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Bibelübersetzung
15. November 2020

150 Jahre Elberfelder Bibel: Unbestechlich texttreu

Fotos: Elberfelder, Brockhaus: privat
Fotos: Elberfelder, Brockhaus: privat

Vor 150 Jahren wurde die Elberfelder Bibelübersetzung abgeschlossen. Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat das zum Anlass genommen, einen der renommiertesten evangelischen Verleger Deutschlands, den Theologen und Germanisten Dr. Ulrich Brockhaus (Wuppertal), um einen Beitrag zu bitten. Der 84-Jährige trat 1969 in den R. Brockhaus Verlag (heute: SCM R. Brockhaus) ein und übernahm von 1974 bis 2001 die Geschäftsleitung. Unter seiner Führung wurde die wortgetreue Übersetzung zwischen 1960 und 1985 gründlich überarbeitet.

Die Elberfelder Bibel gilt als eine der genauesten und zuverlässigsten deutschen Bibelübersetzungen. Zu Recht. Dieses Ziel stand den Übersetzern ja von Anfang an vor Augen. Im Vorwort der Erstausgabe von 1855 des Neuen Testaments heißt es: „Wohl möglich, daß wir manche Stelle in ein schöneres Deutsch hätten kleiden können; allein, ohne Sclaven der Wörter zu sein, leitete uns stets der Gedanke, daß eine möglichst treue Darstellung des Urtextes jede andere Rücksichtnahme überwiege.“

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Zuverlässiger Zugang zum Grundtext

Dem normalen Menschen, also dem Nichttheologen oder, wie man oft sagt, dem Laien einen zuverlässigen Zugang zum Grundtext der Bibel zu ermöglichen, war die Zielsetzung der Übersetzer in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In dem genannten Vorwort von 1855 heißt es: „Während nun der Gelehrte dasselbe (d. h. das Wort Gottes, Anmerkung der Red.) im Urtexte untersuchen kann, ist den Nichtgelehrten und des Urtextes Unkundigen dazu dieser Weg versperrt. Es war daher unser Bemühen und unser Zweck, diesen Letzteren hülfreich die Hand zu bieten und ihnen mit wenigen Kosten eine möglichst treue und genaue Darstellung des Wortes Gottes in ihrer eigenen Sprache darzureichen.“

Was dem „Laien“ den Atem verschlagen musste

Das also war das Ziel; und für dieses Ziel leisteten die Übersetzer (Carl Brockhaus, Julius Anton von Poseck, der Ire John Nelson Darby und der Holländer Hermanus Cornelis Voorhoeve) ein uns heute kaum vorstellbares Arbeitspensum. Und nicht nur der ungeheure Arbeitseinsatz (Voorhoeve zog sogar nach Köln, um näher beim Team zu sein), sondern auch das wissenschaftliche Niveau war erstaunlich. Das lässt das Vorwort von 1855 eindrucksvoll erkennen. Dieses Vorwort umfasst 27 Seiten, steckt voller Hinweise auf eine philologisch anspruchsvolle Vorarbeit und informiert den Bibelleser über die sprachlichen Hintergründe des Bibeltextes. Da wird über die Typen bzw. Gruppen der griechischen Handschriften informiert: den alexandrinischen und den konstantinopolitanischen Typus, über die alten Übersetzungen: die syrische und die „italische“ (altlateinische) Übersetzung, über die Entstehung der Vulgata. Die Prinzipien der Textkritik werden erläutert. Auf besondere Eigentümlichkeiten der griechischen Ausdrucksweise wird hingewiesen. Die Wahl der in der Übersetzung verwendeten deutschen Wörter wird begründet („Nationen“ statt „Heiden“, „Hades“ statt „Hölle“). Der Laie wird da in einer Weise ernst genommen, die ihm den Atem verschlagen musste.

In den Freikirchen verbreitet

Und immer ging Korrektheit vor Schönheit und Eleganz. Kein Wunder, dass diese als „Elberfelder Bibel“ bekanntgewordene Übersetzung – 1870 war auch das Alte Testament fertig – wegen ihrer Genauigkeit sehr bald eine weite Verbreitung fand, besonders im Raum der Gemeinschaften und der Freikirchen.

