Montag • 21. Oktober
Theologie trifft Zeitgeistforschung
07. Oktober 2019

"Zeit und Geist im Zusammenspiel!"

Theologe Loos:
Theologe Loos: "Die Zeit und der Heilige Geist können es gut miteinander." Foto: idea/rh

Basel (idea) - Zeitgeist und Heiliger Geist im gleichen Wochenendseminar - geht das, Andreas Loos?

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Das geht, weil aus christlich-theologischer Sicht der Heilige Geist und die Zeit sehr gut miteinander können. Das lässt sich biblisch gut nachvollziehen.

Wie denn?

Zeit lässt sich chronologisch vorstellen, aber auch qualitativ als der passende Moment, der Kairos. Geist und Zeit spielen zusammen. Das kairologische Zeitverständnis finden wir in der Bibel sehr häufig. Nehmen wir als Beispiel Galater 4: "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn." Gott kommt durch die Kraft des Heiligen Geistes als Mensch auf die Erde. Gott kommt zur passenden Zeit ins Menschsein. Zeit und Geist im Zusammenspiel!

Als Theologe erforschen Sie den Heiligen Geist. Hilft das beim Aufspüren des Zeitgeistes?

Wenn wir es wagen, ein Denkmuster zu verlassen, nach dem Zeitgeist und Heiliger Geist sich prinzipiell feindlich gegenüberstehen, dann wirkt der Heilige Geist wie eine Seh- und Hörhilfe oder wie eine Sensibilisierungshilfe.

Wo finden Sie dieses Wagnis in der Bibel?

Schon auf den ersten Seiten erfahren wir, dass Gottes Geist den Menschen zu einer lebendigen Seele gemacht hat. Hinter dem Begriff für "Seele" steckt der Begriff "Schlund" oder "Kehle". Durch die Kehle führen wir uns Nahrung zu und durch die Kehle atmen wir fortlaufend aus und ein - beides. Biblisch bedeutet "Seele", dass der Mensch ein vitales und gleichzeitig total bedürftiges Wesen ist - beides. Hunger und Durst nach Leben verdanken wir dem Heiligen Geist. Vieles, was wir mit dem Zeitgeist verbinden, nämlich dieses Ausstrecken nach dem immer Neuen - hat in der Tiefe etwas zu tun mit der Kraft des Heiligen Geistes. Er weckt im Menschen die Sehnsucht nach Glück, Anerkennung und Liebe.

Sie haben irgendwann im Laufe Ihres Lebens aufgehört, den Zeitgeist und den Heiligen Geist von Grund auf zu trennen. Gibt es dafür einen Auslöser?

Meilensteine waren meine Studien in trinitarischer Theologie. Da habe ich zum ersten Mal Gott den Vater als Schöpfer kennen gelernt und auch den Glauben an den Heiligen Geist. Einerseits lernte ich die Stärke meiner traditionellen Theologie schätzen - Jesus Christus, das Wort - und dadurch das klare Denken und Lesen. Dazugewonnen habe ich die geschöpfliche Dimension von Leben und Glauben: die Kunst, die Musik, der Körper, der Tanz. Aufgewachsen bin ich in der Angst vor dem Geist der unerlösten Welt. Doch Gott ist grösser!

Dann kennen Sie die einschlägigen Bibeltexte wie "Stellt euch nicht mit der Welt gleich", das heisst "distanziert euch". Relativieren Sie diese Aufforderung inzwischen?

Nein. Das Evangelium ist an entscheidenden Stellen durchaus zeitgeistkritisch. Der Apostel Paulus unterscheidet klar, dass der Heilige Geist jenem Geist, der in "Kindern des Ungehorsams" in dieser Zeit am Wirken ist, entgegensteht. Glaube und Unglaube unterscheiden sich. Trotzdem meine ich, dass man keine grundsätzliche Feindschaft aufrichten soll.

 

Dr. Andreas Loos gestaltet vom 19. bis 20. Oktober 2019 gemeinsam mit der Hamburger Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz Fratz ("Das Buch von Zeitgeist", fontis) auf dem Chrischona Campus ein Seminar rund um Theologie und Zeitgeist.

Dies ist ein kurzer Auszug aus einem umfangreichen Interview im Wochenmagazin ideaSpektrum 41-2019.

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