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Fernsehkonsum
23. April 2019

Hirnforscher warnt vor „TV-Demenz“ bei über 50-Jährigen

Der TV-Konsum hat Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten. Foto: pixabay.com
Der TV-Konsum hat Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten. Foto: pixabay.com

Essen (idea) – Ein übermäßiger Fernsehkonsum kann bei älteren Menschen zu Gedächtnisproblemen führen. Davor warnt der Neurologe Peter Berlit (Essen) in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ (Ausgabe vom 23. April). Demnach hätten in England durchgeführte Langzeitstudien an über 50-Jährigen ergeben, „dass hoher Fernsehkonsum einen starken Einfluss auf das sprachliche Arbeitsgedächtnis hat“. So schnitten die Testpersonen, die mehr als 3,5 Stunden am Tag ferngesehen hatten, nach sechs Jahren in kognitiven Tests schlechter ab als die mit einem geringeren TV-Konsum. Ein Grund dafür ist Berlit zufolge, dass es sich beim Fernsehgucken um eine rein passive Tätigkeit handelt, bei der das Gehirn zahlreiche Inhalte aufnimmt, ohne sie weiter zu verarbeiten. „Wer also stundenlang nur Serien guckt, fordert die Verschaltung der Sprachzentren in seinem Gehirn nicht“, so der Experte. Das sei vergleichbar mit einem Menschen, der für einen längeren Zeitraum allein auf einer Insel lebe, ohne mit jemandem zu reden. Laut dem Neurologen konnte dabei auch gezeigt werden, dass der Effekt abhängig von der Dosis ist: „Je mehr TV geguckt wurde, umso schlechter konnten die Menschen im Langzeitverlauf Wörter und Sätze verarbeiten.“ Doch ähnlich wie Sprach- und Gedächtnisschäden nach einer Hirnentzündung oder einem Schlaganfall seien die negativen Folgen der „TV-Demenz“ höchstwahrscheinlich reversibel – ließen sich also rückgängig machen. „Das sprachliche Arbeitsgedächtnis ist nicht ausgelöscht, es wurde nur nicht benutzt“, so Berlit. Das lasse sich ändern, indem Betroffene es durch Gespräche, Lesen und Schreiben wieder forderten und auf übermäßiges Fernsehen verzichteten. Das aktuelle Ergebnis habe gerade „angesichts der leider immer noch gängigen Praxis, Menschen in Alten- und Pflegeheimen einfach vor den Fernseher zu setzen“, eine hohe praktische Relevanz. Trotzdem seien digitale Medien nicht pauschal zu verurteilen: „Wenn beispielsweise Großeltern lernen müssen, mit dem Smartphone oder Laptop umzugehen, weil ihre Enkel sich das wünschen, dann fördert und fordert dies das Denken, die Flexibilität und die Kreativität.“

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