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Gelassenheit, Gottvertrauen und Geduld
12. Februar 2021

Im Zeitalter der Angst

Prof. Dr. Samuel Pfeifer (li.). Wie im Schneegestöber: Wir brauchen auch in der Pandemie Markierungen am Wegrand. Fotos: ZVG; SHUTTERSTOCK/LASEN DOLTSHINKOV
Prof. Dr. Samuel Pfeifer (li.). Wie im Schneegestöber: Wir brauchen auch in der Pandemie Markierungen am Wegrand. Fotos: ZVG; SHUTTERSTOCK/LASEN DOLTSHINKOV

(IDEA) - ln meiner Sprechstunde ist Corona allgegenwärtig. Kaum jemand, der nicht auch seelisch davon betroffen wäre. Corona hat sich als schwere Last auf die Menschen gelegt. Insbesondere sensible Menschen leiden unter einer enormen Angst. Sie lesen jeden verfügbaren Artikel und steigern sich in die Gefahrenwelt hinein, weit über jede sinnvolle Vorsicht hinaus. Nicht wenige isolieren sich völlig von anderen Menschen und vereinsamen weit über das notwendige Mass hinaus.

Angst hat viele Gesichter. Einerseits gehört sie zum Menschen; sie schützt uns vor Gefahren. Wenn sie aber entgleist, dann wird sie zum seelischen Gefängnis, zum „tiefen schlammigen Wasser, wo kein Grund mehr ist“, wie dies schon David in Psalm 69 beklagte.

Neue Formen der Angst

Bei Corona zeigt die Angst eine Vielfalt von Ausdrucksformen. Ich beobachte aktuell eine Trias von drei A: Angst, Abwehr und Aggression. Wenden wir uns der Abwehr zu: „So schlimm kann es nicht sein!“ „Mich trifft es nicht!“ Die Bilder überfüllter Krankenhäuser werden ausgeblendet, die dramatischen Berichte des Pflegepersonals ignoriert. In ihrem Unverwundbarkeits-Gefühl gefährden Menschen in Abwehr sich selbst und andere. Ist ihre Abwehr nur eine andere Form von Angst?

Doch die Abwehr kann sich auch zur Aggression steigern. Der Lockdown gibt ein Gefühl des Eingesperrtseins und der Bevormundung. Der Freiheitsdrang bricht sich Bahn in Demonstrationen und bewusstem Bruch der Regeln. Propheten der Endzeit bekommen eine neue Plattform. In den Chatgroups des Internets tauschen sie ihre Botschaften aus, säen Zweifel an den Massnahmen und malen statt der Hoffnung auf eine Überwindung der Pandemie bewusst „den Teufel an die Wand“, auch wenn der manchmal das Gesicht von Bill Gates hat. Somit zeigt sich in der Corona-Pandemie eine neue Form der Angst, die weit über die Krankheit hinausgeht: tiefsitzende Ängste vor Weltuntergang und Zerstörung unserer Zivilisation. Dies verbaut auch den Blick für Wege aus der Krise. Es ist eine Tragik, dass einzelne Splittergruppen unter den Freikirchen die Angst vor dem Impfstoff schüren, mit diffusen Ängsten, unbegründeten Vorbehalten, mit einer Kombination von alternativmedizinischer Pseudowissenschaft und apokalyptischen Szenarien.

Vom Umgang mit der Wissenschaft


In der Not kann die Logik nicht trösten. Aber müssen wir deshalb jedem Zweifel Raum geben? Wie sollen wir als Christen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fortschritten umgehen? Im Schneegestöber geben rote Signalpfosten entlang der Strasse eine gewisse Orientierung. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind solche Markierungen am Wegrand. Darauf stützt sich die Politik, um die Zahl der Ansteckungen zu reduzieren. In kurzer Zeit wurden neue Medikamente entwickelt, die den Verlauf der Krankheit deutlich mildern. Nun gibt es auch Impfstoffe, die uns längere Zeit gegen den Befall mit dem Virus schützen sollen. Die Ergebnisse sind ermutigend, die Nebenwirkungen bei Millionen Geimpften äusserst gering und in keinem Verhältnis zur Schwere der Krankheit. Für uns alle wird das Leben dadurch besser. Wir tun gut daran, uns mit bewährten Mitteln zu schützen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Wer sich schützt, ist nicht ein Angsthase, sondern eine Person, die die Warnsignale ernst nimmt und umsetzt. Gerade, wenn man auch die Sicherheit und das Wohl von geliebten Menschen im Auge hat, wird man umso mehr alles tun, um eine gefährliche Erkrankung zu vermeiden.

Gelassenheit, Gottvertrauen, Geduld

So plädiere ich für eine Trias von drei G: Gelassenheit, Gottvertrauen und Geduld. Ich plädiere für Gelassenheit als Gegengewicht zu dieser totalen Fixierung des Lebens auf Corona. Es stimmt: Corona ist eine grosse Gefahr; ja – ich bin nicht unverwundbar; ich versuche mich zu schützen, so gut ich kann. Aber ich habe keine Garantie davor, nicht auch selbst zu erkranken. Mein Leben ist in Gottes Hand.

Vielleicht fällt eine solche Sichtweise demjenigen leichter, der bereits dem Tod ins Auge geschaut hat. Auch als Wissenschaftler und Facharzt brauche ich nicht nur Daten, sondern ein Grundvertrauen auf Gott, der mitten im „Schnee­gestöber“ bei uns ist. Den tiefsitzenden Ängsten vor Weltuntergang setze ich die Hoffnung entgegen, dass Gott über allem steht, und dass er mich führt. Ein Liedvers von Dietrich Bonhoeffer begleitet mein Leben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Aus einer Fabel ist folgende Geschichte überliefert: Da kommt ein Mann zum Rabbi und fragt: „Soll ich mein Reittier anbinden oder soll ich Gottvertrauen haben? Der Rabbi antwortet: „Binde es an und hab Gottvertrauen!“ Was lernen wir daraus? Beides ist wichtig: Achtsamkeit und Selbstschutz, mir und anderen zuliebe, aber auch das Vertrauen, dass Gott da ist, komme, was da wolle. Gepaart mit Geduld werden wir miteinander diese dunkle Zeit von Corona überwinden.
(Autor: Samuel Pfeifer)

Prof. Dr. Samuel Pfeifer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und lebt in Riehen.


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