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Kein neues Phänomen: Antisemitismus seit 3000 Jahren
05. November 2019

Müssen sich die Juden fürchten?

Wolffsohn, Acklin, Winter: Warum ist der Antisemitismus nicht auszurotten? Foto: Daniel Wagner
Wolffsohn, Acklin, Winter: Warum ist der Antisemitismus nicht auszurotten? Foto: Daniel Wagner

Zürich (idea/dw) - Der Anschlag in der ostdeutschen Stadt Halle am 9. Oktober hat die Diskussionen rund um den Antisemitismus zusätzlich entflammt. Im Rahmen der Paulus Akademie befragte Béatrice Acklin-Zimmermann am 31. Oktober in Zürich Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeinde­bundes (SIG), und Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist. 100 Interessierte hörten gespannt zu.

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Auf die Frage, ob Juden in Europa - so in Deutschland und Frankreich - Angst haben müssen, sich sichtlich erkennbar mit der Kippa auf der Strasse zu bewegen, antwortete Michael Wolffsohn: "Ja und nein." Er differenzierte: "In Berlin würde ich das keinem Juden anraten." Es komme auf die örtlichen Gegebenheiten an, eine Verallgemeinerung sei nicht angebracht. Herbert Winter gab für die Schweiz zum Teil Entwarnung: "Hierzulande präsentiert sich die Situation in Sachen Sicherheit für die jüdische Gemeinschaft Gott sei Dank nicht so angespannt wie an gewissen Orten Deutschlands. In der Schweiz von Angst zu sprechen, das würde ich in Abrede stellen", sagte Winter.

Sicherheit kostet

Trotzdem will Winter das Thema Judenhass keinesfalls herunterspielen. Die Situation der Juden in der Schweiz sei ernst, aber nicht dramatisch. Die Anzahl von bekannten Vorfällen bleibe einigermassen stabil - wobei die Dunkelziffer gross sei. Diese Stabilität habe man mitunter der hiesigen, breit abgestützten Demokratie zu verdanken, ist Winter überzeugt. Dankbar zeigt sich der SIG-Präsident über die vom Bund gesprochenen Gelder in der Höhe von einer halben Million Franken, welche zum Schutz von Juden, Muslimen und anderen Minderheiten gesprochen wurden. Winter sprach von einem "guten ersten Massnahmenpaket", doch eine Entlastung der auf rund sieben Millionen Franken geschätzten Kosten der jüdischen Gemeinschaften könne nur die Unterstützung durch die Kantone bringen.

Schon vor 3000 Jahren ein Thema

Michael Wolffsohn hakte bei diesem brisanten Thema ein und betonte, dass es die Aufgabe des Staates sei, für die Sicherheit aller Bürger besorgt zu sein. Er betonte, dass der Judenhass kein neues Phänomen sei - und man das Thema nicht auf einen Nenner bringen könne: "Den Antisemitismus gibt es schon seit 3000 Jahren." Man könne das Phänomen nicht einer spezifischen ideologischen Gruppierung zuordnen. Heutzutage würden unter anderem rechtspopulistische ausländerfeindliche Kreise, Muslime aufgrund des schon lange schwelenden Nahost-Konflikts, aber auch linksgerichtete Gruppierungen dazu beitragen, den lange als besiegt geglaubten Hass gegen Juden neu zu entfachen.

Vorurteile abbauen

Tätliche Angriffe und Anfeindungen Juden gegenüber lösen bei Wolffsohn grosses Unverständnis aus. Ein Blick zurück zeige, dass Juden eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellten. Wem es nicht passe, der solle die Juden doch einfach in Ruhe lassen. Etwas zu kurz kam der Aspekt, wie man den antisemitischen Tendenzen entgegenwirken könnte. Beide Podiumsteilnehmer warben für mehr gegenseitige Toleranz und für den Abbau von Vorurteilen. Anschliessend beantworteten sie noch lange individuelle Fragen der Gäste.