25. Dezember 2018

Wahrheitsfrage

Sich taufen zu lassen, um als Flüchtling anerkannt zu werden, ist widerlich

Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee in Berlin, Steffen Reiche. Foto: idea/Hercher
Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee in Berlin, Steffen Reiche. Foto: idea/Hercher

Berlin (idea) – Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee in Berlin, Steffen Reiche, hat Flüchtlinge kritisiert, die sich taufen lassen wollen, um ihre Aufenthaltschancen in Deutschland zu steigern. Er äußerte sich in einem Gespräch mit dem Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, Ulf Poschardt (Berlin). Wie Reiche sagte, gibt es bei Asylbewerbern „sicher auch Schwarzfahrer, die sagen, ich geh mal auf Nummer sicher und wie man bei mir, wo ich herkomme, Moslem sein muss, damit es einem gut geht, sollte man hier vielleicht besser Christ sein, damit es einem gut geht“. Dahinter stecke ein widerlicher Gedanke, der etwas Anbiederndes habe: „Das hieße ja, dass auch ich als Christ, wenn ich in Katar oder in Dubai leben würde, sagen sollte: Na, dann werde ich mal Moslem und lass mich beschneiden.“ Die Wahrheitsfrage spiele bei einem solchen Denken dann keine Rolle mehr: „Und deshalb finde ich es widerlich, denn für mich spielt nicht nur zu Weihnachten, sondern auch zu Ostern die Wahrheitsfrage immer die zentrale Rolle.“ Er glaube, „dass es Wahrheit gibt und dass das Christentum und das Judentum und bedingt auch der Islam daran partizipieren“. Er sei aber kein Freund von der Vorstellung, dass alle drei Weltreligionen vor Gott gleich seien. Er habe in seiner Gemeinde auch Muslime getauft, so Reiche. Für sie bedeute das Christentum Freiheit und das Ende von Angst: „Wir erinnern bei uns in der Gemeinde immer wieder solidarisch an die Nazarener, die Anhänger des Nazareners, die heute in der arabischen Welt leben oder leider nur gelebt haben, denn die meisten sind ja geflohen. Wenn die morgens in ihren Herkunftsländern sehen, dass auf ihr Haus ein N gesprüht wurde, wissen sie, dass sie nun nur noch drei Möglichkeiten haben: fliehen, Moslem werden oder Exitus."

Warum Christen Weihnachten feiern

Hintergrund des Gesprächs zwischen Reiche und Poschardt ist eine bundesweite Diskussion, die Poschardt mit einem Tweet ausgelöst hatte, in dem er die Predigt von Reiche an Heiligabend 2017 in der Gemeinde Nikolassee als zu politisch kritisierte: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht”, schrieb Poschardt auf Twitter. Ein knappes Jahr später trafen sich die beiden nun auf Einladung der Tageszeitung „Die Welt“. Wie Reiche sagte, hat er sich 2018 aufgrund der Debatte noch einmal stärker mit der Frage beschäftigt, warum Christen heute Weihnachten feiern. Denn das Fest sei mehr als drei Jahrhundert nach Christi Geburt entstanden und erstmals zirka 335 in Rom gefeiert worden. Damals seien die Christen erstmalig nicht mehr permanent verfolgt worden. In dieser Situation habe ihnen die Geburt Jesu so viel bedeutet, dass sie nicht mehr nur von Ostern und der Auferstehung her leben wollten. Sie hätte eine klare Orientierung für ihr Leben gebraucht: „Und die bekommen sie, wenn sie jetzt alles, was vor Karfreitag und Ostern war, mit ganz anderer Intensität aufnehmen, wahrnehmen und leben.“ Der Tweet von Poschardt habe zudem zu einem größeren Interesse geführt, so Reiche: „Ein Jahr später ist dank Ihnen meine Liste mit Interessierten explodiert, an die ich per Mail meine Predigten schicke.“

Poschardt: Ich bin über viele Predigten empört

Poschardt betonte, dass er den Tweet rückblickend bereue: „Ich würde ihn so nicht mehr schreiben. Aber ich finde, wir haben das Beste daraus gemacht. Die Diskussionen über Predigten haben viel Kluges produziert.“ Ferner sagte, dass er über viele Predigten weiterhin „empört“ sei: „Da ist häufig eine Geschwätzigkeit, ein Pürieren.“ Die christlichen Kirchen müssten an ihrer Predigtkultur arbeiten. Es sei immer ein Teil der Erfolgsgeschichte des Christentums gewesen, „dass die Kirchen sich mit der höchsten Kultur ihrer Zeit synchronisiert haben“. Die Kirche werde heute „als Brutstätte unserer Identität“ gebraucht: „Dabei kann sie sich nicht länger, wie es insbesondere die EKD tut, nur an die herrschenden Verhältnisse anpassen, sondern muss sich auch anderen politischen Haltungen öffnen.“ Zudem dürfe eine Predigt nicht „Medium einer säkularen Moralinstitution“ sein. Reiche gehörte zu den Mitbegründern der Sozialdemokratischen Partei der DDR noch vor dem Fall der Mauer. Von 1994 bis 2004 war er Minister der SPD im Bundesland Brandenburg.

Steffen Reiche hat seine in dem Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“ erwähnten Ausführungen, warum Christen Weihnachten feiern, für die Evangelische Nachrichtenagentur idea zusammengefasst. Den Beitrag finden Sie hier: www.idea.de/spektrum/detail/warum-wir-weihnachten-feiern-107618.html