Montag • 16. September
Umweltdebatte
01. September 2019

Die „neuen Feinde des Klimas“: Digitalisierung und Mobilfunk

Die Auswirkungen von Digitalisierung und Mobilfunk auf das Klima wurden bislang nur wenig berücksichtigt. Auch Windenergie steht in der Kritik. Symbolfoto: pixabay.com
Die Auswirkungen von Digitalisierung und Mobilfunk auf das Klima wurden bislang nur wenig berücksichtigt. Auch Windenergie steht in der Kritik. Symbolfoto: pixabay.com

Berlin (idea) – Beim Thema Umweltschutz sollte nicht nur das viel diskutierte CO2 in den Blick genommen werden. Das fordert der Publizist und evangelische Theologe Werner Thiede (Erlangen) in einem Gastkommentar in der Tageszeitung „Die Welt“ (Berlin) unter der Überschrift „Neue Feinde des Klimas“. Angesicht der globalen Lage müssten auch die „heiligen Kühe“ Digitalisierung und Mobilfunk ernsthaft ins Visier genommen werden. Deren unbestrittener Nutzen dürfe nicht länger über die mit ihnen verknüpften ökologischen Gefahren hinwegtäuschen. Unter dem Strich erzeuge die digitale Kommunikation neue oder verschärfte Umweltprobleme: „Mögliche Einsparpotenziale verpuffen, wenn sich die Rechnerleistungen alle anderthalb Jahre verdoppeln und immer mehr Geräte produziert und genutzt werden.“ Beim weltweiten Stromverbrauch liege das Internet im Länderranking auf Platz 3: „Es dürfte also mitverantwortlich sein für den Klimawandel.“ Thiede verweist auf eine Aussage des Vorstandsvorsitzenden der Verbraucherorganisation Diagnose:Funk (Stuttgart), Jörn Gutbier: „Auch die digitale Transformation der Gesellschaft ist letztendlich fossil.“ Besonders mächtig sei das herrschende Tabu beim „Mythos Mobilfunk“. Die „nahezu omnipräsente Strahlung“ dürfte vor allem wegen der mit ihr entstehenden Verlustenergien ihren Anteil an der Aufheizung des Erdklimas haben, so Thiede. 5G-Mobilfunk werde ein Mehrfaches an Energieverbrauch im Vergleich zu den Vorgängergenerationen mit sich bringen. Mehr als bisher sollte erforscht und einkalkuliert werden, wie viel elektrische Energieleistung in Zukunft mit Funk, dem Internet der Dinge, Smart City und Smart Country sowie Radar und WLAN beim autonomen Fahren letztlich in Wärme umgesetzt werde.

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Papst Franziskus: Pariser Klimaziele schneller umsetzen

Anlässlich des am 1. September begangenen Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung beschäftigte sich auch Papst Franziskus mit dem Thema Klimaschutz. Er forderte in einer in mehreren Sprachen veröffentlichten Botschaft eine schnellere Umsetzung der bei der Pariser Klimakonferenz vereinbarten Maßnahmen gegen die Emission von Treibhausgasen und den globalen Temperaturanstieg. Der Raubbau und die exzessive Nutzung der fossilen Energien, die Abholzung der Wälder, die intensive landwirtschaftliche Nutzung und die zunehmende Verschmutzung von Umwelt und Ozeanen erhöhten die Globaltemperatur „bis zur Alarmstufe“. Insbesondere junge Menschen hätten die Zeichen der Zeit erkannt, sagte der Papst mit Blick auf die aktuellen Klimaproteste. Die Jugend sei durch nicht eingehaltene Versprechungen enttäuscht. Sie erinnere jetzt daran, dass „die Erde nicht ein Gut ist, das man verschleudern kann, sondern ein Erbe, das weiterzugeben ist“. Am 30. August hatte die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg nach ihrer Atlantiküberquerung erstmals vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen protestiert, wie die „Bild am Sonntag“ (Ausgabe 1. September) berichtete. Während sie in Europa „oft mit Zehntausenden für Klimaschutz“ protestiert habe, seien es dort nur rund 100 Jugendliche gewesen. Thunberg wird in New York an einem Gipfel der Staats- und Regierungschefs zum Thema Klimawandel (21.-23. September) teilnehmen.

Aktionsplan: „Im Zweifel für die Windenergie“

Währenddessen berichtet die „Welt am Sonntag“ (Ausgabe 1. September) über Kritik an einem Aktionsplan des „Bundesverbandes Windenergie“. Obwohl jährlich zehntausende Vögel den Rotorblättern zum Opfer fielen, wolle die „Ökostrom-Lobby“ den Artenschutz aufweichen. Am 4. September finde ein „Windgipfel“ auf Einladung von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) statt. Hintergrund sei, dass in den ersten sechs Monaten des Jahres nur 35 Windräder in Deutschland neu hinzugekommen seien. Die meisten Windparkprojekte scheiterten an Klagen von Wald- und Vogelschützern. In dem Aktionsplan spreche der Verband von einer „oft überzogenen, unerhältnismäßigen Auslegung des Artenschutzes“. Dieser müsse in Einklang mit der Windenergie gebracht werden. Aufgrund des „gewichtigen öffentlichen Interesses an einer klimafreundlichen und somit artenschutzfreundlichen Energieversorgung“ sollte „im Zweifel für die Windenergie entschieden werden“. Windenergie sei Klimaschutz und Klimaschutz sei Artenschutz. Die Sonntagszeitung zitiert in dem Zusammenhang den auf Planungs- und Umweltrecht spezialisierten Juristen Martin Gellermann. Ihm zufolge kommen jährlich bis zu 250.000 Fledermäuse und Tausende Vögel an Windenergieanlagen zu Tode: „Wenn die Nutzung der Windenergie solche Folgen hat, ist es ziemlich mutig, sie als Mittel des Artenschutzes darzustellen.“ Die Sonntagszeitung weist zudem darauf hin, dass eine Studie bereist 2015 hochgerechnet habe, dass die damals 12.841 Windräder im norddeutschen Untersuchungsgebiet innerhalb eines Jahres für den Tod von 7.865 Mäusebussarden, 10.370 Ringeltauben, 11.843 Stockenten und 11.197 Möwen verantwortlich sein dürften. Kritik am Aktionsplan der Windbranche kommt auch vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu): „Die Rolle der Windenergie als Gefährdungsfaktor für bestimmte Populationen von Vögeln und Fledermäusen wird einfach heruntergespielt oder negiert, vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert oder verdreht.“

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