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Soziale Identität von Freikirchenmitgliedern
03. Januar 2020

Glaube beinflusst soziales Verhalten

Zum Zusammenhang zwischen religiöser Überzeugung und gesellschaftlichem Verhalten liefert der KONID 2019-Bericht interessante Gedankenanstösse. Symbolbild (Taufe im Jordan): pixabay.com
Zum Zusammenhang zwischen religiöser Überzeugung und gesellschaftlichem Verhalten liefert der KONID 2019-Bericht interessante Gedankenanstösse. Symbolbild (Taufe im Jordan): pixabay.com

(idea/dg) - Religion als soziale Identität strukturiert auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene auch andere Bereiche in erheblichem Mass mit. Dieses Fazit ziehen die Autoren des kürzlich erschienenen KONID-Berichts 2019 „Wie Religion ‚uns‘ trennt – und verbindet“. Insgesamt führen die Familienzugehörigkeit und die Zugehörigkeit zum Freundes- und Bekanntenkreis die Skala deutlich an.

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Im Bericht finden sich auch zahlreiche Angaben über die Antworten von Angehörigen evangelischer Freikirchen. Befragt wurden je rund 3000 mindestens 16-jährige Personen in Deutschland und der Schweiz. Laut Antonius Liedhegener, einem der beiden Leiter der Studie, stützen sich die Schweizer Zahlen auf 76 Personen (2,5 Prozent), die sich als „Evangelisch-freikirchlich“ deklarierten. In Deutschland waren es 100 Personen (4,3 Prozent). In der Schweiz versammeln sich sonntags rund 100'000 Personen in Freikirchengottesdiensten. Die Angaben aufgrund einer Befragung von 76 Personen sind deshalb mit Vorsicht aufzunehmen. Und doch kann es interessant sein, den einzelnen Themen nachzugehen.

Die Umfrage ist Teil des Forschungsprojekts „Konfigurationen individueller und kollektiver religiöser Identitäten und ihre zivilgesellschaftlichen Potentiale (KONID)“. Dieses wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert.

Eigene Identität und Wertschätzung von Dritten

Menschen, die sich in der Schweiz zu einer evangelischen Freikirche zählen, ist laut der Umfrage die mit der Religionszugehörigkeit verbundene soziale Identität meist sehr wichtig. Landeskirchenmitgliedern hingegen deutlich weniger. Muslime liegen irgendwo dazwischen. Die Unterschiede sind in der Schweiz wesentlich ausgeprägter als in Deutschland. Je religiöser sich die Befragten in beiden Ländern sehen, je wichtiger ist ihnen diese soziale Identität. Allerdings korrespondiert bei Evangelisch-Freikirchlichen und bei Muslimen die Wichtigkeit der eigenen sozialen Identität nicht mit der von ihnen wahrgenommenen Wertschätzung durch andere. Letztere fällt deutlich tiefer aus.

Wertgeschätzt und für wichtig erachtet wird von praktisch allen Befragten sowohl die Demokratie als Regierungsform als auch die Religionsfreiheit. Wem Religion wichtig ist, der legt übrigens in der Regel auch mehr Wert auf seinen Zivilstand.

Wem interreligiöser Dialog wichtig ist

Für über 60 Prozent der Evangelisch-Freikirchlichen und der Muslime in der Schweiz ist laut KONID 2019 der interreligiöse Dialog wichtig. In Deutschland liegt die Zahl bei diesen beiden Gruppen noch wesentlich höher. Grundsätzlich gilt: Den Menschen, denen die soziale Identität der Religion wichtig ist, denen ist tendenziell auch der interreligiöse Dialog wichtiger als anderen. Dabei gibt es keinen Unterschied zwischen denen, die sich als religiös liberalen deklarieren und den religiös Konservativen.

Engagement in der Gesellschaft

Hoch-religiöse Befragte engagieren sich laut Auswertung der Befragung deutlich häufiger oder stärker freiwillig in der Gesellschaft als Nicht-Religiöse. Ob religiös-konservativ oder religiös-liberal spielt dabei wieder keine Rolle. Jedoch geben in der Schweiz 75 Prozent der Evangelisch-Freikirchlichen an, engagiert zu sein, von den Landeskirchlern rund jeder zweite, bei Muslimen drei von zehn und bei Befragten ohne Religionszugehörigkeit nur jeder fünfte. Die Verfasser der KONID 2019-Studie folgern aus den Zahlen: „Vor allem die Einbindung in Religion und die individuelle Religiosität beim Einzelnen besitzen eine förderliche Wirkung auf das zivilgesellschaftliche Engagement und damit die Lebendigkeit der Zivilgesellschaft.“ Dass Muslime weniger stark engagiert sind, führen die Verfasser auch auf eine oft geringere Vertrautheit mit der heimischen Kultur und der Sprache zurück. Sowohl bei religiösen wie auch anderen Engagements sagt die Mehrheit der Befragten, sie begegneten Menschen aus anderen Bereichen, denen sie sonst nicht begegnen würden.

