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Was den Menschen von Gott trennt
29. Januar 2019

Die Sünde im Fokus

AfbeT-Leiter Jürg Buchegger (li.), Thorsten Dietz: Was trennt die Menschen von Gott? Foto: idea/David Gysel
AfbeT-Leiter Jürg Buchegger (li.), Thorsten Dietz: Was trennt die Menschen von Gott? Foto: idea/David Gysel

Aarau (idea) - "Sünde ist das zweitwichtigste Thema der Bibel." In der heutigen Verkündigung und im modernen Liedgut spiegelt sich dies aber überhaupt nicht wider. Für Professor Thorsten Dietz aus Marburg besteht ein tiefer Notstand, wie man heute über Sünde spricht. Das Wort sei "abständig und vergiftet". Daran änderten auch Schlagworte wie "Umweltsünden" und "Dopingsünden" nichts. Es habe für viele den Beigeschmack, dass man Menschen bewusst schlechtrede, um ihnen dann die Erlösung anpreisen zu können. Mit seinem populär gehaltenen Buch "Sünde - Was Menschen heute von Gott trennt" (2016) weckte der 48-Jährige die Aufmerksamkeit der Arbeitsgemeinschaft für biblisch erneuerte Theologie AfbeT und des IGW. Rund 100 Theologinnen und Theologen sowie Studierende des IGW hörten am 26. Januar viel mehr als eine Reprise des Buches.

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Häufigster Grund für Streitgespräche

Während zum Thema Sünde meistens auf Texte von Paulus zurückgegriffen wird, richtete Dietz in seinem ersten Vortrag den Blick darauf, was in den Evangelien zu lesen ist. Mit seinem Umgang mit "Sündern" habe Jesus am häufigsten Streitgespräche ausgelöst. Sünde als Übertretung des Gesetzes zu definieren, ist für Dietz zwar nicht falsch, aber unvollständig. Während in der Thora die Menschen durch vieles von aussen verunreinigt würden, erklärte Jesus die Sünde zu einer Herzenssache: "All dies Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen unrein" (Mk. 7,23). Mit Sätzen wie "wenn ihr nicht Busse tut, werdet ihr alle ebenso umkommen" habe Jesus betont, dass die Sünde alle betreffe. Jesus habe aber die Menschen nicht einfach schlechtgeredet. Wenn Jesus gesagt habe: "Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst", so würden Menschen tatsächlich auch Gutes tun.

Sünde als Lüge

Jesus brachte Sünde oft in den Zusammenhang mit Lüge. Häufig sprach er Menschen mit "ihr Heuchler" an. Heuchelei ist für Dietz eine Art von Selbstmarketing, etwas scheinen wollen, was man nicht ist. Es ist eine unbewusste kommunikative Praxis, "ein blinder Flugmodus", aus einer gewissen Not. Wenn man bewusst heucheln würde, würde man die eigene Abhängigkeit von anderen bemerken. Auch der Hochmut sei eine Selbsttäuschung. Der Hochmütige glaube sich wirklich gut. Jesus habe im Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner nicht das Gute im Pharisäer kritisiert, sondern das Fehlen paralleler Sündenerkenntnis.

Blind, süchtig, träge

"Während wir gerne Feindbilder, 'Sündbilder' wie Gender, Neoliberalismus, Populismus etc. pflegen, bezieht die christliche Lehre der Sünde alle mit ein", ist Dietz überzeugt. Wir sähen uns gerne als verkannten Teil der Lösung, müssten uns aber mit Selbstkritik und Reue beschäftigen. Anhand der Kino-Serie "Breaking Bad" erklärte der Theologe, wie auch Selbstschutz, psychologisch oder physisch, Sünde sein könne. Auch Sucht betreffe nicht nur Rauschgift, sondern "das Machtgefühl, Dinge in der Hand zu haben". Mit der Aussage von Jakobus: "Wer weiss Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde", sprach Dietz zum Schluss seiner fundierten und humorvollen Vorträge die menschliche Trägheit an. (Autor: David Gysel)

 

 

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