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Reformation im Appenzellerland
20. April 2017

Steine flogen durch die Kirche von Appenzell

Die Reformation löste in Appenzell heftige Diskussionen aus: Josef Rechsteiner erforscht die Geschichte. Foto: zvg/AV
Die Reformation löste in Appenzell heftige Diskussionen aus: Josef Rechsteiner erforscht die Geschichte. Foto: zvg/AV

Josef Rechsteiner, wie kommt ein Küchenbauer und Schreiner dazu, sich so intensiv mit der Reformation zu beschäftigen?
Als ich 20 war, fand ich zum Glauben an Jesus Christus. Immer wenn ich von Appenzell nach St. Gallen fahre, komme ich vor Gais an der Grenze zwischen den beiden Appenzell vorbei. Die Frage bewegte mich damals stark, warum wir zwei Kantone Appenzell haben. Die Christen reden ja viel von Nächstenliebe und gegenseitigem Respekt. Bis man einen Kanton teilt, braucht es massive Meinungsverschiedenheiten. Darum habe ich mich vor 37 Jahren aufgemacht, um nach der Reformation und der Trennung der beiden Kantonsteile zu forschen.

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Mit 20 haben Sie Ihre persönliche Reformation erlebt …
Nach einer intensiven Zeit der Berufsausbildung verspürte ich innerlich eine grosse Unruhe und Unzufriedenheit. Meine Schwester, die schon vorher zum Glauben gekommen war, lud mich an eine Filmevangelisation in Herisau ein. Dort bekehrte ich mich zu Jesus. Es war alles Neuland für mich, doch es kam ein tiefer Friede in mein Herz. Eine einschneidende Erfahrung für mich.

Was fesselt Sie an der Appenzeller Reformationsgeschichte?
Mich beeindruckt, wie stark das Volk an der Appenzeller Reformation beteiligt war. Alle wichtigen Entscheide wurden an der Landsgemeinde beschlossen. Sie war politisch schon damals die oberste Autorität, im Gegensatz zu Zürich oder St .Gallen, wo der Stadtrat bestimmte. Bei uns spielte das Volk eine zentrale Rolle. Und es gab drei Flügel der Reformation: die neue Lehre nach Zwingli, das Täufertum und die katholische Gegenreformation.

Wie soll man sich Appenzell am Anfang des 16. Jahrhunderts politisch und wirtschaftlich vorstellen?
1513 trat Appenzell der Eidgenossenschaft bei. Die Aussengrenzen entsprachen genau den heutigen Kantonsgrenzen. Politisch gab es verschiedene Rhoden. Daraus entstanden später die Bezirke als kleinste politische Einheiten. Wirtschaftlich lebte man vorwiegend von der Landwirtschaft. Dazu kam da und dort eine Wirtschaft. Eine grosse Rolle spielte die Reisläuferei, also der Söldnerdienst. Auf den Höfen war es meistens so, dass ein Sohn ins Kloster ging und ein anderer den Hof übernahm. Die andern Söhne traten als Söldner in fremde Dienste oder wanderten aus.

Warum war diese ländlich geprägte Bevölkerung so offen für die neuen Lehren von Luther und Zwingli?
Die Appenzeller haben eine wissbegierige Natur. Alles wird „hinderschi und fürschi“ geprüft, auch heute noch. Es gab auch viele Missstände. Das Pfründenwesen war weit verbreitet. Viele Pfarrer standen im kirchlichen Dienst, weil er gut bezahlt war. Die Kirche löste im Volk viele Fragen aus, die durch die neuen Lehren beantwortet wurden.

Wie war es möglich, dass diese Lehren so schnell verbreitet werden konnten?
Bereits 1522 kamen von Basel her grosse Fässer mit Missionsliteratur ins Appenzellerland. Mitbeteiligt war Jakob Grebel aus Zürich, der einen guten Kontakt zu Joachim Vadian, dem Stadtreformator von St.Gallen, hatte. Dieser vermittelte die Literatur weiter zu Pfarrer Hess in Appenzell. Ein anderer Punkt waren neugläubige Pfarrer wie Walter Klarer aus Hundwil, die von der Universität kamen. Bald entstand auch eine starke Laienbewegung. Besonders wichtig waren Wallfahrtsprediger wie Balthasar Hubmaier. Er bewegte sich dann ab 1525 im dritten Flügel der Reformation, der Täuferbewegung. Hubmaier predigte zweimal in Appenzell. Danach war auch die Regierung überzeugt davon, dass das Schriftprinzip eine gute Sache sei. Sie meinten, so könne die entstandene Unruhe gemildert werden. (Interview: Andrea Vonlanthen)

Lesen Sie im ausführlichen Interview im Wochenmagazin ideaSpektrum Nr. 16-17, warum Steine durch die Appenzeller Dorfkirche flogen, was das «Kirchöriprinzip» ist und was es bewirkte, dass die Teilung des Hügellandes ohne Blutvergiessen ablief.

Zur Person: Josef Rechsteiner
Jahrgang 1960, aufgewachsen und wohnhaft in Appenzell, verheiratet mit Sonja, drei erwachsene Kinder. Lehre als Möbelschreiner, berufliche Wanderjahre und Weiterbildung mit Abschluss als diplomierter Schreinermeister. 1993 Übernahme der elterlichen Schreinerei mit heute fünf Mitarbeitern. Als Schreiner und Küchenbauer weit über das Appenzellerland hinaus tätig. Schon früh grosses Interesse an philosophischen und historischen Fragen. Befasst sich in der Freizeit seit 1980 mit der Landteilung von Appenzell. Autor des Buches „Die Teilung des Landes Appenzell“. Bietet historische Dorfführungen in Appenzell an. Intensive Forschung der Appenzeller Reformationsgeschichte. Betreut eine Internetseite zur Reformation.

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