Donnerstag • 25. Februar
Prof. Jacob Thiessen an der STH Basel
12. Februar 2021

Als Neutestamentler ins Hebräische vertieft

Jacob Thiessen liest die Bibel auch in Hebräisch. Foto: zvg
Jacob Thiessen liest die Bibel auch in Hebräisch. Foto: zvg

(IDEA) - Warum beschäftigen Sie sich als Neutestamentler mit der hebräischen Sprache und dem Alten Testament, Jacob Thiessen?

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Ich habe vor rund sechseinhalb Jahren angefangen, Neuhebräisch zu lernen. Dann habe ich begonnen, die neuhebräische Übersetzung des Neuen Testaments durchzuarbeiten, um so meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Mir hat das sprachlich und biblisch-theologisch sehr viel gebracht. Die Teilnehmer meiner bisher durchgeführten Lektürekurse zu Matthäus und zur Offenbarung haben bestätigt, dass genau das auch für sie zutrifft. Die hebräischen Texte nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören, erachte ich als eine weitere Bereicherung. Die Kluft zwischen dem Hebräischen der Bibel und dem Neuhebräischen ist übrigens relativ klein. Manche neuhebräischen Aspekte oder Wörter kommen zwar nicht im Alten Testament, aber in antiken jüdischen Texten bereits vor. Das betrifft wiederum zumindest zum Teil direkt das Neue Testament.

Wie kamen Sie als Professor für Neues Testament dazu, das ganze Alte Testament in seiner Ursprache Hebräisch durchzuarbeiten?

Als ich mit dem hebräischen Neuen Testament fertig wurde, war mir inzwischen klar, dass ich das Alte Testament durcharbeiten und dadurch obendrein meine Kenntnisse der neuhebräischen Sprache vertiefen wollte. Damit lerne ich auch verwandte Wörter in ihrem biblischen und neuhebräischen Gebrauch. Das hat schon zu sehr vielen spannenden Erkenntnissen geführt.

Was überraschte Sie bei dieser Lektüre am meisten?

Jesus wurde zum Beispiel als „Schlemmer und Säufer“ beschimpft. Beim Hören von 5. Mose 21,20 merkte ich, dass dort genau diese Beschreibung für einen schlimmen Verbrecher, der gesteinigt werden sollte, gebraucht wird. Nach 1. Mose lagen Sodom und Gomorra einst im „Kreis am Jordan“. Beim Hören von 5. Mose 34,4 habe ich realisiert, dass dieser „Kreis“, hebräisch kikkar, mit der Jericho-Talebene auf der Nordseite des Toten Meeres  identisch ist. Dieser „Kreis am Jordan“ erscheint auch in Matthäus 3,5 und Lukas 3,3 im Zusammenhang mit dem Wirken des Täufers Johannes. Das ist theologisch ebenfalls spannend.

Was bedeutet dies für Christen, die weder Griechisch noch Hebräisch können?

Ich habe ein Skript für den Lektürekurs zur Johannes­offenbarung unter anderem mit alttestamentlichen „Hintergrundtexten“ oder Paralleltexten zu den einzelnen Aussagen zusammengestellt. Dieses Skript stelle ich im Internet allgemein zur Verfügung. Ich war überrascht, dass fast jede Aussage der Offenbarung einen alttestamentlichen „Hintergrund“ hat. Das zu sehen, hilft, die Aussagen zu verstehen, ohne sie spekulativ zu deuten. Ansonsten möchte ich Bibellehrer der Gemeinden unterstützen, die biblische Botschaft noch breiter und tiefer zu verstehen und zu lehren.
(Interview: David Gysel)

Am 25. Februar startet Jacob Thiessen online einen Lektüre-Kurs zum neuhebräischen Text des Matthäusevangeliums. Grundkenntnisse in Bibel- oder Neuhebräisch sind Voraussetzung für eine Teilnahme.