10. September 2019

VFG-Präsident Peter Schneeberger

«Wer den Sonntag anders füllt, verpasst Wesentliches!»

VFG-Präsident Peter Schneeberger:
VFG-Präsident Peter Schneeberger: "Den Auftrag weiterführen!" Foto: idea/rh

Bern (idea/rh) - Der Schweizer Freikirchenverband VFG feiert seinen 100. Geburtstag. Wie VFG-Präsident Peter Schneeberger in einem Interview mit dem Wochenmagazin ideaSpektrum erklärte, hat der Verband drei Standbeine: Erstens bildet er eine Plattform und ein Netzwerk für Leitende aus den verschiedenen Gemeindeverbänden. Als Zweites ist er das Sprachrohr der freikirchlichen Anliegen in Medien und Gesellschaft und als Drittes beteiligt er sich mittels Vernehmlassungen an der politischen Diskussion. Unter dem Dach des VFG sind 17 Freikirchenverbände aus der Deutschschweiz und dem Tessin, entweder als Vollmitglied oder im Beobachterstatus. Aktuell liegt ein Antrag für eine Mitgliedschaft des ICF Movement vor und die adventistischen Gemeinden möchten den Beobachterstatus.

Freikirchen-Papst? Nein!

Er sei keineswegs "der Papst der Freikirchen", erklärt Peter Schneeberger. Er vergleicht die Organisation des Verbandes mit einer Blumenwiese: "Eine Wiese schaut bunt und vielfältig aus und trotzdem ist sie eine `Einheit`, etwas Ganzes, das zusammengehört. Die Wurzeln sind verbunden durch gemeinsame Werte und den gemeinsamen Auftrag."

Versammlungsverbot führt zur Verbandgründung

Der Anstoss zur Gründung des Verbandes im Jahr 1919 war ein Versammlungsverbot. Wegen der Spanischen Grippe wollte die Regierung die Bevölkerung schützen. Weil die Gottesdienste der Landeskirchen nicht verboten wurden, taten sich verschiedene grössere Freikirchen, Minoritätsgemeinden und Verbände zusammen und wurden mit Erfolg politisch aktiv. Schon bald danach wurde die Versammlungsfreiheit wieder gewährleistet. Im November 1919 taten sich unter Führung von Methodisten und prägenden Figuren aus der Minoritätsgemeinde Aarau eine ganze Anzahl von Gemeindeverbänden und Werken zum "Aarauer Verband" zusammen. Das war die Geburtsstunde des VFG.

Verärgert über das Sekten-Image

Bis heute seien die Freikirchen in gewisser Hinsicht "Kirchen zweiter Klasse" geblieben. Im Buch "Profile einer dynamischen Bewegung" beschreibt Fritz Imhof, wie das Umhängen des Sektenimage praktisch in jedem Jahrzehnt ein Thema für die Freikirchen war. "Das ärgert mich", sagte Präsident Schneeberger gegenüber idea. "Man ist sich hierzulande immer noch nicht bewusst, dass die freikirchliche, evangelikale Bewegung global zu den Weltkirchen zählt." Schneeberger nennt vier unterschiedliche freikirchliche Hauptgruppen. Das eine sind die klassischen Freikirchen mit den Baptisten und Mennoniten, die eine 500-jährige Tradition haben, also so alt sind wie die Reformierten und die Lutheraner. Dann die innerkirchlichen Erneuerungsbewegungen aus dem Pietismus - ein Beispiel ist das Evangelische Gemeinschaftswerk. Eine dritte Gruppe sind Gemeinden, die aus einem "Bekenntnisnotstand" heraus gegründet wurden. Dazu zählen die Freien Evangelischen Gemeinden und Evangelischen Täufergemeinden. Die vierte Gruppe sind die pfingstlich-charismatisch geprägten Gemeinden.

Bilden die Medien die Volksmeinung ab?

