Sonntag • 19. Mai
Pro und Kontra
30. April 2019

Für Menschen statt für Steine spenden?

Der Vorsitzende der Micha-Initiative, Pfarrer Rolf Zwick, und die stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland, Catharina Hasenclever. Fotos: Privat (2)
Der Vorsitzende der Micha-Initiative, Pfarrer Rolf Zwick, und die stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland, Catharina Hasenclever. Fotos: Privat (2)

Wetzlar (idea) – Nach dem Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame gab es binnen Stunden Zusagen für Hunderte Millionen Euro an Spenden. Mit der Forderung „Notre-Dame braucht ein Dach. Wir auch“ meldete sich eine Obdachlosenorganisation zu Wort. Sollte man anstatt für Steine lieber für Menschen spenden? Darauf antworten ein Theologe und eine Kunstgeschichtlerin in einem Pro und Kontra für die Evangelische Nachrichtenagentur idea.

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Pro: Spendensummen für Notre-Dame sind irritierend

Für Spenden zugunsten von Menschen argumentiert der Vorsitzende der Micha-Initiative, Pfarrer Rolf Zwick (Essen). Die Initiative engagiert sich gegen extreme Armut und für globale Gerechtigkeit. Zwick nennt die zugesagten Spendensummen irritierend: „Denn gleichzeitig werden die Flächenbrände im Jemen, im Sudan oder in Libyen kaum beachtet, und erst recht gehen dort keine Millionenspenden der Großindustrie hin, um die Not zu lindern.“ Dabei gehe es hier um sterbende Menschen. Zwick: „Natürlich ist das Spenden für eine berühmte Kirche für die Großspender mit mehr Prestige verbunden. Aber bei den Krisenherden dieser Welt geht es nicht um Steine, sondern um Menschen. Deshalb finde ich es ungerecht, wenn einzelne Reiche bestimmen können, wer oder was gerettet wird.“ Auch in Deutschland würden „wichtige Ressourcen“ in kirchliche Gebäude gesteckt, während das Geld für missionarische und soziale Aufgaben fehle. Die biblische Perspektive sei anders: Jesus habe über die imposanten Tempelbauten in Jerusalem gesagt, dass diese Steine keinen Bestand haben werden. Stattdessen nenne der erste Petrusbrief die Christen „lebendige Steine“, die zu einem geistlichen Haus werden.

Kontra: Kirchen sind Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe

Die Gegenmeinung vertritt die stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung KiBa – Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland, Catharina Hasenclever (Hannover). Nach ihren Worten zeigt der Brand von Notre-Dame, „wie sehr sich Menschen berühren lassen, wenn ein solcher Ort zu vergehen droht“. Auf dieses nationale Monument schaue jetzt die Welt. In Deutschland gebe es viele Kirchen, die in einem so schlechten baulichen Zustand seien, dass sie möglicherweise für die kommende Generation nicht mehr standhalten könnten. Mit dem Erhalt von Kirchen rette man mehr als ein Denkmal: „Kirchen sind Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Man dürfe die Bedeutung von Kirchen nicht aus dem Blick verlieren. Sie gäben oft seit Jahrhunderten Raum für individuelles Gebet und für gemeinsamen Gesang, für fröhliche Feste und traurige Momente, für die Verkündigung von Gottes Wort, für Hoffnung und Trost, Erinnerung und Zuversicht.

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