Mittwoch • 20. März
Ausstellung im Landesmuseum Zürich
15. März 2019

„Sündenbock“ – Kollektive Gewalt gegen Einzelne

Schädelfragmente sowie ein Skelett von Pfahlbauer-Kindern der Bronzezeit um 900 vor Christus. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum.
Schädelfragmente sowie ein Skelett von Pfahlbauer-Kindern der Bronzezeit um 900 vor Christus. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum.

Zürich (idea/dg) – Vom 15. März bis zum 30. Juni 2019 kommen im Landesmuseum Zürich urzeitliche Menschenopferungen, Lynchmorde auf dem Scheiterhaufen oder auch die Gewalt unserer Zeit zur Sprache. Eine Ausstellung unter dem Titel „Sündenbock“ untersucht kollektive Gewalt von Gruppen gegen Einzelne, von der Vorzeit bis in die Gegenwart mit – die Form der Gewalt verändert sich je nach Kultur.

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Gemeinschaftsgefühl auf Kosten anderer

Der Sündenbock-Mechanismus ist laut den Ausstellern nicht erst ein Phänomen der Moderne. Menschengruppen brauchen seit jeher Sündenböcke. „Wenn eine Gemeinschaft ihre Aggression auf ein einzelnes Opfer konzentriert, festigt sie damit ihren Zusammenhalt“, schreibt das Landesmuseum in einer Mitteilung. Katastrophen, Missernten, aber auch Neid und Frustration könnten in einer Gemeinschaft zu Gewalt führen. „Oft einigt man sich in solchen Situationen bewusst oder unbewusst auf ein Opfer und projiziert die alleinige Verantwortung für die Krise auf dieses. Meist sind es die Aussenseiter oder die Schwachen – Kinder, Behinderte, Fremde, Frauen –, auf die sich die Hetze konzentriert.“

Gladiatorenkämpfe und Kinderschädel

Neben Hexenverbrennungen geht es auch um den Kampf der Gladiatoren im alten. Er entspringe dem Brauch, zu Ehren von Verstorbenen einen Menschen zu opfern: Kriegsgefangene mussten während der Totenfeier gegeneinander kämpfen – auf Leben und Tod. In Zeiten grosser Not opferten auch die Griechen ihren Göttern von Zeit zu Zeit einen Menschen.
Die in der Ausstellung präsentierten archäologischen Funde einer Pfahlbauersiedlung in Süddeutschland zeigen Fragmente von Kinderschädeln. Die jungen Menschen wurden getötet. Der Schluss liegt für die Aussteller nahe, dass es sich auch in diesem Fall um Menschenopfer handelt, vielleicht um eine drohende Überschwemmung abzuwenden.

Anders als die Mythen

Neben Gewalt und deren Kanalisierung auf Einzelne thematisiert die Ausstellung allerdings auch jene Kräfte, die sich der Gewalt entgegengestellt haben. Die Zehn Gebote des Alten Testaments werden aufgenommen. „Der jüdische Glaube deckt im zehnten Gebot die Triebfeder auf für Missgunst, Rivalität und Aggression“, nämlich das ständige Begehren des Menschen, alles besitzen zu wollen, was andere haben, heisst es im Audio-Guide der Ausstellung. „Über zwanzig Mal ist in der hebräischen Bibel von Menschenopfern die Rede. Anders als in den Mythen wird jetzt versucht, die Gewaltspirale zu durchbrechen.“ Und gemäss dem 3. Buch Mose „sollen Gemeinschaften ihre Sünden nicht auf Menschen, sondern auf einen Bock übertragen – auf den Sündenbock – und diesen in die Wüste treiben.“
In den Schriften des Neuen Testaments sehen die Aussteller einen weiteren Weg aus der Gewaltspirale. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“ – dieser Satz aus dem Johannesevangelium wird im Audio-Guide aufgenommen. Und zur Passionsgeschichte wird gefragt: „Was unterscheidet die Bibel von den alten Mythen? Das Neue Testament sorgt sich um das leidende Opfer. Es nimmt erstmals die Perspektive des Gehetzten und Gegeisselten ein. Die Leiche des Sündenbocks, Jesus von Nazareth, wird vom Kreuz abgenommenen und jetzt beweint, betrauert und beklagt.“

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