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Menschenhandel
27. September 2018

Loverboys – Abhängigkeit statt Liebe

Wijngaard, Veldmann, Rüegger: Es geht nicht um Liebe, sondern um Abhängigkeit.
Fotos: Mirjam Fisch-Köhler
Wijngaard, Veldmann, Rüegger: Es geht nicht um Liebe, sondern um Abhängigkeit. Fotos: Mirjam Fisch-Köhler

Bern (idea) - „Ein Loverboy ist ein Menschenhändler“, betonte Monique Wijngaard in ihrem Referat vor rund 80 interessierten Personen. Die Polizistin aus Holland erklärte, dass es sich dabei oft um Männer mit tiefem Bildungsniveau zwischen 20 und 25 Jahren handle, die aus Problemfamilien oder einer Umgebung stammten, in der Kriminalität nicht abgelehnt werde und Frauen nichts wert seien. So könnten diese benutzt werden, um eigene Ziele, Status, Macht und Geld zu erreichen. Loverboys seien sozial geschickt und manipulativ: „Oft suchen sie ihre Opfer in Internetforen, umgarnen sie und nehmen sie durch Komplimente und teure Geschenke für sich ein.“ Sehr schnell folgten sexuelle Handlungen, auch mit Freunden des Täters. Mit Fotos davon, die sie über soziale Medien zu verbreiten oder an die Familie zu schicken drohen, setzen sie die Mädchen unter Druck. „Die Opfer von Loverboys werden immer jünger. Es hat Kinder ab 11 Jahren dabei“, hielt die holländische Detektivin vom Team Menschenhandel fest. Jedes Mädchen aus jedem Umfeld könne in ihre Fänge geraten.

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Kindheit ohne Liebe

Psychologin Willianne Veldmann erklärte, dass Betroffene oft keine normale Kindheit erlebt hätten. „Sie kennen Rituale wie gemeinsames Essen am Familientisch oder eine Gute-Nacht-Geschichte nicht.“ Vergewaltigungen führten dazu, dass sich die Opfer innerlich abspalteten und nichts mehr fühlen könnten. So seien sie leicht manipulierbar und in Prostitution und Drogenhandel einsetzbar. Sie plädiert auf Prävention durch Sensibilisierung und Information, zum Beispiel in Schulen.

"Die Ermittlungen sind schwierig"

Jurist Peter Rüegger zeigte die Rechtslage in der Schweiz auf und schilderte, wie schwierig die Ermittlungen sind. „Die Opfer sind ambivalent, sie reagieren oft nicht so, wie man es erwartet, weisen Erinnerungslücken auf und können häufig keinen chronologisch korrekten Ablauf erzählen.“ Sie seien geschickt manipuliert und auf Sex ohne Gefühle vorbereitet worden. "Opfer kämpfen gegen eigene Unsicherheit und Zweifel, gegen Scham, gegen Unglauben und für den eigenen Selbstwert und die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben!" Dies erfordere eine sehr sorgfältige Ermittlung zum Schutz der Kinder und Jugendlichen. Die Polizei sei auf detaillierte Beschreibungen angewiesen. „Bei sogenannten ‚Vier-Augen-Delikten‘ müssen im Resultat die Opfer den Beweis erbringen“, hielt Rüegger fest. (Autorin: Mirjam Fisch)

ACT 212 ist ein Beratungs- und Schulungszentrum gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. Ziel der Organisation ist es, Opfer zu befreien und weitere zu verhindern. Beobachtungen können an die Meldestelle gerichtet werden. 

www.act212.ch

Telefon 0840 212 212

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