Jede Übersetzung veraltet

Doch jede Übersetzung veraltet, auch eine gute. Nehmen wir einmal an, es gäbe die perfekte Bibelübersetzung – wir wissen, es gibt sie nicht –, dann wäre die in zwanzig Jahren nicht mehr perfekt, einfach deshalb, weil sich die Zielsprache, also die Sprache, in die übersetzt wurde, inzwischen verändert hat. Und wenn das schon bei 20 Jahren der Fall ist, dann trifft das nach 100 Jahren natürlich noch viel mehr zu.

„Weib“ ist nicht mehr bedeutungsneutral

Das war die Situation, vor der man Mitte des 20. Jahrhunderts stand. Die Elberfelder Bibel war zwar bekannt, hatte einen guten Ruf als genaue Bibelübersetzung, aber sie war stilistisch manchmal unnötig hart und in der Wortwahl oft etwas altertümlich. Wer sie las, stieß immer wieder auf veraltete Wörter, die entweder unbekannt waren oder die inzwischen eine andere Bedeutung angenommen hatten als zur Zeit der ersten Übersetzer. Ich nenne hier nur das Wort „Weib“, das um 1850 noch bedeutungsneutral war, das um 1950 aber eine abfällige Bedeutung bekommen hatte. So waren die wesentlichen Ziele der Revision klar: veraltete und missverständliche Wörter ersetzen, unnötige sprachliche Härten mildern. Mit diesem Ziel also begann im Jahr 1960 die Revision.

Die Elberfelder wurde „generalüberholt“

Aber schon bald wurde deutlich, dass diese Zielsetzung nicht ausreichte. Einfach Wörter auswechseln war nicht genug. Denn erstens stehen diese zu ersetzenden Wörter fast immer in einem Zusammenhang, und den musste man ebenfalls neu übersetzen, und zweitens lag an manchen Stellen inzwischen ein besserer, d. h. besser bezeugter und daher zuverlässigerer, griechischer bzw. hebräischer Grundtext vor, der dann natürlich auch die deutsche Übersetzung veränderte. Ältere Handschriften waren entdeckt worden, z. B. die bekannten Qumran-Texte, die man 1947 und 1948 in Höhlen nahe am Toten Meer gefunden hatte. Sie bestätigten einerseits den bis dahin bekannten hebräischen Text des Alten Testaments auf eindrucksvolle Weise, enthielten andererseits aber auch einige ursprünglichere Lesarten und machten somit Änderungen der Übersetzung nötig. So wurde aus der ursprünglich einfacher gedachten Revision schließlich doch eine Art Generalüberholung der Elberfelder Bibel. Und die ganze Revisionsarbeit dauerte dann insgesamt 25 Jahre. 1960 hatte man angefangen. 1985 lag die „Revidierte Elberfelder Bibel“ fertig vor. Seit 1976 war Bernd Brockhaus, der spätere Alttestamentler an der Biblisch-Theologischen Akademie in Wiedenest, fest angestellter Sekretär der Bibelkommission. Er bereitete jeweils die Textstücke vor, die dann auf den monatlich stattfindenden, dreitägigen Klausurtagungen der Bibelkommission (die aus fünf bis sieben Personen bestand) besprochen und beschlossen wurden.

Was das leitende Grundprinzip war

Und all das unter dem leitenden Grundprinzip: so nahe am Grundtext wie möglich, jedoch ohne gegen die Regeln der deutschen Sprache zu verstoßen. Daneben gab es natürlich auch Einzelprinzipien, wie z. B. dies: Bilder und Metaphern müssen in der Übersetzung in jedem Fall erhalten bleiben.

Die Arbeit der Bibelkommission geht weiter

1985 lag die Revidierte Elberfelder Bibel fertig vor. Aber die Arbeit der Bibelkommission ging (und geht) weiter, wenn auch in anderer Weise als zur Zeit der großen Revision. Sie ist heute zu einer Art Textpflege geworden: Berichtigung von Fehlern, Berücksichtigung von neuen Grundtexterkenntnissen, Hinzufügung von Fußnoten etc. – der Textstand der Elberfelder Bibel verändert sich also, wenn auch nur wenig.

