Samstag • 20. Oktober
500 Jahre Reformation
26. September 2018

Zürcher Gassenküche für alle

Begegnungen in der Gassenküche sind bis Ende Oktober möglich. Foto: Foto: Daniel Wagner
Begegnungen in der Gassenküche sind bis Ende Oktober möglich. Foto: Foto: Daniel Wagner

Zürich (idea/dw) - "Iss mit - die mobile Gassenküche unterwegs im Zürcher Stadtraum" ist eines der zahlreichen Jubiläumsprojekte von 500 Jahre Reformation in Zürich. An acht Standorten und 16 Tagen bedient diese Küche Plätze und Quartiere noch bis zum 26. Oktober 2018. Vier engagierte Frauen aus den Bereichen Kunst und Stadtforschung zeichnen für das Projekt verantwortlich. Was das mit Zwingli zu tun hat? Nun, bis zum Jahr 1525 kümmerten sich die Kirchen um die Versorgung der Bedürftigen. Mit dem Erlass der Almosenverordnung im Jahr 1525, den Zwingli entscheidend mit beeinflusst hat, wurden die Klöster aufgelöst. Das gesamte Vermögen wurde dem Staat übertragen, der dadurch gleichzeitig in die Pflicht genommen wurde, sich den Bedürftigen anzunehmen und Hilfe zu leisten.

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Gassenküche findet grossen Anklang

idea nimmt an einem herrlichen Spätsommerabend einen Augenschein auf dem belebten Marktplatz in Zürich-Oerlikon. Dort herrscht Multikulti pur. Menschen aus vielen Nationen unterhalten sich oder spielen Schach. Da passt die Gassenküche wunderbar ins Bild. Sie findet grossen Anklang. Die Leute staunen nicht schlecht, als ihnen eine kostenfreie Mahlzeit "einfach so" angeboten wird. "Ein Gratisessen, so etwas habe ich hier noch nie erlebt", sagt ein Mann afrikanischer Herkunft hocherfreut in perfektem Schweizerdeutsch.

Leiser Hinweis auf Nahrungsmittelverschwendung

Die Stadtmacherin Anna Brückmann, die zusammen mit Stina Kasser mit der nordafrikanischen Speise Couscous an Gemüsesosse und weiteren Speisen für das Wohl der Gäste sorgt, erklärt: "Wir möchten Interessierte dafür sensibilisieren, dass in unserer Überflussgesellschaft viel zu viele Lebensmittel fortgeworfen werden. Dank Essensspenden beispielsweise von Restaurants und Supermärkten ist unser Projekt möglich geworden." Mit dem Heraustragen dieser Thematik möchten die Macherinnen auch darauf hinweisen, dass existenzielle Armut heute nicht mehr so sichtbar ist wie früher. Es gehe aber auf keinen Fall darum, Menschen am Rand der Gesellschaft in irgendeiner Weise stigmatisieren, zu diskreditieren.

Das Bewusstsein Wecken für Food Waste und Armut

Die mobile Gassenküche will das Bewusstsein für den Wert der Lebensmittel und für den Wert des Essens wecken und in eine aktive Auseinandersetzung führen mit den eher versteckten Gassenküchen sowie der heute noch existenten Armut in Zürich. Und so zieht die mobile Gassenküche in diesen Tagen durch Zürich. Halt macht sie auf öffentlichen Plätzen, wo sie um Mithilfe bittet. Dies in Form von Essensspenden (Reste vom Vortag), Strom, der Bereitstellung sanitärer Anlagen und Wasser.

Ein Schicksal

Dann geschieht das, womit ich nicht gerechnet habe. Während sich jung und alt über Gott und die Welt unterhalten, nimmt eine Frau am Rand des Tisches neben mir Platz. Besonders das umfangreiche Gepäck mit Trolley und grossen Taschen lassen vermuten, dass ihre Umstände schwierig sein dürften. Lebt sie auf der Strasse? Welches ist ihr Schicksal, welches ihre Lebensgeschichte? Frage um Frage geht mir durch den Kopf. Die Schweizerin wirkt abweisend, schaut niemanden aus der Tischrunde an, reagiert auch nicht auf die zaghaften Versuche, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aus Respekt ziehe ich mich bewusst zurück, journalistischer Wissensdurst hat hier keinen Platz. Stattdessen zeigt sie sich dankbar für das Essen, unterhält sich intensiv und offensichtlich vertrauensvoll mit einer der Projekt-Macherinnen. Von Frau zu Frau lassen sich Sorgen leichter teilen.

Abgang mit Fragen

Nach dem ausgelassenen Abend und guten Gesprächen mit Anderen sage ich auch dieser jungen Frau mit einem Händedruck adieu. Ihr höfliches, und doch bedrückt wirkendes Lächeln wirft in mir weitere Fragen auf. So auch jene, weshalb es in der reichen Schweiz nicht allen Menschen vergönnt ist, ein Dach über dem Kopf zu haben. (Autor: Daniel Wagner)

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