Mittwoch • 19. September
Podiums­diskussion
13. September 2018

Ehe für alle – der grosse Spagat

Im Gespräch mit dem Publikum: v. l. Rita Jost, Stefanos Athanasiou (orthodox), Jürg Bräker (Mennoniten), Christine Aus der Au (reformiert), Nassouh Toutounghi (christkatholisch). Foto: Fritz Imhof
Im Gespräch mit dem Publikum: v. l. Rita Jost, Stefanos Athanasiou (orthodox), Jürg Bräker (Mennoniten), Christine Aus der Au (reformiert), Nassouh Toutounghi (christkatholisch). Foto: Fritz Imhof

Gegen einen homosexuellen Lebensstil sprechen mehrere Bibelstellen und auch die kirchliche Tradition von zwei Jahrtausenden. Dennoch hat die „Ehe für alle“ heute gute Chancen, im Parlament durchzukommen. Rund zwei Drittel der Schweizer stehen diesem Ziel homosexueller Organisationen positiv gegenüber. Die Arbeitsgemeinschaft der Kirchen im Kanton Bern veranstaltete daher am 5. September im Gemeindesaal der EMK an der Nägeligasse in Bern eine Podiums­diskussion, an der Exponenten der Reformierten, der Christkatholiken, der Mennoniten und der Orthodoxen teilnahmen.

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Vor einer Volksabstimmung

Der Organisator der Tagung, Pfarrer Christoph Knoch, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Kirchen im Kanton Bern, machte deutlich, dass wir wohl bald vor einer Volksabstimmung über die „Ehe für alle“ stehen, nachdem sich die vorberatenden Kommissionen beider Parlamentskammern für die Initiative aus den Reihen der Grünliberalen ausgesprochen haben. Die Diskussion wurde von der Journalistin ­Rita Jost professionell geleitet. Es kam danach zu einem engagierten Austausch mit dem Publikum, an dem sich sowohl junge schwule Männer wie auch Verteidiger des biblischen Neins zur homosexuellen Lebensweise beteiligten.

Positionen liegen weit auseinander

Die Diskussion zeigte, wie weit die Positionen auseinanderliegen. Auf dem Podium sass der aus dem Jura kommende christkatholische Pfarrer mit libanesischen Wurzeln, Nassouh Toutounghi; ein Betroffener, für den es in erster Linie darum geht, dass der Grundsatz „gleiches Recht für alle“ in der Bundesverfassung auch im Zivilgesetz durchgesetzt wird. Auch in der Kirche möchte er nicht länger zwischen Trauungen für Mann und Frau und Segnungsgottesdiensten für gleichgeschlechtliche Paare unterscheiden.

Der Mut, Nein zu sagen

Ihm stand der orthodoxe Theologe Stefanos Athanasiou gegenüber, der feststellte, dass es sich beim Thema aus orthodoxer Sicht um ein Problem des Westens handle. Zwar erlaube jetzt auch der griechische Staat die Ehe von gleichgeschlechtlichen Menschen, das halte aber die Kirche nicht davon ab, auf der traditionellen Position zu bleiben. Die Kirche solle den Mut haben, gesellschaftlichen Trends zu widerstehen.

Dazwischen sassen die reformierte Theologin Christine Aus der Au Heymann und der mennonitische Theologe Jürg Bräker, der Pastor in Bern und Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS) ist. Christine Aus der Au hielt sich mir ihrer Meinung eher zurück und betonte stattdessen, es komme eben darauf an, wie man die Bibel lese. Eine Feststellung, die im Laufe der Diskussion leider nicht vertieft werden konnte. Für die reformierte Theologin ist wesentlich, dass sich die Kirchen an der Gestaltung einer angst- und diskriminierungsfreien Zivilgesellschaft beteiligen, was immer dies im Blick auf das Diskussionsthema bedeutet.

Aufeinander hören

Jürg Bräker verwies bei der Frage, ob allenfalls gleichgeschlechtliche Paare in einer Mennonitengemeinde gesegnet oder getraut werden, auf die Unabhängigkeit der Gemeinden in der KMS. „Wir müssen darüber sprechen“, so Bräker, auch wenn die Gefahr von Spaltungen drohe. Und er hofft: „Man wird aufeinander hören, ohne sich einig sein zu müssen.“

(Fritz Imhof)

Nationalrat verlängert Frist

Die Rechtskommission des Nationalrates hat bis im Sommer 2019 Zeit, eine Vorlage zur Umsetzung der parlamentarischen Initiative „Ehe für alle“ auszuarbeiten. Die Initiative verlangt, dass homosexuelle Paare heiraten dürfen. Nach der Zustimmung der Kommissionen beider Räte kann die Nationalratskommission Gesetzesänderungen ausarbeiten, über die am Ende das Parlament befinden wird. Und bei einem Referendum das Volk. Mit der Öffnung der Ehe wären weitgehende gesetzliche Anpassungen nötig, unter anderem im Steuer- und Sozialversicherungsrecht, im Adoptionsrecht und in der Fortpflanzungsmedizin. Deshalb beantragte die Kommission, die Umsetzungsfrist um zwei Jahre zu verlängern. (sda/im)

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