08. November 2019

An allen Synoden vorbei - ein Kommentar

Tribut an den Mainstream?

Der Rat des SEK und die Abgeordneten stellen die Weichen. Die Kirchenparlamente konnten noch gar nicht mitreden. Foto: Symbolbild
Der Rat des SEK und die Abgeordneten stellen die Weichen. Die Kirchenparlamente konnten noch gar nicht mitreden. Foto: Symbolbild

(idea/livenet) - Die reformierten Kirchen setzen sich einer Zerreissprobe aus, um einer Minderheit, die auf das Prinzip Gleichberechtigung pocht, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wichtige Kirchenleiter sind dabei vorgeprescht, ohne den Gemeinden und Kirchenparlamenten Gelegenheit zur Beratung zu geben. Die Folge sind Erklärungen und Unterschriftensammlungen gegen dieses Vorgehen, zum Beispiel von reformierten Pfarrerinnen und Pfarrern.

Politik scheint Reformierte in Zugzwang zu bringen

Ursache der Krise liegt im Vorstoss der Grünliberalen, die zivilrechtliche Ehe auch für die homosexuellen Paare zu öffnen. Nebst politischen Parteien und Organisationen wurden auch die Kirchen zur Vernehmlassung eingeladen. Der Rat des Kirchenbundes erkannte die Problematik für die Gemeinden und wollte eine Stellungnahme verabschieden, welche auch der Minderheit der Gegner der "Ehe für alle" eine Stimme gab. Er wurde aber von der Abgeordnetenversammlung (AV), in der wichtige Vertreter der Kantonalkirchen wie die Präsidenten der Kirchen von Zürich und dem Aargau sitzen, zurückgepfiffen. Unter diesem Druck preschte SEK-Ratspräsident Gottfried Locher vor und plädierte in einem Tagesanzeiger-Interview medienwirksam für die Gleichberechtigung der Homosexuellen. Der Rat schlug dem Parlament eine zwar differenzierende Stellungnahme vor, welche sich aber nicht nur für die zivilrechtliche Ehe, sondern auch die kirchliche Trauung aussprach. Sie wurde am 5. November verabschiedet, überlässt die Umsetzung der Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren aber den Kantonalkirchen und will die Gewissensfreiheit der Pfarrpersonen schützen.

Zürich: An Kirchenrat und Synode vorbei

Interessant ist nun ein Vergleich, wie sich die Präsidenten der grössten Kantonalkirchen positioniert haben. Der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller, Vater eines homosexuellen Sohnes, befürwortete gegenüber der Rechtskommission des Nationalrates schon am 21. Juni nicht nur die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, sondern auch deren volles Adoptionsrecht und den Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Und dies, ohne den eigenen Kirchenrat zu konsultieren. Er findet es auch nicht nötig, die Synode darüber entscheiden zu lassen, ob nach der Einführung der Ziviltrauung auch die kirchliche Eheschliessung möglich sein soll. Die Kirchenordnung lasse das zu. "Wenn in der Kirchenordnung von Brautpaar die Rede ist, sind damit alle Kombinationen gemeint. Bräutigam und Bräutigam oder Braut und Braut", sagte Müller gegenüber ref.ch.

Aargau: An der Synode vorbei

Im Aargau bezog Kirchenratspräsident Christoph Weber den Kirchenrat in die Entscheidfindung ein und befürwortete mit der zivilrechtlichen Eheschliessung auch gleich die kirchliche Trauung. Es solle für die Kirche ein Grund zur Freude sein, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen wollen. Aber auch der Aargauer Kirchenrat verzichtete auf eine Diskussion in der Synode, was jetzt zu einer Interpellation der Evangelischen Fraktion führte. Diese erinnert den Kirchenrat daran, dass das Thema innerhalb der Kirche "nach wie vor heftig umstritten diskutiert wird". Der Kirchenrat muss sich der Frage stellen, weshalb er die Synode nicht in die Diskussion einbezogen habe. Zudem muss er sich dazu äussern, wie er Pfarrpersonen unterstützen will, "die sich am biblischen Bild der Ehe orientieren" und daher keine Trauungen von gleichgeschlechtlichen Paaren durchführen wollen.

Bern widerspricht dem Automatismus...

Anders der Berner Synodalratspräsident Andreas Zeller. Er unterstützt zwar die Stellungnahme von SEK-Präsident Gottfried Locher. Welche Auswirkung die vorgesehene Gesetzesänderung jedoch für die kirchliche Trauung in der Berner Kirche hat, soll 2021 in einer Gesprächssynode diskutiert werden. Zeller widerspricht damit der Meinung seiner Kollegen im Aargau und in Zürich, dass die staatliche Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe automatisch auch das Ja der Kirche zur Trauung nach sich ziehen müsse! Eine Haltung, die auch für die Kirchenmitglieder, die sich an den deutlichen biblischen Aussagen orientieren möchte, leichter erträglich ist. Sie können sich auf ein Papier der beiden Ethiker des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Frank Mathwig und Luca Baschera, berufen, die deutliche Vorbehalte zur gegenwärtigen Entwicklung anmelden. Ebenso auf die Stellungnahme des SEK von 2002, wo der Rat festhält, für die allermeisten Reformierten sei klar, dass "eine deutliche Unterscheidung von Ehe und gleichgeschlechtlicher Partnerschaft unbedingt zu wahren ist."

Abwarten im Thurgau

Nicht eilig hat es auch die Thurgauer Landeskirche. "Wie wir mit einem allfällig neuen zivilen Ehebegriff umgehen, werden wir erst diskutieren, wenn der entsprechende politische Entscheid gefallen ist", sagte Kirchenratspräsident Wilfried Bührer gegenüber ref.ch. Eine pragmatische und eigentlich auch einzig sinnvolle Haltung der Thurgauer.

SEK desavouiert die eigenen Ethiker

Es wäre für die reformierten Kirchenführer angebracht, ein Wort der beiden SEK-Ethikspezialisten, Frank Mathwig und Luca Baschera, ernst zu nehmen, die in ihrer Studie zu den aktuellen Fragen bemerken, in der liberalen Gesellschaft seien es "gesellschaftliche Mainstreams, Moden und Mehrheitsdiktate, die sich auch in der Kirche machtvoll durchsetzen wollen". Sie verweisen dabei auf eine "christlich-eschatologische Imprägnierung des Eheverständnisses" in Epheser Kapitel 5 und auf den von Jesus erwähnten Schöpferwillen in Matthäus Kapitel 19, gemäss dem Sexualität ihren ausschliesslichen Ort innerhalb der Ehe habe. (Autor: Fritz Imhof, Livenet)