Dienstag • 10. Dezember
Andreas Boppart am idea-Jubiläum
28. November 2019

Von der Moral am Zebrastreifen

Andreas 'Boppy' Boppart:
Andreas 'Boppy' Boppart: "Das Kreuz ist auch Antwort auf Scham und Angst." Foto: Mirjam Fisch-Köhler

Bern (idea) - Unsere Kultur hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte dramatisch verändert. Unter anderem hat sie sich von einer Schuld- zu einer Schamkultur entwickelt. Statt an den Zehn Geboten oder anderen Vorschriften orientierten sich immer mehr Menschen an der Moral der Gruppe. Das lasse sich an jedem Zebrastreifen leicht beobachten. Andreas "Boppi" Boppart war einer der Hauptredner an der Jubiläumsfeier von ideaSpektrum in Bern.  

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Von "Ich mache einen Fehler" zu "Ich bin ein Fehler"

Boppis These: Das Hauptproblem unter immer mehr Menschen in Europa ist nicht, ob sie Fehler machen, sondern ob sie von der Gruppe akzeptiert sind. Die Schamkultur (die in den meisten Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas vorherrschend ist) ist eine Kollektiv-Kultur: Wir orientieren uns nicht "senkrecht nach oben", sondern nach allen Seiten. Richtig ist, was die meisten machen. Social Media geben Likes - oder das Gegenteil. Wer nicht genug Likes bekommt, beginnt an sich zu zweifeln. Kritische Worte oder auch nur Blicke werden schnell als Diskriminierung empfunden, also als Abwertung meiner Person, was bis in unsere Gesetzgebung hinein Konsequenzen hat.

Die dreifache Katastrophe im Paradies

Schon im Paradies zeige sich: Wenn Gottes Wille übertreten wird, hat das drei Konsequenzen - Mann und Frau fühlen sich schuldig, sie schämen sich, und sie bekommen Angst. Demnach teilen Soziologen die Kulturen der Welt in Schuld-, Scham- und Angstkulturen ein, die alle sehr verschieden funktionieren. Europa war unter dem Einfluss der katholischen Kirche und der Reformation jahrhundertelang eine Schuldkultur: Man wusste, dass man gesündigt hatte, und suchte nach Vergebung. In anderen Kulturen ist das Problem nicht so sehr, dass man schuldig wird, sondern dass man aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Nicht der Schuldige ist darum der Schuldige, sondern der, der das Verfehlen aufdeckt. Diese Schamkultur sei immer mehr auch zur Leitkultur unseres Landes geworden, sagte Andreas Boppart. Und eine Folge davon sei: "Immer mehr Menschen sagen nicht 'Ich habe Fehler', sondern 'Ich bin ein Fehler'." Ihre Identität wackele.

Jesus: viel mehr als Vergebung

Wenn Christen nun ständig vom Kreuz redeten und es ausschliesslich als Weg zur Vergebung der Schuld anbieten, würden sie das Evangelium verengen. Boppi: "Denn Jesus ist nicht nur für unsere Schuld, sondern auch für unsere Scham und Schande gestorben - übrigens auch für unsere Angst." Am Kreuz hing der "Allerverachtetste und Unwerteste", wie es Jesaja schon 800 Jahre vorher beschreibt. Wer unter Unwert und Ausgestossensein leide, der finde in Jesus einen Gott, der sich mit ihm identifiziert - und ihn aus der Verachtung heraus in seine Gemeinschaft einlade. "Wir sind immer noch beim Moralkodex. Aber die junge Generation braucht Jesus nicht primär als Vergeber, sondern als Versöhner mit dem Vater", meinte Boppart.

Mutig und fröhlich rausgehen

Will heissen: Christen können "mutig und fröhlich als Abenteurer Christi rausgehen, unbekanntes Land entdecken und erleben, dass Dynamik und Kraft von Christus auch für unsere Zeit voll da ist", wie Andreas Boppart zum Schluss ermutigte. Denn der Tod von Jesus bringe Erlösung in alle Dimensionen hinein, in denen Menschen leiden - das Kreuz sei Gottes Antwort auf unsere Schuld, unsere Scham und unsere Angst. (Autor: Reinhold Scharnowski/Livenet)