Montag • 1. Juni
Yvette Estermanns Motion zu Spätabtreibungen
13. Mai 2020

Aus Fehldiagnosen lernen

Yvette Estermann. Bild: zvg
Yvette Estermann. Bild: zvg

Bern (idea/dg) - Die Zahl der Abtreibungen nach der 12. Schwangerschaftswoche soll markant reduziert werden. Der Bundesrat soll dazu Massnahmen erarbeiten. Dies will die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann (53) mit einer Motion erreichen, die sie am 4. Mai im Rat eingereicht hat. Unter anderem soll die Quote von Fehldiagnosen sichtbar gemacht werden, wenn während der Schwangerschaft eine Behinderung diagnostiziert wird.

ANZEIGE

Diffuse Bestimmung im Strafgesetzbuch

Jährlich fänden in der Schweiz 400 bis 500 Abtreibungen nach der 12. Schwangerschaftswoche statt, schreibt Yvette Estermann in der Begründung zu ihrem Vorstoss. Diese Abtreibungen seien für schwangere Frauen, ihre Partner, Familien und für beteiligte Fachpersonen eine grosse Belastung. Das Strafgesetzbuch (art. 119, Absatz 1) regle die Praxis der Spätabtreibungen nur ungenau. Wie die „umso grössere, schwere seelische Notlage der Frau bei fortschreitender Schwangerschaft“ vom Arzt festgestellt werden könne, bleibe diffus.

Ethikkommission hat Problemfelder benannt

Yvette Estermann verweist auf die Studie „Zur Praxis des Abbruchs im späteren Verlauf der Schwangerschaft – Ethische Erwägungen und Empfehlungen“ der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK) vom Dezember 2018. Diese habe etliche Problemfelder benannt. Die NEK-Studie führe aus, dass Spätabtreibungen überwiegend aufgrund einer Erkrankung bzw. Fehlbildung des ungeborenen Kindes erfolgten. Dies könnten schwere Gendefekte sein, jedoch auch leichtere, körperliche Fehlbildungen. So komme es vor, dass mitunter auch Kinder abgetrieben würden wegen Schädigungen, die prä- oder postnatal operativ behandelt werden könnten. Beispiele davon seien Hydrocephalus und Spina Bifida. „Auch die meisten Ungeborenen mit Down Syndrom werden bei Spätabtreibungen getötet, obwohl sie lebensfähig wären“, schreibt die Nationalrätin und promovierte Ärztin.

Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen

Dann richtet Yvette Estermann den Fokus auf die Mütter oder Eltern. Die Nachricht, dass das ungeborene Kind nicht gesund sei, löse bei vielen Müttern oder Eltern einen Schockzustand aus. „Der medizinischen Beratung kommt deshalb in solchen Situationen eine sehr grosse Bedeutung zu“, ist sie überzeugt. Betroffene Mütter oder Eltern sollten umfassend und zutreffend informiert werden über die Möglichkeit von Fehldiagnosen und die Risiken einer Abtreibung. Sie sollten zudem unter Beizug eines Kinderarztes oder Kinderchirurgen Kenntnis erhalten von den Behandlungsmöglichkeiten einer kindlichen Fehlbildung. „Und sie müssen Klarheit haben bzgl. der potenziellen Überlebensfähigkeit und Lebensqualität eines Kindes mit Anomalien. Nur so können Mütter/Eltern in guter Kenntnis des Sachverhalts eine konstruktive Entscheidung fällen“, betont Yvette Estermann, die selber auch Mutter eines erwachsenen Sohnes ist.

Fehldiagnosen dokumentieren

Um die Quote der Fehldiagnosen künftig ausweisen zu können, will Yvette Estermann Kinderpathologen verpflichten, alle in utero diagnostizierten Behinderungen nach Abtreibungen, Tot- oder Lebendgeburten zu bestätigen respektive zu falsifizieren. Die Resultate seien den Gesundheitsbehörden zu melden. „Es gibt zu viele Fehldiagnosen, ein Kind sei schwer behindert oder nicht lebensfähig, die zu einer Abtreibung führen“, wird Nationalrätin Estermann auf Blick.ch zitiert. Für viele Betroffene sei es traumatisch, nicht zu wissen, ob sie tatsächlich den richtigen Entscheid gefällt hätten. Eine zwingende Untersuchung schaffe Gewissheit und helfe den Eltern, bei einer nächsten Schwangerschaft allenfalls vorsichtiger zu entscheiden. Dasselbe gelte für die Ärzteschaft, welche in der Diagnostik vorsichtiger sein müsste.

Erich von Siebenthal: Bundesrat war einseitig abtreibungsfreundlich

Auch der Berner SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal brachte Anfang Mai eine Motion zur Abtreibungspolitik ein. Der Bundesrat soll Massnahmen erarbeiten, um die Beratung von Frauen mit Problemschwangerschaften zu optimieren. Betroffene Frauen sollen ein umfassendes Bild über Risiken einer Abtreibung erhalten. Erich von Siebenthal zeigt auf, dass sich der Bundesrat in vergangenen Äusserungen auf einseitige abtreibungsfreundliche Studien stützte.