Zur kritischen Freikirchen-Berichterstattung in grossen Schweizer Medien meinte Schneeberger, diese handle fast ausschliesslich um nicht dem Verband angeschlossene Gemeinschaften. Schneeberger: "Eines der wesentlichen Merkmale einer Sekte ist dort gegeben, wo die Mitglieder haargenau das Gleiche vertreten wie ihr Leiter, der ihnen wie ein Guru vorsteht. Ich kenne keine Freikirche, wo dies der Fall ist! Wir fördern einen selbständigen Glauben. Die vereinsrechtliche Struktur schafft Transparenz und vermittelt Einblick in die Finanzen." Es beschäftige ihn, dass die mediale Darstellung von Freikirchen als eine Art "fundamentalistische Exoten" daherkomme, nur weil sie zum Beispiel bezüglich "Ehe für alle" eine andere Meinung verträten als die grosse Mehrheit. Schneeberger fragt: "Bildet die mediale Darstellung tatsächlich die Meinung der Bevölkerung ab?" Freikirchler seien keine Spassbremsen. Das Leben lasse sich erst dann erfüllend gestalten, wenn "gewisse Rahmenbedingungen ernst genommen" würden, sagte Schneeberger im idea-Interview.

Den Glauben leben

Freikirchliche Christen würden durch das Vorleben im persönlichen Umfeld der Familie, im Quartier, in der Kirche, am Arbeitsplatz positiv auf ihren Glauben und das Evangelium aufmerksam machen. Peter Schneeberger: "Christliche Gemeinden sollen sichtbar werden durch das, was sie konkret tun." Er verweist auf Städte wie Thun, Winterthur und St. Gallen. Dort habe die "Wirkung des Evangeliums durch den Zusammenschluss vieler Kirchen im gemeinsamen Auftrag sehr positive, wahrnehmbare Auswirkungen".

Es gibt Wachstum, aber nicht wie erhofft

Die Entwicklung der Freikirchen in der Schweiz verlaufe in einem "wettbewerbsstarken Milieu", sagte Schneeberger. Das werde negativ, wenn es zu einer Verdrängung komme. "Institutionelle Kirchen, die Freikirchen inbegriffen, tun sich in einer sich rasch verändernden Welt schwer. Dass Menschen heute so stark von Beruf und Familie gefordert sind, macht es für Mitarbeiterkirchen anspruchsvoller." Manche Menschen würden sich ins Private zurückziehen, in ihre Clique. Das vertrage sich schlecht mit organisierter Religiosität. Peter Schneeberger: "Wir nehmen Verschiebungen wahr zwischen den Kirchenverbänden, aber auch Wachstum, doch nicht im erhofften Umfang. Verschiebungen gibt es von den klassischen Freikirchen zu den charismatischen."

Mehr Freikirchler im Gottesdienst als Reformierte

In der Schweiz wird mit 2,5 bis 3,2 Prozent Freikirchlern gerechnet, das sind so um die 250 000. Eine Nationalfondsstudie zählte 690 000 Personen, die sich an einem Wochenende in der Schweiz zu einem religiösen Ritual treffen, also Christen, Muslime, Buddhisten, Hindus, Juden, alle. Gut 99 000 davon treffen sich in einer Freikirche, das sind über 14 Prozent und damit beispielsweise mehr, als sich am Sonntag in einer reformierten Kirche treffen, und nähert sich der Zahl der Katholiken. "Der Gottesdienst ist nach wie vor eines der wichtigsten Gefässe zur Inspiration und zum Teilen des Glaubens", schwärmte Peter Schneeberger im idea-Interview. "Meine Erfahrung ist so: Wer den Sonntag mit anderem füllt, der verpasst etwas ganz Wesentliches, Einmaliges! Mit dem Gottesdienstbesuch drücke ich gemeinsam mit anderen Weggefährten die Relevanz aus, die mein Glaube an Jesus Christus in meinem Leben hat."

Den Glauben begeistert leben

Damit freikirchliche Gemeinden in einer zunehmend säkularen Gesellschaft eine Zukunft haben, müssten sie "ihren von der Bibel gegebenen Auftrag kennen". Für Schneeberger ist es die Bestimmung der Gemeinde, "die Gute Nachricht von Jesus Christus zu leben und weiterzutragen". Schneeberger: "Verliert sie diesen Auftrag aus dem Blickfeld, kühlt das innere Feuer aus." Es brauche ein tiefes Bewusstsein, zu Christus zu gehören und seine Worte ernst zu nehmen, es brauche Hingabe an Jesus bis hinein in Situationen der Diskriminierung. Die Anzeichen, dass Christliches aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt werden soll, mehrten sich auch im Westen. Auf die Frage, ob diese Entwicklung Angst mache, antwortete Freikirchenpräsident Schneeberger: "Nein. Die Freikirchen sollen ihren Auftrag weiterführen und ihren Glauben mit Überzeugung und Begeisterung leben! Das hat so oder so Zukunft!"