts im politischen Spektrum, herzustellen. Ich sehe mich deshalb als Vermittler und Brückenbauer.

Worauf können sich Wählerinnen und Wähler verlassen, die Nik Gugger wählen?

Gugger: Als Mittepolitiker setze ich mich in politischen Anliegen für gemeinsame Lösungen und Kompromisse ein. Ich stehe für eine authentische, nachhaltige, ­christlich-ethische und grüne Politik ein und habe ein offenes Ohr für alle Menschen, unabhängig ihrer politischen Einstellungen.

Roland Frauchiger, gerade KMU klagen über die enorm gewachsene Bürokratie und Reglementierung. Zu Recht?

Frauchiger: Es werden verschiedene Datenerhebungen durchgeführt, deren Sinn nicht immer ersichtlich ist. Die Kennzahlen der eigenen Unternehmung müssen oftmals in einem Raster eingefüllt werden, wo man sich kaum vorstellen kann, dass die Auswertung der Realität gerecht wird. Bürokratie findet man auch im Lehrlingswesen und im Sozialwesen, insbesondere über die Kantonsgrenze hinweg. Generell werden aber die Möglichkeiten der modernen Informatik immer besser genutzt.

Anderseits fordern Sie neue Rahmenbedingungen für die Integration der über 50-Jährigen und für umweltfreundliches Handeln. Das führt doch exakt zu der von Ihnen kritisierten Bürokratie.

Frauchiger: Ein aktuelles Thema sind die mit dem Alter wachsenden Beiträge an die Pensionskasse. Die Idee, die Mitarbeitenden in jüngeren Jahren nicht zu stark zu belasten, war nicht falsch. Die Überlegung passt vor allem, wenn jemand sein ganzes Leben beim gleichen Arbeitgeber angestellt ist. In der heutigen Situation, wo Mitarbeitende über 50 oftmals eine neue Stelle suchen, wirken sich die im Alter hohen Pensionskassenbeiträge der Arbeitgeber - sie bezahlen gemäss Reglement oftmals doppelt so viel wie die Arbeitnehmer - nachteilig aus. Da sollte man Lösungen ohne Bürokratie finden.

Warum wählten Sie die EVP und nicht eine wirtschaftsnahe Partei?

Frauchiger: Als logisch denkender Mensch und als ausgebildeter Ingenieur ist es mir wichtig, auf einer stabilen Basis aufzubauen und bewährte Formeln und Regeln anzuwenden. Das Fundament meines Lebens ist das Evangelium, der Glaube an Jesus Christus. Diese Basis mit christlichen Werten ist das Credo der EVP. Mir selber liegen KMU und Familienbetriebe näher als internationale Konzerne. Das passt gut zur EVP, auch wenn dieser Flügel noch etwas ausbaubar ist. Wirtschaftsnahe Parteien stellen für mich die materiellen Belange oft zu stark in den Mittelpunkt.

Marianne Streiff, was ist Ihre persönliche Motivation, ein weiteres Mal für den Nationalrat zu kandidieren?

Streiff: Seit ich politisiere, mache ich das mit dem Fokus auf die nächsten Generationen. Mir ist es ein Anliegen, mich aktiv dafür einzusetzen, dass wir zu ihren Lebensgrundlagen Sorge tragen und dass wir den Segen, den wir auf unserem Land spüren, nicht preisgeben. Ich mache meine Arbeit, meine Berufung, leidenschaftlich gern und möchte sie noch weiter ausüben. Zumal es eine gewisse Zeit braucht, um in einem so komplexen Amt etwas bewegen zu können.

Die EVP will weitere Sitze dazugewinnen. Das scheint im gegenwärtigen Klima utopisch. Was stimmt Sie optimistisch?

Streiff: Wir haben in unseren Wahlzielen festgehalten, dass wir zusätzlich zu unseren Sitzen in Zürich und Bern mindestens einen weiteren Sitz dazugewinnen möchten. Mit unserer lösungsorientierten Politik und unserer Werthaltung bieten wir eine echte Alternative zu den blockierenden Parteien links und rechts an. Das wünschen sich viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Diese müssten nur einfach die EVP-Liste möglichst unverändert einlegen ... Wir haben viele hervorragend geeignete Kandidatinnen und Kandidaten. Mit ihnen und dem nötigen Listenverbindungsglück liegt durchaus ein Sitzgewinn für die EVP drin! 

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