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Osterpresseschau
21. April 2019

Wer glaubt noch an den Gottessohn?

Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat die Glaubensüberzeugungen der Deutschen untersucht. Screenshot: Der Spiegel
Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat die Glaubensüberzeugungen der Deutschen untersucht. Screenshot: Der Spiegel

Kirchgang oder lieber zur Kakaozeremonie? In den Osterausgaben der Zeitungen geht es um das Erstarken der Esoterik und die Glaubenszweifel der Christen. Zugleich wird deutliche Kritik an der Verkündigung der Kirchen geübt. Ein Überblick von idea-Redakteur Karsten Huhn.

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Der Spiegel: Die Grenzen zwischen Glauben und Unglauben verschwimmen

In seiner Titelgeschichte „Wer glaubt denn sowas? Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen“ legt der „Spiegel“ (Hamburg) den Finger auf die Wunde der Kirche: Nur 57 Prozent der Protestanten und 63 Prozent der Katholiken sehen laut einer Umfrage in Jesus Christus den Sohn Gottes. Entsprechend trifft auch die Auferstehung Christi bei mehr als jedem Dritten Kirchenmitglied auf Unverständnis: „Zum real existierenden Christentum in Deutschland gehört es, dass die Grenzen zwischen Glaube und Unglaube verschwimmen. Menschen nennen sich Katholiken oder Protestanten, obwohl sie zentrale Aussagen der damit verbundenen Lehre ablehnen. Aus den vorgegebenen Dogmen leiten sie ihre eigene Privatreligion ab. Andere sind bloß noch Kulturchristen, die Ehrenämter übernehmen und an Traditionen hängen.“

taz: Kakaozeremonie, Lichtatmung und Trommelreise

Die „taz“ (Berlin) verspricht in ihrer Titelgeschichte „Erleuchtung to go“. Anstatt in die Kirche zu gehen, suchten viele spirituelle Erfahrungen bei schamanischen Ritualen, Kakaozeremonien, Lichtatmung, Trommelreisen oder indem sie sich in Trance tanzen: „Spiritualität, Schamanismus und Selbsterforschung sind anschlussfähig an den einigermaßen gut situierten urbanen Mainstream geworden. ‚New Age‘, die Esoterikbewegung der Hippies aus den sechziger Jahren, und alles, was zu diesem schwammigen Begriff gehört, scheinen das Spinner-Image abzustreifen. Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach dem Hier und Jetzt. Nach der Stille, und dem, was in ihr entstehen kann. Ist das eine neue, zweite Hippie-Welle?“

Bild am Sonntag: „Woran ich glaube“

„Woran ich glaube“ lautet die Titelgeschichte der „Bild am Sonntag“ (Berlin). Sie befragte 50 Deutsche, was ihnen Halt gibt, etwa Grünen-Chef Robert Habeck: „Ich glaube daran, dass Leben und Engagement Sinn ergeben, egal wie es ausgeht.“ CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer: „Ich glaube an die Unvollkommenheit des Menschen, das macht demütig, und an die Vergebung unserer Fehler, das macht Hoffnung.“ David Alaba, Fußballer beim FC Bayern München: „Ich glaube an Gott und mache mir immer wieder bewusst, dass er für mich da ist und mir Kraft und Intuition schenkt.“ Bestseller-Autor Peter Hahne: „Ich glaube an Jesus Christus. Er ist für mich kein Sonntagsgott, der mich aufs Jenseits vertröstet – er ist für mich die nachhaltigste Energiequelle für meinen Alltag. Grund dafür ist Ostern: Jesus Christus lebt und schenkt mir Hoffnung über den Tod hinaus.“ Hertha BSC-Fußballprofi David Selke: „Ich glaube zu einhundert Prozent an Jesus und bete oft.“ Die 89-jährige Schauspielerin Liselotte Pulver: „Ich glaube an Gott, bete jeden Abend vor dem Einschlafen und am Tag, wenn mir etwas Wichtiges bevorsteht. Glauben bedeutet für mich Sicherheit und Geborgenheit. Da ich oft niemanden habe, mit dem ich sprechen kann, unterhalte ich mich stattdessen mit Gott.“

Berliner Zeitung: Bischof Dröge freut sich über Klima-Demos

In der Berliner Zeitung freut sich der Berliner Bischof Markus Dröge in seiner Osterbotschaft über die Schülerdemonstrationen gegen den Klimawandel. Die Bibel verwende vielfältige Bilder für ihr Reden vom neuen Leben des Ostermorgens. Die Kirchen setzten sich verstärkt für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung ein: „Als evangelische Kirche begrüßen wir deshalb die Bewegung ‚Fridays for Future‘. Mit dem Eifer und der Radikalität der Jugend fordert sie einen sehr viel schnelleren Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und von den Verantwortungsträgern konsequenteres Handeln. Mit ihrer erfrischend klaren Botschaft erreicht ‚Fridays for Future‘ viele Jugendliche. An den Demonstrationen beteiligen sich fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Schulstiftung.“

