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Annette Behnken
11. März 2020

„Parlamente stürmen“: GEP verteidigt Wort-zum-Sonntag-Sprecherin

Pastorin Annette Behnken. Screenshot: daserste.de
Pastorin Annette Behnken. Screenshot: daserste.de

Frankfurt am Main (idea) – Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP/Frankfurt am Main) und die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers haben die Aussage einer evangelischen Pastorin im „Wort zum Sonntag“ verteidigt, in der sie dazu aufgefordert hatte, Parlamente zu „stürmen“.

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Annette Behnken hatte in der am 7. März in der ARD ausgestrahlten Sendung gesagt, dass an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei im Umgang mit Flüchtlingen grundlegende Werte wie Menschenrechte und Menschlichkeit verkauft würden. Die EU zahle 700 Millionen Euro Soforthilfe – nicht um zu helfen, sondern „um uns Menschen in Not vom Hals zu halten“, so Behnken: „Mit Verlaub: Ich könnte kotzen.“

Ebenso sagte sie: „Wir müssen die Parlamente stürmen, in denen Neofaschisten sitzen und uns in Schreckstarre verfallen lassen, genauso wie das Coronavirus.“ Ferner zog sie einen Vergleich zum barmherzigen Samariters (Lukas 10,25-37). Er habe das Naheliegende getan: „Helfen, wo es geboten ist.“

GEP: Die „Parlamente stürmen“ ist im Sinne von die Parlamente „be“-stürmen gemeint

Der ARD-Beauftragte im GEP, Stephan Born (Frankfurt am Main), teilte der Evangelischen Nachrichtenagentur idea in einer Stellungnahme mit, Behnken habe mit dem Bezug auf das Gleichnis des barmherzigen Samariters deutlich gemacht, was es heute heiße, Menschen zu helfen und das Gebot zu erfüllen „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lukas 10,27).

Im Zusammenhang ihres gesamten Wortes zum Sonntag sei klar, „dass sie den Satz ,die Parlamente stürmen‘ im Sinne von ,die Parlamente zu ,be‘-stürmen‘ gebraucht, um sich für Menschen in elementarer Not einzusetzen. Ganz im Geiste Jesu.“

Behnken steht „auf dem Boden unseres Grundgesetzes“

In der theologischen Exegese habe es sich bewährt, Aussagen in ihrem Kontext zu interpretieren und zu analysieren, so Born: „Annette Behnken hat in den vielen Jahren in ihrem Dienst als Pastorin und Sprecherin des Wortes zum Sonntag gezeigt, dass sie mit Überzeugung auf dem Boden unseres Grundgesetzes steht. Als Europäerin und vom christlichen Glauben getragene Pastorin setzt sie sich dafür ein, an der Seite derer zu stehen, die um ihr Leben bangen und unsere Hilfe dringend nötig haben.“

Damit nehme sie die Leitidee vom GEP-Gründungsdirektor Robert Geisendörfer auf: „Evangelische Publizistik soll etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen.“ Dazu Born: „Das GEP wird sich wie in der Vergangenheit auch in Zukunft mit all seinen Veröffentlichungen und Publikationen und all seinen Arbeitsbereichen gegen jede Form von Gewalt wenden.“

Die Unternehmensgruppe GEP ist die zentrale Medieneinrichtung der EKD. Zu den GEP-Unternehmensbereichen gehören neben evangelisch.de unter anderem die Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes (epd), das Monatsmagazin chrismon, die Rundfunkarbeit der EKD sowie die Evangelische Journalistenschule in Berlin.

