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Pro und Kontra
06. November 2019

Soll man Terroristen gezielt töten?

Elitesoldaten haben schon mehrere Anführer von Terrororganisationen getötet. Symbolfoto: unsplash.com
Elitesoldaten haben schon mehrere Anführer von Terrororganisationen getötet. Symbolfoto: unsplash.com

Wetzlar (idea) – Für weltweites Aufsehen sorgte Ende Oktober der Tod des Anführers der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), Abu Bakr al-Bagdadi. Als US-Elitesoldaten ihn in Nordsyrien stellten, sprengte er sich in die Luft. 2011 hatte ein US-Spezialkommando das Anwesen des Terrroristenführers Osama bin Laden gestürmt und ihn erschossen. Im September 2019 bestätigte die US-Regierung, dass der Sohn des Al-Kaida-Gründers, Hamza bin Laden, bei einem Antiterroreinsatz „in der Region Afghanistan/Pakistan“ getötet worden sei.

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Vor diesem Hintergrund fragte die Evangelische Nachrichtenagentur idea in einem Pro und Kontra: „Ist es ethisch vertretbar, Terroristen gezielt zu töten?“ Dazu äußerten sich der Vorsitzende der Internationalen Martin Luther Stiftung, Michael Inacker (Kleinmachnow bei Berlin), und die mennonitische Theologin Marie-Noelle von der Recke (Laufdorf bei Wetzlar).

Pro: Schon Bonhoeffer hat den Tyrannenmord gerechtfertigt

Inacker räumt ein ethisches Dilemma ein: Sowohl die Tötung sei schuldhaft als auch das Gewährenlassen eines Terroristen, der nachweislich weitere Anschläge in Europa und Deutschland geplant habe. Auch in Deutschland sei die gezielte Tötung eines Menschen zur Gefahrenabwehr ethisch und rechtlich als letzte Möglichkeit vorgesehen: der „finale Rettungsschuss“.

Bei al-Bagdadi habe man um seine terroristischen Planungen gewusst. Er sei für die Ermordung Hunderttausender Menschen verantwortlich. Deshalb wäre seine Nichtverfolgung ein schuldhaftes Versäumnis gewesen. Schon der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) habe auf das ethische Dilemma hingewiesen, aber letztlich den Tyrannenmord gerechtfertigt: „Die Welt ist nun mal voller übler Gestalten.“

Kontra: Einzelne Terroristen zu töten, heizt das Phänomen weiter an

Die Theologin von der Recke vertritt die Gegenposition. Nach ihren Worten haben Kriege der letzten Jahrzehnte viele Menschenleben gekostet, Bevölkerungsgruppen traumatisiert und ins Exil getrieben. Dafür trügen „Terroristen punktuell Verantwortung“. In viel größerem Maße verantwortlich seien aber demokratisch gewählte Regierungen, „die nicht als terrroristisch bezeichnet werden“. Auf sie werde kein Kopfgeld ausgesetzt: „Auch nicht auf die, die – ohne sich die Hände schmutzig zu machen – wirtschaftlichen Profit von Kriegen ziehen: Hersteller und Exporteure von Waffen in alle Welt.“

Terrorismus gedeihe auf dem Boden des Chaos, den Kriege hinterließen, von empfundenem Unrecht und von der Perspektivlosigkeit junger Menschen. Einzelne Terroristen zu töten, heize das Phänomen weiter an, und bald sprieße der Terrrorismus wieder. Die biblische Antwort heiße: „Überwinde das Böse mit Gutem“ (Römer 12,21). Das sei die gute Botschaft, die die Gemeinde Jesu in die Welt tragen solle.