Tagesspiegel: Evangelische Kirche ist auf dem Holzweg

Im Tagesspiegel (Berlin) kritisiert der evangelische Theologe und Historiker Benjamin Hasselhorn (Wittenberg) seine Kirche. Als Kernproblem hat er eine „grassierende Unernsthaftigkeit“ ausgemacht und nennt dafür vier Beispiele: „1. Die Hauptplakatkampagne zum Reformationsjubiläum zeigte in hellen, bunten Farben Kinderzeichnungen von freundlichen Menschen und Tieren, dazu Sprüche wie: ‚Wenn die Zeit davonrennt, muss ich dann hinterher?’, ‚Ist das Boot zu voll oder das Herz zu leer?’ oder ‚Kann man sich statt auf mal in den Arm nehmen?’. Und der traurige Höhepunkt: ‚Wie kommt mehr Himmelblau ins Alltagsgrau?’ Wer soll da die Zielgruppe sein? Wer soll sich da ernstgenommen fühlen? 2. Die reformatorischen Bekenntnisschriften sind zwar formell weiter in Geltung, aber viele Pfarrer kennen sie nicht einmal. Kein Wunder, dass man vielerorts von Konfirmanden kein Auswendiglernen zentraler biblischer Texte mehr verlangt. 3. Nach wie vor wird in jedem Gottesdienst das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen, doch hinterher erklärt einem der Pfarrer unter vier Augen, dass er selbstverständlich nicht an die Jungfrauengeburt glaube, und dass Auferstehung auch eher heiße, dass die Sache Jesu weitergehe, als dass tatsächlich ein Mensch tot war und wieder lebendig wurde. Ist dann das gemeinsame Bekennen bloßes Theater? 4. Bei einem Konfirmationsgottesdienst gipfelt das Bekenntnis der Konfirmanden in dem Satz: ‚Ich bin stolz darauf, evangelisch zu sein, denn evangelisch sein, heißt, man darf glauben, was man will.’ Glauben, was ich will, kann ich auch ohne Kirche ganz gut. Ein solcher Eindruck von Beliebigkeit und fehlender Ernsthaftigkeit geht nicht spurlos an einer Generation vorbei, die weit entfernt ist von einer noch irgendwie selbstverständlichen Einbindung in kirchliche Traditionszusammenhänge. Orientierung sucht man sich da, wo tatsächlich Orientierung geboten wird.“

Neue Zürcher Zeitung: Kein Platz für die letzten Fragen

Ebenfalls Kritik an der evangelischen Kirche übt die Theologin Béatrice Acklin Zimmermann in der Neuen Zürcher Zeitung: „Den Kirchen gelingt es immer weniger, ein intellektuell anspruchsvolles Publikum anzusprechen und zu überzeugen. Viele Intellektuelle haben den Eindruck, dass in den oftmals mit Anekdoten angereicherten, spirituell vernebelten und dem Zeitgeist angedienten Predigten elementare Spannungen und Widersprüche des Lebens kaum noch eine Rolle spielen und für die entscheidenden ‚letzten Fragen‘ kein Platz mehr bleibt. Manch einer stolpert auch darüber, dass in den Predigten auf den Skandal des Kreuzes Christi verwiesen und zugleich ein Kuschelgott offeriert wird, der niemanden infrage stellt und wenig erhellende Potenziale für den Umgang mit sperrigen Lebenssituationen anbietet. Wen wundert es da, wenn Menschen bei anderen Sinndeutern als den Kirchen Antworten auf ihre elementaren Fragen von Leben und Tod suchen und dem Besuch eines Gottesdienstes jenen eines Konzerts, einer Theater- oder Opernvorstellung vorziehen.“

Süddeutsche Zeitung: Ostern und das Zeichen des Jona

Die „Süddeutsche Zeitung“ (München) erinnert daran, dass Christen die Auferstehung Jesu als „Zeichen des Jona“ deuten - der Prophet Jona hatte drei Tage im Bauch eines Fisches verbracht und wurde dann ausgespien: „Die alttestamentliche Lesung für den Karsamstag nimmt die Gläubigen mit in die Unterwelt. Gelesen wird die Klage des Jona im Bauch des Fisches; sie gehört zu den eindringlichsten Gebeten, die es gibt: ‚Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen. / Der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.‘ Jona verzweifelt, er fleht sein objektiv sinnloses Flehen. Aber es ist nicht sinnlos. Er wird gerettet in ein neues Leben. Deswegen findet man den Fisch als Osterzeichen schon auf den Gräbern der ersten christlichen Jahrhunderte, als Symbol für die Auferstehung. Wer das Flehen des Jona liest, der hört, wenn er sich nicht die Ohren zuhält, die Schreie der Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Warum musste Jesus sterben?