Hannoversche Landeskirche: Behnken bewegt sich im Rahmen der freien Meinungsäußerung

Ähnlich äußerte sich der Pressesprecher der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Johannes Neukirch. Er verwies auf idea-Anfrage auf eine Stellungnahme von Behnken. Sie habe nach der Kritik an ihrem „Wort zum Sonntag“ klargestellt, dass sie nicht etwa zur Gewalt aufrufe, sondern an den Parlamentarismus appelliert habe, humanitäre Entscheidungen zu treffen. So habe sie auf ihrer Facebook-Seite geschrieben: „Als Europäerin und Christin bin ich von der parlamentarischen Demokratie überzeugt und habe in meinem Wort zum Sonntag an die höchsten Werte europäischer Demokratie appelliert, an Menschlichkeit, an Mitgefühl und auch – wegen der christlichen Wurzeln Europas – an die Barmherzigkeit. Wo diese Grundwerte in Gefahr scheinen, müssen wir das als Christen laut sagen.“

Für die hannoversche Landeskirche sei deutlich, dass Behnken in ihrem „Wort zum Sonntag“ zugespitzte Formulierungen und metaphorische Begriffe verwendet habe, „die im Kontext gehört und gelesen eine Bestärkung der demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung des Grundgesetzes und der Menschenrechte sind“. Sie bewege sich mit ihrer Äußerung „damit eindeutig im Rahmen der freien und unabhängigen Meinungsäußerung, die für Pastorinnen und Pastoren bei der Ausübung ihres Amtes maßgeblich ist“. Behnken selbst hat auf eine am 10. März gestellte idea-Anfrage bislang nicht reagiert.

Pfarrer Achijah Zorn: Der Beitrag ist undemokratisch und unmenschlich

Anders sieht das der rheinische Pfarrer, Achijah Zorn (Mülheim an der Ruhr). Er schreibt in einem Kommentar, das „Wort zum Sonntag“ sei undemokratisch, unmenschlich, unvernünftig, unevangelisch und unbiblisch: „Äußerlich wird den ,Neofaschisten‘ der Kampf angesagt. Doch innerlich geht es der Demokratie an den Kragen.“ Zum Sturm auf demokratisch und frei gewählte Parlamente aufzurufen, sei eine autoritäre Anmaßung.

Wer zudem seine politischen Gegner diffamiere und sie in die Nähe von gefährlichen Coronaviren bringe, „der spricht unmenschlich“. Unevangelisch seien die Worte, da allein ein fundamentalistischer Moralismus im Mittelpunkt stehe. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter werde bei Behnken zu einer „blutleeren Chiffre für eine grenzenlose Hilfsbereitschaft“: „Dass der biblische barmherzige Samariter den unter die Räuber Gefallenen gerade nicht nach Hause in sein eigenes Haus mitnimmt, sondern ihn in einer Herberge abgibt – an solchen ,Feinheiten‘ im Bibeltext hat Frau Behnken keinerlei Interesse.“ Denn damit würde der Bibeltext ihrer eigenen Ideologie widersprechen. Zorn: „Und das kann und darf ja nicht sein, denn sonst wäre ja die Bibel selber ,neofaschistisch‘.“

Klaus-Rüdiger Mai: Es geht allein um eine Ideologie

Der Autor und Historiker Klaus-Rüdiger Mai schrieb in einem idea-Kommentar, wenn Behnken „in unübertreffbarer Selbstgerechtigkeit die Augen davor verschließt, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Migranten benutzt, um von der EU Unterstützung in seinem militärischen Desaster in Syrien zu erpressen, macht sie sich zu Erdoğans nützlichem Idioten und hilft, die EU in einen Krieg gegen Syrien und gegen Russland zu treiben.“

Dieses „Wort zum Sonntag“ zeige, „wie die Totalitarisierung der Menschlichkeit in Unmenschlichkeit umschlägt, weil es nicht mehr um Menschen, nicht um den Glauben, nicht um das Christentum, sondern allein um eine Ideologie geht“. Unterstützung hingegen bekam Behnken vielfach auf ihrer Facebookseite sowie etwa von Grünen-Politikern. Renate Künast schrieb auf Twitter: „Zum 1. Mal beeindruckt vom #WortzumSonntag!“. Sven Giegold nannte es das „krasseste Wort zum Sonntag seit langem“.