Sonntag • 19. Mai
Abstimmungskampagnen im Kanton Bern
16. Mai 2019

Die Bibel und das Sozialhilfegesetz

Im Berner Rathaus beschloss der Grosse Rat (Kantonsparlament) die Revision des Sozialhilfegesetzes. Bild: Attila Terbócs/Wikimedia
Im Berner Rathaus beschloss der Grosse Rat (Kantonsparlament) die Revision des Sozialhilfegesetzes. Bild: Attila Terbócs/Wikimedia

Bern (idea/dg) – „Mit der Bibel in den Kampf um die Sozialhilfe“, titelt die Berner Tageszeitung „Der Bund“ einen Artikel zur aktuellen Abstimmungskampagne rund um die Revision des Berner Sozialhilfegesetzes. Es sei eine Premiere: „Ende April haben die drei bernischen Landeskirchen und die jüdischen Gemeinden Bern und Biel sich erstmals gemeinsam in die Politik eingeschaltet. Sie lehnen die Kürzung in der Sozialhilfe ab, über die am nächsten Wochenende abgestimmt wird“, schreibt Dölf Barben im Artikel. Zur Gegenseite hebt Barben hervor, dass der freikirchlich verwurzelte Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) die Vorlage ausgearbeitet hat und die EDU sie unterstützt. In den Stellungnahmen der Kirchen und der EDU seien aber keine biblischen Bezüge zu finden.

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„Ein barmherziger Mann nützt auch sich selber“

Die tätige und rechtlich gesicherte Solidarität der Starken mit den Schwachen sei „biblisch vielfach und grundsätzlich abgestützt“, zitiert Barben Klaus Bäumlin. Dieser war langjähriger Pfarrer an der Berner Nydeggkirche und Chefredaktor der reformierten Zeitung „Saemann“. Er verweist auf 2. Mose 22 und 23 sowie Jesaja 58,6-8. Barben hat auf der Website Bibleserver.com fast 200 biblische Belege zum Wort „barmherzig“ gefunden. Als Beispiel nennt er unter anderem (ohne Bibelstellenangabe): „Ein barmherziger Mann nützt auch sich selber; aber ein herzloser schneidet sich ins eigene Fleisch.“

„Wer seinen Acker bebaut, wird Brot genug haben“

EDU-Grossrat Jakob Schwarz wiederum erachtet neben dem biblischen Aspekt von „Barmherzigkeit und Nächstenliebe“ auch „Arbeit und Eigenverantwortung“ als relevant. „In der Bibel finde man zahlreiche Stellen, wo Menschen zum Arbeiten angehalten werden. Dass der Mensch für sein Handeln und Tun in erster Linie selber verantwortlich sei und die Konsequenzen zu tragen habe, sei genauso ein biblisches Prinzip“, gibt Barben die Meinung des EDU-Vertreters wider. „Ausserdem fordere die Bibel den Menschen auf, gerecht zu sein und Ungerechtigkeit zu bekämpfen.“ Wenn jemand mit Sozialhilfe besser dastehe als jemand, der arbeite, dann sei das ungerecht. Auch zur Arbeit und zum Vermeiden von Armut hat Barben biblische Belege gefunden. Eines seiner Bibelzitate dazu: „Wer seinen Acker bebaut, wird Brot genug haben; wer aber nichtigen Dingen nachgeht, wird Armut genug haben.“ (ohne Bibelstellenangabe).

Die EVP, die das revidierte Sozialhilfegesetz ablehnt, wird im Artikel nicht erwähnt. Zum ebenfalls am 19. Mai an die Urne kommenden sogenannten Volksvorschlag, also einem von mehr als 10'000 Stimmberechtigten eingereichten Gegenvorschlag, hat die EVP Stimmfreigabe beschlossen. Die Landeskirchen unterstützen diesen Volksvorschlag. Die EDU lehnt ihn ab.

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