Samstag • 20. Oktober
Begegnungstage in Diessenhofen
05. Oktober 2018

Theo Lehmann: "Das ist kein Semmel-Jesus, der Gipfeli bringt!"

Predigen mit der Erfahrung eines Regimekritikers: Theo Lehmann. Foto: zvg
Predigen mit der Erfahrung eines Regimekritikers: Theo Lehmann. Foto: zvg

Diessenhofen (idea) - Theo Lehmanns Auftritte in der vollbesetzten Stadtkirche dürften nachhallen. Sein Lied von der Liebe Gottes, welche die Kälte aus den Herzen herausnimmt und rohe Fäuste in geöffnete Hände verwandelt, wurde allen Vortragsabenden in Diessenhofen gesungen. Es ist eines von über hundert Liedern, die Lehmann getextet hat. Auf der Kanzel geht er aus sich heraus und löst einen heilsamen Schrecken in Köpfen und Herzen aus. Da ist er ganz Evangelist. Sein Thema ist der Mensch, dem Gott gleichgültig ist, der aus dem Schlaf seiner Sünden wachgerüttelt werden muss, um gerettet zu werden. Theo Lehmanns Kernfrage lautete: Verlierst du den Himmel oder gewinnst du ihn? Zu den Diessenhofener Begegnungstagen eingeladen hatten die reformierten Kirchen von Diessenhofen, Schlatt und Basadingen-Schlattingen-Willisdorf.

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Glaube auch unter Druck ausüben

Lehmann prangerte Christen und Kirchen an, welche die Kernbotschaft des Evangeliums nicht mehr unter die Menschen bringen. "Sind wir bereit und in der Lage, eine mögliche Verfolgung durchzustehen?", fragte Lehmann vor seinem Erfahrungshintergrund unter dem DDR-Regime. Zahlreiche Spitzel waren auf ihn angesetzt; man machte ihm das Leben auf jede erdenkliche Weise schwer. Nachdrücklich setzte sich Pfarrer Lehmann dafür ein, dass Christen auch heute wieder die Fähigkeit erlernen, ihren Glauben unter Druck und Anfeindung auszuüben.

Viel Ernst und ein Schuss Ironie

Lehmann vertrat seine Anliegen mit Eifer, gewürzt mit einem Schuss Ironie. Wenn er seine markanten und humorvollen Signale sendete, ging ein Raunen durch die Hörerschaft. Der volkstümliche Redner übt eine eigenartige Anziehungskraft aus, obwohl er immer wieder kräftig austeilt. Zum Beispiel warf er einer spassbetonten Jugend- und Konfirmandenarbeit vor, dem Ernst des Lebens nicht gerecht zu werden. Was Lehmann in Diessenhofen sagte, stand quer zu einer durchschnittlichen Sonntagspredigt; sein Ton war nicht wohltemperiert auf Mass und Mitte getrimmt.

Prophetische Stimme

Der Theologe aus Ostdeutschland suchte nicht den friedvollen Ausgleich nach allen Seiten. Er teilte in Prophetenmanier aus. Die führenden Kreise in Gesellschaft und Kirche klagte er an, ihren Auftrag vernachlässigt und verwässert zu haben. Und gegenüber Freund und Feind verteidigte Lehmann den überlieferten Wahrheitsanspruch von Jesus Christus. Was Jesus in Johannes 6,67 seine Jünger fragt, das machte der Prediger aus Sachsen zum Thema seiner Schlusspredigt in Diessenhofen: "Wollt ihr auch weggehen?" In dieser Frage stecke, so Lehmann, ein Programm und eine selbstbewusste Haltung. "Jesus weiss, was er will und was er nicht will. Seine Forderungen ermässigt er nicht, obwohl einige Hörer bedenklich mit dem Kopf wackeln." Jesus habe es nicht nötig, sich zu entschuldigen, weil er etwa zu weit gegangen wäre, sagte Lehmann. Er könne es sich sogar leisten, die eigenen Leute ziehen zu lassen, sollten sie nicht auf seine Vorgaben eingehen. Lehmann: "Er braucht sie nicht, sie brauchen ihn."

"Das ist kein Semmel-Jesus!"

Theo Lehmann: "Das ist kein Semmel-Jesus, der zum Frühstück ein paar Gipfeli liefert. Sondern ein König mit Hoheit und Würde." Jesus brauche nicht um Zustimmung zu betteln oder um Wählerstimmen zu buhlen. Er habe keine Angst vor dem Urteil des Publikums. Er gebe nicht nach, "wenn jemand versucht, die Gnade verbilligt zu bekommen". "Diese Gnade ist teuer, und sie bleibt teuer. Und sie hat Grenzen", betonte Lehmann. Der Zugang zu dieser Gnade sei der Glaube, das persönliche Vertrauen zu Jesus. "Und das kostet. Das ist anspruchsvoll. Das setzt eine Entscheidung voraus. Das erfordert den Einsatz des Willens. Das braucht keine Rückversicherung bei der Mehrheitsmeinung, sondern Abstand von allen Formen des Halbglaubens und Unglaubens", so Theo Lehmann. Doch dann schaffe der Glaube die Befreiung aus einem Meer von Unverbindlichkeit und Beliebigkeit.

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