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„Let’s talk about Gender“
09. März 2017

Theologinnen hinterfragen Geschlechterrollen mit Comic

Comic in „Let's talk about gender“
Comic in „Let's talk about gender“

idea (rp/sys/kath.ch)  Im ersten biblischen Schöpfungsbericht stehe "rein gar nichts von Frauenrollen und Männerrollen", sagt die junge Frau im Comic. Ihr Kollege fragt: "Und wieso ist das so wichtig für dich?" Sie antwortet: "Weil in Gottes Schöpfung nicht festgelegt ist, was weiblich und männlich ist! Und mir also niemand vorschreiben kann, wie ich als Frau sein soll." Der Kollege reagiert begeistert: "Yeah". Ein anderer versprüht Herzen für die Kollegin und versieht ihr in Gedanken einen Heiligenschein.

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Gender in "offener christlicher Form"

Die Szene stammt aus der Comic-Broschüre "Let's talk about gender". Diese kam zum Internationalen Frauentag vom 8. März heraus. Sie wurde von fünf Theologinnen initiiert, die in kirchlichen und feministisch-theologischen Organisationen engagiert sind: Regula Grünenfelder von der Frauenkirche Zentralschweiz, Regula Ott vom Schweizerischen Katholischen Frauenbund, Doris Strahm von der Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen, Béatrice Bowald von der Feministisch-theologischen Zeitschrift Fama und Maria Oppermann von der Reformierten Kirche Kanton Zug. Den integrierten Comic zeichnete Kati Rickenbach. Über das Thema Religion und Gender wird zu wenig gesprochen und publiziert", erklärt Regula Grünenfelder. Und wenn, dann oft in ablehnender Art. Da werde die Gender-Theorie als "Genderismus" verunglimpft. "Wir aber wollen Gender in seiner offenen christlichen Form aufzeigen", so Grünenfelder.

Jede Form des Menschseins ist "gute Schöpfung"

Der erste biblische Schöpfungsbericht legt laut den Theologinnen keine Geschlechterrollen fest. "Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass alle Ausprägungen des Menschseins auch als gute Schöpfung Gottes zu begreifen sind", schreiben sie und erwähnen dazu eine homosexuelle Neigung oder Menschen mit intersexuellen Merkmalen. Es gebe "die beiden Pole Mann - Frau und dazwischen eine Bandbreite von Ausprägungen", sind die Theologinnen überzeugt. Die Theologinnen basieren ihren offenen Umgang mit dem weiblichen und männlichen Menschsein auf der christlichen Befreiungstradition. "Die Menschen sind nach jüdisch-christlicher Auffassung zur Freiheit berufen. Also haben sie ihr Menschsein, einschliesslich ihrer Geschlechtlichkeit, in Freiheit zu gestalten", schreiben sie in der Broschüre. Grünenfelder verweist in diesem Zusammenhang auf Bibelstellen, die zur Befreiung aufrufen. Sie nennt "Ihr seid zur Freiheit berufen, Geschwister" (Galaterbrief, Kapitel 5, Vers 13), die Entlassung einer Frau aus dem Sklavenstand (3. Buch Mose 19,20) und die Befreiung von Gefangenen (Lukasevangelium, 4,18).

Kritiker: "Willkürliche Interpretation"

Dominik Lusser, Leiter des Bereichs Familienprojekte und Redaktor bei der Stiftung "Zukunft CH", hält diese Interpretation für "sehr willkürlich". Seine Kritik setzt bereits bei der Übersetzung an:  In den meisten Übersetzungen heisse es treffender: "Als Mann und Frau schuf er sie." Die Bandbreite, welche die beiden Pole männlich und weiblich suggerierten, stehe nämlich in direktem Widerspruch zum nachfolgenden Vers (Gen 1,28), den die Theologinnen in der Broschüre ausgespart hätten: "Seid fruchtbar und vermehrt euch". Für die Vermehrung brauche es einen Mann und eine Frau.

Nicht Gottes Schöpfungsabsicht

Den Einwand, dass die Broschüre nicht bestreite, dass Mann und Frau aufeinander bezogen sind, sondern für eine grössere Vielfalt plädiere, lässt Lusser nicht gelten. Er erläutert dies am Beispiel der Intersexualität: "Gemäss der Broschüre gehört Intersexualität (Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen) zum ursprünglichen Schöpfungsplan Gottes." Genau dies bestreitet Lusser. Intersexualität sei für die Betroffenen mit viel Leid verbunden. Es sei nicht vorstellbar, dass das Gottes Schöpfungsabsicht gewesen sei. Vielmehr sei jegliches Leid erst durch den Sündenfall in die Welt gekommen. Lusser findet es geradezu zynisch, "eine WHO-klassifizierte Krankheit wie Intersexualität" als Beispiel für die Vielfalt von Gottes Schöpfung hinzustellen.

Gemäss den Theologinnen sind die Menschen "nach jüdisch-christlicher Auffassung zur Freiheit berufen". Daraus leiten sie ab, dass die Menschen "ihr Menschsein, einschliesslich ihrer Geschlechtlichkeit, in Freiheit zu gestalten hätten". Lusser sieht darin geradezu eine "Reduktion des Menschen auf Freiheit". Zwar sei der Mensch im Unterschied zum Instinktwesen Tier durchaus zur Freiheit berufen, "jedoch gibt die Natur gewisse Vorgaben." Das biologische Geschlecht etwa sei eine wesentliche Prägung, die der Mensch mitbekommen habe. "Es ist eine Berufung, eine Aufgabe, Frau oder Mann zu sein."

"Ideologische Scheuklappen"

Zusammenfassend hält Lusser die Broschüre für ein "typisches Produkt aus der Genderecke: Es wird gesagt, es gehe nur um das soziale Geschlecht, englisch 'gender', aber eigentlich wird das biologische Geschlecht für praktisch irrelevant erklärt". Diese Marginalisierung des biologischen Geschlechts bezeichnet Lusser denn auch als den grössten Irrtum der Gender-Verfechter. Er sieht darin eine gewisse "Leibfeindlichkeit", die er als Neuauflage der Gnosis bezeichnen würde. Diese Lehre aus dem 2. und 3. Jahrhundert vertrat einen starken Dualismus von Gut und Böse, wobei besonders die Materie - und damit der Körper - als etwas Böses angesehen wurde.

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