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Musiker Arne Kopfermann
09. November 2019

„Warum ich kein Charismatiker mehr bin“

Der Lobpreismusiker Arne Kopfermann. Screenshot: YouTube/WorldVisionDE
Der Lobpreismusiker Arne Kopfermann. Screenshot: YouTube/WorldVisionDE

Friedrichsdorf (idea) – Der christliche Musiker Arne Kopfermann (Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main) lässt seine charismatischen Wurzeln hinter sich. Im sozialen Netz „LinkedIn“ veröffentlichte er in einer Vorab-Version den Artikel „Warum ich kein Charismatiker mehr bin“. Dieser soll im Januar in der Zeitschrift „AUFATMEN“ (SCM Bundes-Verlag, Witten) erscheinen.

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Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) erklärte Kopfermann, der christliche Glaube brauche Weite. Eine Engführung, die dem Leben nicht gerecht wird, würde verletzend wirken: „Wenn die eigene Lebenswirklichkeit mit theologischen Leitsätzen kollidiert, muss man seine Theologie hinterfragen.“

Der Vater des Musikers, Wolfram Kopfermann (1938–2018), war einer der führenden Vertreter der charismatischen Bewegung in Deutschland. Zehn Jahre lang amtierte er als Vorsitzender der (charismatischen) Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der EKD. 1988 verließ er die nordelbische Kirche wegen ihres „unerträglichen Pluralismus“ und gründete die Anskar-Kirche.

Den Leidenden wird doppelte Last auferlegt

In seinem Beitrag schreibt Arne Kopfermann, er sei als „Kind der charismatischen Bewegung“ Teil eines geistlichen Aufbruchs gewesen, der das Leben von Tausenden prägte. Im Laufe der Jahre seien ihm jedoch einige „Schattenseiten“ pfingstlerisch-charismatischer Spiritualität bewusstgeworden. 2014 verstarb Kopfermanns zehnjährige Tochter Sara nach einem Autounfall. Dies sei der schmerzhafteste Einschnitt seines Lebens und habe auch sein Gottesbild hinterfragt, so Kopfermann. Die Gebete Tausender um ein Wunder blieben unerhört. Weit verbreitete charismatische Heilungstheologie gehe jedoch davon aus, dass Gott auch heute grundsätzlich jeden heilen wolle, der im Glauben darum bittet.

Diese „Glaubenstheologie“ führe oft zu einem unbarmherzigen Umgang mit Krankheit und Leiden. Wenn Wohlstand oder Heilung trotz Gebetes ausblieben, werde dies oft mit mangelndem Glauben begründet. Damit werde dem Leidenden eine doppelte Last auferlegt. Er müsse nicht nur lernen, sein Los zu tragen, sondern sich auch noch Herz und Hirn zermartern, warum Gottes Zusagen nicht bei ihm griffen.

Vollmundigkeit kann zum Bumerang werden

Nach Worten Kopfermanns besitzt die spürbare Gegenwart Gottes in der charismatischen Bewegung einen hohen Stellenwert. Man könne aus der Bibel jedoch keine eindeutigen Muster ableiten, wie Gebet erhört werde. Eine Überbetonung der Nahbarkeit Gottes „ohne heilige Distanz“ führe zu einer Anbetungskultur, „in der oft unhinterfragt in denselben Superlativen von der eigenen Nachfolge gesungen wird wie von Gott selbst“ Diese Vollmundigkeit werde zum Bumerang, wenn der Glaube auf die Probe gestellt werde. Dann spüre man schmerzhaft die eigene Wankelmütigkeit und sehne sich nach einer weniger vorlauten Form der Anbetung.

Autoritätshörigkeit und gebieterischer Umgangsstil

Ferner kritisierte Kopfermann die Autoritätshörigkeit mancher charismatischer Gemeinden. Einige Pastoren hätten einen „mitunter recht gebieterischen Umgangsstil“. Zusammenarbeit in der Gruppe werde nicht sonderlich großgeschrieben, wohl aber Loyalität eingefordert. Kritik und Hinterfragen würden als Rebellion und mangelnde Unterordnung gebrandmarkt. Geistliche Mündigkeit werde nicht gefördert. Dass sich in den letzten 30 Jahren so viele charismatische Gemeinden gespalten hätten, sei eine fast logische Folge. Geistliche Leiter brauchten das Korrektiv der Gemeinschaft.