Mittwoch • 12. August
Debatte in Schweden
15. Juli 2020

Sexuelle Identitätsstörung oft nicht die einzige Störung

Metrostation in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Bild: unsplash/Norman Tsui
Metrostation in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Bild: unsplash/Norman Tsui

Stockholm (idea/dg) – Sexuelle Identitätsstörungen haben bei Teenager-Mädchen in Schweden in den letzten Jahren exponentiell zugenommen. Nach einem Bericht der schwedischen Gesundheitsbehörde im Februar 2020 über die Störungen, auch sogenannte Gender-Dysphorien genannt, nahm diese Debatte in Schweden eine teilweise neue Richtung. Fachleute und zum Teil neugewählte Politiker äussern sich vermehrt kritisch zum Gesetzesprojekt, das den Geschlechtswechsel ohne elterliche Kontrolle ab 15 Jahren statt wie bisher ab 18 Jahren erlauben soll.

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Der Bericht der Gesundheitsbehörde erwähnte unter anderem, dass 32,4 Prozent der 13- bis 17-jährigen bei der Geburt als Mädchen Registrierten, die an einer Gender-Dysphorie leiden, auch mit Angststörungen diagnostiziert seien, 28,9 Prozent mit Depressionen, 19,4 Prozent mit ADHD/ADHS, und 15,2 Prozent mit Autismus.

Neuer Premierminister hat Kritik gehört

Der Theologe und Leiter der schwedischen evangelischen Allianz Olof Edsinger (44) nimmt aktiv an der öffentlichen Debatte zum Geschlechtswechsel von Teenagern teil. Er hofft auf einen politischen Umschwung. „Die Parlamentarier, die der LGBTQ-Bewegung das neue Gesetz versprochen haben, sind nicht mehr da, und der neue Premierminister hat die massive Kritik offenbar zur Kenntnis genommen“, sagt er in einem Interview, das bei Evangelical Focus/Livenet veröffentlicht wurde. Auf der anderen Seite gebe es zu dem Thema noch keine breite politische Debatte. Noch gar nicht diskutiert werde der politische Vorschlag, dass man sein juristisches Geschlecht schon mit zwölf Jahren ändern können solle.

„Wissenschaft stellt die Queer- und Trans-Ideologie schwer in Frage“

„Ich stütze mich in der ganzen Diskussion vor allem auf wissenschaftliche Daten, während diejenigen, die diese Themen vorantreiben wollen, vor allem ihre ideologische Brille aufhaben“, kommentiert Olof Edsinger die Debatte. Er hat zahlreiche Artikel und auch schon ein Buch zu Gender-Themen veröffentlicht. „Natürlich gibt es auch theologische Elemente, aber die Wissenschaft stellt die Queer- und Trans-Ideologie schwer in Frage.“

Als Leiter der evangelischen Allianz denkt er, dass grosse Teile der christlichen Gemeinschaft in Schweden durchtränkt seien von der dritten Welle des Feminismus und in LGBTQ-Fragen sehr vorsichtig seien. „Die prophetische Stimme ist in der schwedischen Christenheit schwach.“ Natürlich würden christliche Stimmen im säkularisierten Schweden in der Regel als irrelevant im öffentlichen Diskurs abgetan, selbst wenn sie nicht von der Bibel her argumentierten. „Ich bin aber hoffnungsvoll, dass wir andere Influencer beeinflussen können und ihnen Argumente und Fakten liefern, die sie auf ihren Plattformen verbreiten können.“

Offener Brief von Fachleuten und Eltern

In einem offenen Brief hatten schwedische medizinische Fachleute und Eltern bereits im November 2018 zur Vorsicht bei Gesuchen um einen Geschlechtswechsel aufgerufen. Die rasch wachsende Zahl der Gesuche steigere auch das Risiko von Fehldiagnosen. Die Hormontherapien würden schon nach viel zu kurzer Zeit und Gesprächen verschrieben. Eine gut informierte Entscheidung für eine solche Behandlung sei für einen Teenager nicht möglich. Das menschliche Gehirn reife erst mit 25 Jahren aus. Parallele psychische Störungen würden bei einer Diagnose Gender-Dysphorie ausgeblendet. Zeugnisse der Eltern und anderer nahestehender Personen würden abgelehnt. Dies sei besonders verheerend, weil motiviert durch Internet-Anleitungen oft auch Lügen zur Erlangung der Therapien verwendet würden. Das Ziel sei, den psychischen Stress der betroffenen Jugendlichen zu verringern. Es gebe aber keine Grundlage anzunehmen, dass das Ziel erreicht werden könne. Die steigende Zahl von jungen Menschen, die den Geschlechtswechsel bereuten, würde ignoriert. Auf Kosten verletzlicher Kinder werde ein weitreichendes Experiment durchgeführt.