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung denkt über den Sühnetod Jesu nach und besucht dafür den Berliner Pfarrer Thilo Haak, der aber selbst nicht so recht überzeugt zu sein scheint: „Haak seufzt. So schön das auch sei mit der Osterbotschaft des Todes – das Karfreitagsgeschehen habe schon die Evangelisten herausgefordert: ‚Warum musste Jesus sterben?‘ Die gängigste Antwort ist in das Gewölbe über dem Altar hineingemalt, weiße Wolle vor blauem Himmel – ein Osterlamm. Der Pfarrer murmelt die Worte, die zu jedem Abendmahl dazugehören: ‚Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt, erbarm dich unser.‘ Seit dem Mittelalter und Anselm von Canterbury gilt das Sühneopfer als zentraler Schlüssel zum Verständnis des Kreuzes: Gottes Sohn nimmt die Sünden der Menschen auf sich und stirbt, um für sie Vergebung und Versöhnung zu erlangen. ‚Der Tod Jesu wird mit dem Opfer des Lamms am Passafest in Verbindung gebracht‘, sagt Haak mit Blick auf eines der ältesten religiösen Feste im Judentum. ‚Aber es gibt auch andere theologische Interpretationen des Kreuzestodes. Und selbst beim Lamm stellt sich die Frage: aktiv oder passiv? Wird hier einer geopfert? Oder bringt hier einer ein Opfer?‘“

Die Zeit: Treffen sich Jesus, Gauland und ein Sozialdemokrat

„Die Zeit“ (Hamburg) stellt die Frage „Was, wenn Jesus wiederkommt?“ und wagt folgendes Gedankenspiel: „Die meisten würden Jesus zunächst für einen der Ihren halten und wären begeistert. Die Enttäuschung jedoch würde in dem Moment einsetzen, in dem alle sähen, wer an seinem Tisch sitzen darf. Kurze Erinnerung: Damals bestand seine Tischgemeinschaft aus Zöllnern, Huren, Ausgestoßenen, aber auch aus ganz normalem Volk, Fischern, Handwerkern, Frauen, Kindern und auch ein paar Gebildeten. Heute säße da natürlich der für Gerechtigkeit kämpfende Sozialdemokrat neben der grünen Streiterin für Minderheiten. Aber auch den Chauvis von der Jungen Union würde Jesus ein Plätzchen frei halten, dem Bonusbanker und dem Cum-Ex-Betrüger, dem Massentierhalter und dem Chef von Rheinmetall, und wenn Alexander Gauland und Björn Höcke hereinspaziert kämen, würde er ihnen nicht die Tür weisen, denn auch heute ist jeder und jede eingeladen, das Reich Gottes zu schmecken. Der Sozialdemokrat und die Grüne würden dann vermutlich den Raum unter Protest verlassen. Rasch wäre dieser Jesus in liberalen Kreisen erledigt und unter Linken zu einer Persona non grata erklärt. Mit einem, der sich mit den falschen Leuten umgibt, will man als anständiger Bürger nichts zu tun haben. Dasselbe Missverständnis, das schon vor 2000 Jahren die Pharisäer und Schriftgelehrten gegen Jesus aufgebracht hatte, würde heute die honorigen Bürger gegen Jesus aufbringen. Das Missverständnis besteht in der Annahme, dass einer, der sich mit den falschen Leuten umgibt, deren falsche Worte und Taten billigt. Aber das hat Jesus nie getan. Der Ehebrecherin, die er vor den Steinigern in Schutz nimmt mit dem berühmten Wort: ‚Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein‘, hatte Jesus nicht gesagt, dass sie ruhig weiter ehebrechen solle, sondern: ‚Sündige hinfort nicht mehr.‘ Und den Zöllner hat Jesus nicht für seine Betrügereien gerühmt, sondern weil er im Tempel – im Gegensatz zum Pharisäer – gebetet hatte: ‚Gott, sei mir Sünder gnädig!‘ Jesus nahm die Menschen an, und zwar so, wie sie waren. Denn nur wer sich vom anderen angenommen weiß, hat Ohren, um zu hören, was ihm der andere zu sagen hat. Keinem hatte Jesus je nach dem Munde geredet. Mit allen hatte er sich angelegt und daher zuletzt mehr Feinde als Freunde gehabt. Einsam ist er gestorben am Kreuz. Niemand hatte ihn zeit seines Lebens wirklich verstanden, auch seine Jünger nicht. Die haben es erst später kapiert, nach seinem Tod.“

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