Mittwoch • 19. September
Pro und Kontra
11. September 2018

Ist das Islam-Buch von Sarrazin lesenswert?

v. l.: Der Politikwissenschaftler Johannes Kandel und Martin Affolderbach, Oberkirchenrat i. R. Fotos: Privat
v. l.: Der Politikwissenschaftler Johannes Kandel und Martin Affolderbach, Oberkirchenrat i. R. Fotos: Privat

Wetzlar (idea) – Das neue Buch von Thilo Sarrazin „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ stößt in den Medien auf fast einhellige Kritik. Dennoch steht es an der Spitze der Bestsellerlisten. Ist das Werk des SPD-Politikers und ehemaligen Bundesbank-Vorstandes lesenswert? Dazu nehmen zwei Islamexperten in einem Pro und Kontra für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) Stellung.

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Pro: Das Buch ist informativ

Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Johannes Kandel (Berlin) sollte man das Buch „unbedingt“ lesen. Der Titel „Feindliche Übernahme“ sei provokant: „Das ist konsequent, denn Sarrazin sieht den Islam als große Gefahr für Zivilisation und Kultur unserer westlichen Gesellschaften.“ Er belege seine Aussagen mit Suren aus dem Koran, zahlreichen Studien zur islamischen Welt, zu Europa und Deutschland sowie statistischem Material. Dabei gewinne der „demografische Faktor“ – also der Geburtenüberschuss der Muslime – für die „Welteroberung“ durch den Islam besonderes Gewicht. Kandels Fazit: „Das Buch sollte im ‚Islam-Diskurs‘ kritisch diskutiert werden, weil es informativ ist und mit zugespitzten Thesen zur Auseinandersetzung herausfordert.“ Der Politologe arbeitete 2006 auf Einladung des damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber (Berlin) an einer „Handreichung zum christlich-muslimischen Dialog“ mit.

Kontra: Sarrazin pflegt das „Feindbild Islam“

Die Gegenposition vertritt der frühere Referent im EKD-Kirchenamt für Islam und Weltreligionen, Oberkirchenrat i. R. Martin Affolderbach (Nürnberg). Schon der Buchtitel lege nahe, dass es Sarrazin darum gehe, „das Feindbild Islam zu pflegen“. Viele Fakten seien sachlich nicht stimmig oder seriös. So sei die Zahl der Kinder keine Frage der Herkunft oder Religion, sondern vor allem eine Frage der sozialen Ressourcen. Untersuchungen hätten nachgewiesen, dass Migranten in Deutschland bei sozialem Aufstieg bereits innerhalb einer Generation den Durchschnitt der statistischen Kinderzahl erreichten. Zwar sei Kritik am Islam berechtigt und notwendig, das Buch von Sarrazin enthalte aber „erneut reichlich Polemik“. Affolderbach: „Als Christ bin ich gehalten, auch Menschen, die ich vielleicht nicht mag, mit Fairness zu begegnen und böse Nachrede zu unterlassen. Das kann ich bei dem Buch nicht erkennen.“

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