Auslegung sollte so gering wie möglich sein

Die Elberfelder Bibel will eine Übersetzung sein, keine Auslegung. Nun enthält bekanntlich jede Übersetzung immer auch ein Stück Auslegung, die eine Übersetzung mehr, die andere weniger. Aber gewissenhafte Übersetzer halten dieses unvermeidliche Stück Auslegung so klein wie möglich. Ein Beispiel soll das verdeutlichen:

Die erste Seligpreisung (Matthäus 5,3) lautet in der Elberfelder Bibel: „Glückselig die Armen im Geist...“; in der Lutherbibel: „Selig sind, die da geistlich arm sind; …“; in der Zürcher Bibel: „Selig die Armen im Geist - …“; in der „Guten Nachricht“: „Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten – …“; in der „Bibel in gerechter Sprache“: „Selig sind die Armen, denen sogar das Gottvertrauen genommen wurde, …“. Luther und Zürcher enthalten relativ wenig Auslegung, die „Gute Nachricht“ schon mehr und die „Bibel in gerechter Sprache“ am meisten. Natürlich ist Auslegung wichtig. Denn Auslegung ist Verständlichmachung, Weitergabe des verstandenen Wortes Gottes und daher allen Christen aufgetragen.

Übersetzen ist bescheidener

Aber Übersetzen ist etwas anderes als Auslegen. Das Übersetzen ist bescheidener, schlichter, in gewisser Weise „handwerklicher“ als das Auslegen. Ja, das Übersetzen ist gewissermaßen „Handwerk“, eine Art philologisches Handwerk. Und der Maßstab, an dem man eine Übersetzung messen kann, ist nicht so sehr Eingängigkeit, sondern die Orientierung am Ausgangstext, am Original, im Falle der Bibel am hebräischen bzw. griechischen Grundtext, und zwar als bescheidene, saubere und zuverlässige Arbeit. Darum hat man sich bei der Elberfelder Bibel bemüht, sowohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts als auch bei der Revisionsarbeit von 1960 bis 1985. Und nicht ganz ohne Erfolg: Man attestiert der Elberfelder Übersetzung „Unbestechlichkeit“. Ein hohes Lob.

(Autor: Dr. Ulrich Brockhaus)

Elberfelder Bibel in neuem Gewand

Die Elberfelder Bibel – eine Koproduktion des SCM R.Brockhaus Verlages und der Christlichen Verlagsgesellschaft Dillenburg – erscheint mittlerweile in einem neuen Gewand. Dabei fällt das zweifarbige Druckbild direkt ins Auge. Zwischenüberschriften, Anmerkungen, Kapitel- und Verszahlen sind in Blau gehalten. Auf diese Weise soll der Bibeltext noch klarer von den herausgeberischen Zusätzen unterscheidbar sein. Eine neue Typografie für die Überschriften unterstreicht diese Wirkung.
Die Elberfelder Bibel enthält mehr als 20.000 Verweisstellen. Diejenigen, die aus dem Alten Testament im Neuen direkt zitiert werden, sind jetzt farbig hervorgehoben. Dadurch kann man sie von den übrigen sinnverwandten Stellen abgrenzen. Diese Übersetzung hat weiterhin den Anspruch, so exakt wie nur möglich zu sein. Die neue Formulierung „Genauer gesagt: Elberfelder Bibel“ soll das auf den Punkt bringen.

Die Elberfelder Bibel kann über SCM: scm-shop.de | Tel. 07031 7414177 oder über die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg: cb-buchshop.de | Tel. 02771 83020 bestellt werden.

Darüber hinaus gibt es noch die „Elberfelder Übersetzung (Edition CSV Hückeswagen)“, die über die Christliche Schriftenverbreitung: csv-verlag.de | Tel. 02192 92100 bestellt werden kann. Bei ihr ist die Überarbeitung (1989–2003) zurückhaltender ausgefallen, so dass sie der ursprünglichen, nicht revidierten Elberfelder Bibel nähersteht.