Ist Vertrauen besser?

Evangelisch-Freikirchliche vertrauen in der Schweiz anderen Menschen prozentual am häufigsten, knapp häufiger als Evangelisch-Reformierte. Zwei von drei befragten Katholiken und Menschen ohne Religionszugehörigkeit vertrauen anderen grundsätzlich auch. Nur deutlich weniger als die Hälfte der Muslime zeigen dieselbe Haltung. Hoch-Religiöse trauen insgesamt anderen eher als Nicht-Religiöse, religiös Liberale trauen anderen eher als religiös Konservative.

Eine mögliche Erklärung für die niedrige Vertrauensquote bei Muslimen geben die Verfasser der Studie: „Sicherlich spielen die Migration und insbesondere die Erfahrungen aus den Herkunftsländern hier eine Rolle. In Ländern mit einer jungen oder fehlenden Demokratie ist das generalisierte Vertrauen meist sehr niedrig.“

Vorurteile und Diskriminierung

Die KONID-Studie misst Diskriminierung auf der Basis der sozialen Identität Religion mit folgender Frage: „Wie oft haben Sie im letzten Jahr aufgrund folgender Eigenschaften Vorurteile oder ungerechte Behandlung erlebt?“ Auch wenn die Ergebnisse nur unter dem Stichwort „Diskriminierung“ präsentiert werden, ist doch hervorzuheben, dass die Zahlen auch die Wahrnehmung von Vorurteilen beinhalten. Wenn Befragte von solchen Erfahrungen berichten, dann am ehesten auf Grund des Geschlechts (in der Schweiz 42 Prozent), der politischen Haltung (33 Prozent) oder der Nationalität (29 Prozent). Rund 20 Prozent der Befragten berichten von Erfahrungen aufgrund der Religions- oder Konfessionszugehörigkeit. Rund ein Prozent gab an, dass sie diese Erfahrungen häufig machten. Auffällig ist, dass Evangelisch-Freikirchliche und Schiiten in der Schweiz mit Abstand am häufigsten von solchen Erfahrungen berichten.

Wer heiratet wen?

Würden die Befragten mit jemandem einer anderen Religionszugehörigkeit eine feste Beziehung oder Ehe eingehen? Diese Frage galt den Autoren der Studie als Massstab für Abgrenzungs- und Exklusionsmechanismen, die von religiös-weltanschaulichen Identitäten selbst ausgehen. Jede vierte Person, die sich als „Christ“ bezeichnet, würde eine solche Beziehung mit Nicht-Christen für sich ganz oder eher ablehnen. Gemäss der Umfrage würde über die Hälfte der Evangelisch-Freikirchlichen eine Heirat ausserhalb der Freikirchen ablehnen. Ist dies im Sinne einer sozialen Distanz auszulegen, wie es die Autoren der Studie tun? Dazu sei in Erinnerung gerufen: Für Evangelisch-Freikirchliche sind laut derselben Studie der interreligiöse Dialog und das allgemeine Engagement in der Gesellschaft wichtig. Die Heiratskriterien können also bei Evangelisch-Freikirchlichen eher im Sinne einer kohärenten Gestaltung von Glaube und Familienleben gedeutet werden.

Religion und Gesetz

Was hat im Konfliktfall Vorrang, die Bundesverfassung oder die Regeln und Werte der eigenen Religion? Für fast die Hälfte der Evangelisch-Freikirchlichen in der Schweiz sind es die Regeln und Werte ihrer Religion. Viermal weniger unter ihnen denken, dass Religion die einzige und letztgültige politische Autorität sein sollte. Gewaltanwendung zur Durchsetzung der eigenen religiösen Überzeugungen wird nochmals zehnmal weniger erwogen. Prozentual entspricht dies den Evangelisch-Reformierten. Diese Gewaltbereitschaft ist bei Katholiken und Muslimen höher (drei respektive acht Prozent). In Deutschland ist die Gewaltbereitschaft zur Durchsetzung religiöser Überzeugungen laut der Befragung generell höher. Obwohl anti-religiöse Bewegungen in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder mit Gewalt für ihre Überzeugungen kämpfen, wurden keine Zahlen erhoben, ob Menschen ohne Religionszugehörigkeit für ihre „religiösen“ Überzeugungen zu Gewalt greifen würden.

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