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Theologen debattieren
02. Juli 2019

Hat Rettungsschiff-Kapitänin Rackete richtig gehandelt?

Die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, bei ihrer Festnahme auf Lampedusa. Foto: picture-alliance/Photoshot
Die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, bei ihrer Festnahme auf Lampedusa. Foto: picture-alliance/Photoshot

Berlin/München (idea) – Theologen und Kirchenvertreter streiten über das Vorgehen der deutschen Kapitänin des Seenotrettungsschiffs „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, und den Umgang der italienischen Behörden mit ihr. Sie hatte – trotz Verbots – mit 40 schiffbrüchigen Flüchtlingen im Hafen der Insel Lampedusa angelegt und ihr Handeln mit einer Notlage begründet. Die Behörden setzten die 31-Jährige daraufhin fest und werfen ihr Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Verletzung des Seerechts und Widerstand gegen die Staatsgewalt vor, weil sie sich Anweisungen von Militärschiffen widersetzt haben soll. Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), verteidigte das Vorgehen von Rackete. „Aus meiner Sicht war das, was die Kapitänin gemacht hat, eine schlichte Notlandemaßnahme“, schrieb er auf Facebook. Das Verbot des italienischen Innenministers Matteo Salvini, den Hafen anzulaufen, sei „nicht zu rechtfertigen“. Die Kapitänin habe das getan, „was die allen unseren europäischen Rechtstraditionen zugrundeliegenden Werte fordern“. Dass man ihr dafür jetzt moralische Vorwürfe mache, halte er für absurd: „Was hätte sie sonst machen sollen?“

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Militärbischof: „Lasst Rackete frei!“

Der Evangelische Militärbischof Sigurd Rink (Berlin) fordert, Rackete unter Auflagen auf freien Fuß zu setzen, damit sie sich dann einem gerichtlichen Verfahren stellen kann. „Verantwortungsethisches Handeln heißt für mich, mit Leidenschaft und Augenmaß vorzugehen“, so Rink. Es bedeute, die humanitäre Leistung anzuerkennen und zugleich auf ein gerichtliches Urteil zu warten. Rink: „Lasciala libera! Lasst sie frei!“ Er bedauerte ferner, dass die EU-Mission „Sophia“, die Schleuserkriminalität bekämpfte, bereits Anfang des Jahres ausgesetzt und nicht wieder aufgenommen worden sei. An der Mission war auch die Deutsche Marine beteiligt.

Prof. Schröder: Wer so handelt, macht sich strafbar

Dagegen sieht der Theologe und frühere SPD-Politiker Prof. Richard Schröder (Berlin) das Vorgehen der Kapitänin kritisch. In einem Beitrag für die Tageszeitung „Die Welt“ (Ausgabe 2. Juli) schreibt er: „Wenn ein deutscher Kapitän beliebigen Geschlechts das Verbot, in einen Hafen zu fahren, missachtet und ein italienisches Zollboot bedrängt, ist das unzweifelhaft Widerstand gegen die italienische Staatsgewalt und strafbar.“ Wer ohne Genehmigung Ausländer in den Hafen bringe, begehe „zweifellos Beihilfe zur illegalen Einwanderung“. Schröder: „Der italienische Innenminister, dem meine Sympathie nicht gehört, fragt nicht zu Unrecht, warum ein in den Niederlanden registriertes und von einer deutschen Besatzung betriebenes Schiff die Schiffbrüchigen nicht in die Niederlande oder nach Deutschland transportiert. Warum eigentlich nicht?“ Lebensrettung begründe keine „vorauseilende Generalamnestie für folgende Handlungen“, so Schröder, der von 1991 bis 1997 EKD-Ratsmitglied war.

Kirche kann keine Aufenthaltstitel für Flüchtlinge verleihen

Er äußert sich auch zur Idee, ein EKD-Rettungsschiff in das Mittelmeer zu entsenden. Das hatten Teilnehmer des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dortmund in einer Resolution gefordert. Diese Idee kann laut Schröder nur unter einer Vorbedingung unterstützt werden: Es müsse verbindlich mit Staaten vereinbart werden, dass sie die Geretteten aufnehmen. „Denn weder Privatpersonen noch die Kirchen können Aufenthaltstitel verleihen. Das kann nur der Staat. Und Kirchen sollten sich nicht – verdeckt – staatliche Funktionen zuschreiben, die sie weder haben noch haben sollten.“

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