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Würdevolles Sterben und öffentliche Gelder
06. Oktober 2020

Sterbehilfe – ein Menschenrecht?

Vermehrt sehen Politiker im Alterssuizid eine Option, die überall zugänglich sein sollte.  Foto: Pixabay
Vermehrt sehen Politiker im Alterssuizid eine Option, die überall zugänglich sein sollte. Foto: Pixabay

(idea/dg) - Sollen Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas grundsätzlich in Alters- und Pflegeheimen sowie in Spitälern tätig sein dürfen? Diese Frage beschäftigt kantonale Regierungen und Parlamente. Eine kurze Debatte im Zürcher Kantonsrat zeigt die grundsätzlichen Denkrichtungen.

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Ist selbstbestimmt rücksichtslos?

Sich jederzeit und ohne Rücksicht auf das Umfeld das Leben nehmen zu dürfen und zu können, gilt für immer mehr Politiker als ein Menschenrecht. Dies ist das Fazit, das man nach der Debatte vom 14. September ziehen kann. Öffentliche Gelder sollen nur noch in solche Alters- und Pflegeheime fliessen, welche den freien Zugang zum Suizid gewährleisten. So zumindest war die Mehrheitsmeinung im Rat: Angehende Bewohnerinnen und Bewohner von öffentlich finanzierten Heimen müssten sicher sein können, dass sie dereinst auf Sterbehilfe zurückgreifen können, um "in Würde" zu sterben.

Dass ein assistierter Suizid aber kein Sterben in Würde ist, das betonte im Rat der EVP-Sprecher Mark Anthony Wisskirchen. Vielmehr müssten Solidarität und Fürsorge die Schlüsselwörter sein. Mit der Selbstbestimmung als ultimativem Recht gingen das Wohl der Gesellschaft und der betroffenen Menschen im Umfeld eines Sterbewilligen verloren. Jetzt muss sich eine Kommission weiter um die Vorlage kümmern.

Eine öffentliche Angelegenheit?

EDU-Kantonsrat Hans Egli erachtet laut einer Stellungnahme den assistierten Suizid nicht als autonome Handlung eines Einzelnen. Die Beihilfe zur Selbsttötung geschehe hier nicht durch Personen, die mit dem Suizidwilligen existenziell verbunden seien. Als Dienstleistung angeboten sei sie ein öffentlicher Vorgang und müsse entsprechend verantwortet werden. Auch müssten sich Schwerkranke heute zunehmend fragen, ob sie ihrem Umfeld ihre Pflege noch zumuten dürften.

Palliative Care ausbauen

Markus Schaaf, EVP-Kantonsrat und Geschäftsführer des Alters- und Pflegeheims Zentrum Rämismühle, äussert sich kritisch zur Thematik. Die Geschäftsführung des Zentrums sehe eine grosse Gefahr, dass für betroffene Menschen der Druck noch weiter zunehme. Ein Pflegeheim sei ein hochsensibles Umfeld für Sterbehilfsorganisationen. Das Zentrum lege Wert auf Palliative Care und beabsichtige, diese Angebote auszubauen. Im Zentrum Rämismühle ist laut Markus Schaaf der Wunsch nach Sterbehilfe im Sinne von Exit in den letzten 20 Jahren nie geäussert worden.

Eine Umfrage bei weiteren Heimen lässt erahnen, wie eine ethisch immer beliebigere Gesellschaft Heimleitungen vor laufend neue Fragen stellt. Und dass für öffentliche Gelder die bisher geltenden Werte vermehrt in Frage gestellt werden.