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Ehescheidung im kirchlichen Umfeld
06. Oktober 2020

Wenn Ehen scheitern – nicht wegsehen, beistehen!

Bei einer Scheidung zerbrechen meist die eigenen Ideale. Symbolbild: pixabay.com
Bei einer Scheidung zerbrechen meist die eigenen Ideale. Symbolbild: pixabay.com

(idea/hg) - Heinz Hagmann, Projektleiter der Kurse „lieben–scheitern–leben“ bei Familylife (Campus für Christus), weiss aus eigener Erfahrung, wie schambehaftet eine Scheidung im christlichen Kontext ist. Nach 27 Jahren Ehe, vielen Seelsorge- und Therapiesitzungen, ringend, zwischen Hoffnung und Resignation schwankend, stand seine Ehe 2011 vor dem endgültigen Aus. Er bezeichnet die Scheidung als gewaltigen Zerbruch: „Es war für mich das Schlimmste, was mir überhaupt passieren konnte.“ Der 61-Jährige erinnert sich genau, wie unzulänglich er sich fühlte, als er das Scheitern seiner Ehe gegenüber seinem Hauskreis und seiner Männergruppe eingestehen musste. Auch Barbara Morf Meneghin, Sozialdiakonin und Supervisorin bei der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Schweiz, spricht von Scham, die sie bei ihrer Scheidung vor 15 Jahren empfand. Der Satz „Ich habe es nicht geschafft!“ pochte unaufhörlich in ihrem Kopf. Sie fühlte sich als Mensch und Christin jeglichen Werts beraubt.
„Gerade weil Scheidung im kirchlichen Umfeld ein No-Go ist, versuchen Paare an der lebenslangen Ehe festzuhalten, auch dann, wenn sie im Innern längst gestorben ist“, beobachtet Heinz Hagmann.

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Scheidungen machen hilflos

Die Folgen einer Scheidung sind vielfältig. Das Thema stürzt auch heute noch viele Kirchenleitungen in die Hilflosigkeit. ideaSpektrum hat bei fünf freikirchlichen Verbänden nachgefragt, welche Grundsätze sie im Umgang mit Scheidung und Wiederheirat verfolgen, und zwar bei BewegungPlus, Chrischona, FEG, ICF und Pfingstmission (SPM). Alle halten daran fest, dass die Bibel klar davon spricht, dass eine Scheidung nicht Gottes ursprünglicher Absicht entspricht. Die Vereinigung Freier Missionsgemeinden (VFMG), Chrischona und die Freien Evangelischen Gemeinden (FEG) überarbeiten derzeit gemeinsame Unterlagen für die Kasualien. Darin wird festgehalten: „Grundsätzlich streben wir an, dass Ehepaare ein Leben lang zusammenbleiben. Aufgrund verschiedener Umstände kann es leider zu einer Scheidung kommen.“

Kein Gefängnis

Die Interessengemeinschaft für Biblische Seelsorge (IfBS) führte Ende September in Zürich eine Seelsorgekonferenz durch zum Thema Ehe, Scheidung und Wiederheirat. Andy Vetterli, Präsident der IfBS, stellt klar, was seine Organisation für eine Haltung zu diesen herausfordernden Themen hat. Nach ihrem Verständnis gibt es nur zwei Gründe für eine Scheidung, die vor Gott rechtens ist: sexuelle Untreue oder der Wunsch eines ungläubigen Partners nach Trennung. Zu einem anderen Schluss kommt die BewegungPlus: „Der Gott des Alten Testaments ist auch der Gott des neuen Bundes. Die Möglichkeit, eine Ehe vorzeitig zu beenden, ist Notrecht, um einer notvollen Ehesituation barmherzig ein Ende zu bereiten.“ Und weiter betont sie: „Die Ehe ist aber kein Gefängnis; vielmehr leben Ehen von der Hoffnung auf eine lebenslange erfüllte Beziehung.“
Die 60-jährige Barbara Morf Meneghin sagt, dass für Betroffene nichts wichtiger wäre, als ein Ort, wo sie über ihre Gefühle reden könnten, ohne gleich verurteilt zu werden. In diese Bresche springt der Kurs „lieben–scheitern–leben“ (lsl), den es in der Deutschschweiz seit zehn Jahren gibt. Bisher haben 650 Betroffene dieses Angebot durchlaufen. Der Kurs will Menschen, deren Ehe zerbrochen ist, beistehen und wieder aufhelfen. Ob Kursleiterinnen oder Kursleiter, alle haben selbst eine Scheidung durchlebt. Nun unterstützen sie andere Betroffene dabei, im Leben wieder Fuss zu fassen und neue Hoffnung zu schöpfen.

Den vollständigen, vertieften Artikel von Helena Gysin finden Sie im Wochenmagazin ideaSpektrum 41.2020.